Kapitel 21 /
Unter Vorbehalt
10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

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Berger ließ Mara nicht mit dem Satz über die Suche gehen.
»Welche Unterlagen?«, fragte sie Jonas.
Er beschrieb drei große Blätter, zweimal gefaltet. Dünne Durchschläge, bläuliche Schrift. Auf einem sei ein Plan gewesen, auf einem anderen eine Tabelle mit Grundstücksnummern. Er habe sie in der Anlage aus einer braunen Mappe genommen. Die obere Ecke eines Blattes habe schon gefehlt.
»Und was hattest du vorher bei Mutter gesehen?«, fragte Mara.
»Einen Brief. An ihren Vater. Darin stand Jonas Voss, mit dem anderen Geburtsdatum. Und darunter diese Bezeichnung. Nachlauf U13.«
»Hast du ihn mitgenommen?«
Jonas schüttelte den Kopf. »Ich wollte wissen, warum in unseren Sachen ein toter Junge mit meinem Namen vorkam. Mutter war bei der Arbeit. Den Schlüssel hatte ich schon öfter gesehen.«
Mara wartete auf den nächsten Satz. Dass er nur kurz hatte nachsehen wollen. Dass er ihr deshalb nichts gesagt hatte. Jonas sagte ihn nicht.
Berger notierte seine Beschreibung, ohne ihm Bilder zum Vergleich zu zeigen. Dann fragte sie nach dem Verbleib der Blätter. Eva habe sie nach seiner Behandlung an sich genommen, sagte er. Später habe er danach gefragt. Seine Mutter habe geantwortet, sie seien sicher.
Sicher. Mara hatte dieses Wort ihr Leben lang für eine Ortsangabe gehalten.
»Ich fahre zum Haus«, sagte sie. »Aber nicht mit ihm.«
Jonas zog die Hand zurück, die bereits nach seiner Jacke gegriffen hatte. Mara sah es und blieb bei ihrer Entscheidung. Sie wollte ihn nicht hinter sich hören, während sie die Schränke ihrer Mutter öffnete.
Berger bat sie, Fundorte zu fotografieren, Blätter nicht zu trennen, wenn sie aneinanderhafteten, und vor allem nichts aus alten Bindungen herauszureißen. Bei einem passenden Fund würde jemand kommen. Jonas blieb zu weiteren Fragen. Als Mara hinausging, sagte er ihren Namen.
»Ich bin heute Abend erreichbar.«
Sie nickte. Das war für diesen Augenblick genug.
Im Haus war es kalt. Mara drehte die Heizung auf, nahm sie wieder zurück und ließ den Regler schließlich dort stehen, wo ihre Finger aufgehört hatten. Eva hatte jeden Herbst behauptet, man müsse erst lüften, bevor man heize. Mara öffnete kein Fenster.
Sie begann am Schreibtisch.
In der mittleren Schublade lagen Umschläge, Briefmarken, ein roter Faden mit einer Nadel darin. Hinten ein Lineal. Mara musste kurz lachen. Die Stimme ihrer Mutter aus Noras Aufnahme war plötzlich wieder da, der Kollege, die Schublade, die nicht hatte schließen wollen. Sie nahm das Lineal heraus. Darunter lag nichts.
Sie hatte gehofft, die Erinnerung sei ein Wegweiser. Dabei war sie vielleicht nur eine Erinnerung gewesen.
Mara stellte die geöffneten Schubladen nebeneinander auf den Boden und fotografierte ihren Inhalt. Dann sah sie jeden Umschlag durch. Stromabrechnungen. Eine abgelehnte Kur. Glückwünsche von Menschen, deren Namen sie nicht kannte. Zwischen zwei Steuerbescheiden lag eine Kinokarte. Ihre Mutter war an einem Mittwoch um halb sechs ins Kino gegangen. Mara betrachtete die kleine Zahl des Sitzplatzes länger als die übrigen Papiere.
Im unteren Fach standen Ordner. Rente. Gesundheit. Haus. Hinter dem letzten steckte eine flache graue Pappe ohne Beschriftung.
Mara legte sie auf den Tisch, bevor sie sie öffnete.
Darin waren Pläne des Hauses, die Rechnung für einen Dachrinnenwechsel und ein Umschlag, dessen Klebestelle nie zugedrückt worden war. Auf der Vorderseite stand in Evas Schrift: Oktober 98. Keine Warnung, kein Name. Das Jahr, in dem im Haus alles stehen geblieben und alles weitergegangen war.
Mara fotografierte den Umschlag an seinem Platz. Dann zog sie den Inhalt langsam heraus.
Drei gefaltete Durchschläge. Die äußere Seite grau vom Papierstaub, in der Mitte eine rechteckige hellere Stelle. Beim obersten fehlte eine Ecke.
Sie rief Berger an.
»Ich glaube, ich habe sie.«
»Lassen Sie sie liegen. Ich schicke jemanden.«
Mara sah auf die Uhr. Sie hatte fast zwei Stunden gesucht. Es kam ihr vor, als hätte sie gerade erst angefangen.
Während sie wartete, setzte sie Wasser auf. In den Schubladen auf dem Boden sah Evas Ordnung hilflos aus. Ohne das Holz darum waren es bloß Dinge, die jemand nicht weggeworfen hatte. Mara wollte sie zurückräumen, hielt aber inne. Sie würde sich später damit beschäftigen. Zum ersten Mal war später kein Versprechen an ihre Mutter.
Ruth rief an, als der Wasserkocher abschaltete.
Die Seite aus dem Ausgangsbuch sei angekommen. Belter habe ihr geholfen, den Anhang auszudrucken. Ruth wolle sie vorbeibringen, falls Mara zu Hause sei.
»Ja«, sagte Mara. »Und ich habe auch etwas.«
Ruth kam mit einer Stofftasche und einer Papiertüte. In der Tüte waren zwei Mohnschnecken, flach gedrückt, weil sie den Ausdruck daraufgelegt hatte.
»Die werden dadurch nicht schlechter«, sagte sie.
Mara holte Teller. Es war eine Erleichterung, über etwas anderer Meinung sein zu dürfen, das keine Folgen hatte.
Ruth breitete ihre Kopie am freien Ende des Tisches aus. Die Zahlung an Hanna stand zwischen einer Werkzeugerstattung und einem Restlohn an einen Mann, den Ruth nicht kannte. Die Namen waren nicht besonders hervorgehoben. Niemand hatte fünfzig Jahre zuvor daran gedacht, eine Schwester könnte an einer solchen Zeile festhalten müssen.
»Hier«, sagte Ruth. »Ganz rechts.«
Neben Hannas Eintrag stand eine Belegnummer. Darunter, mit anderer Feder, ein Datum im Dezember und ein kurzer Vermerk: Rücklauf.
Mara las ihn zweimal.
»Das Geld kam zurück?«
»Jedenfalls die Sendung. Das hätte ich aus einem Ausschnitt ihrer Zeile nicht erfahren.«
Ruth hatte die Auskunftsstelle bereits wieder angerufen. Das zugehörige Belegheft sei vorhanden, aber noch nicht durchgesehen. Sie habe die Nummer genannt und um Prüfung auch der Rückseite gebeten. Warum die Sendung zurückgekommen sei, stehe auf diesem Blatt nicht.
»Vielleicht hat sie es nicht abgeholt«, sagte Mara.
»Vielleicht war sie nie dort. Vielleicht durfte sie unter dem Namen nichts abholen. Vielleicht lag jemand bei der Anschrift falsch.«
Ruth strich die untere Kante der Kopie glatt.
»Ich möchte nicht wieder die Erklärung nehmen, mit der ich am besten schlafen kann.«
Mara rückte ihr den Teller hin. Ruth brach ein Stück ab und aß, ohne den Blick vom Blatt zu nehmen.
Der Beamte, den Berger schickte, stellte seine Tasche auf einen Stuhl. Er ließ Mara zeigen, wo sie den Umschlag gefunden hatte, fotografierte Mappe und Fach und nahm ihre Beschreibung auf. Ruth blieb am anderen Tischende. Die drei Blätter ließen sich ohne Widerstand entfalten. Er hielt sie an den Rändern, legte sie einzeln auf eine freie Unterlage und bat Mara, den Vorhang ein Stück zuzuziehen. Das schräge Licht spiegelte auf der Hülle, in die er sie anschließend legen wollte.
Als der Plan offen lag, erkannte Mara zuerst die Treppe.
Nicht, weil sie den Plan lesen konnte. Sie erkannte die wenigen Stufen und den Knick, an dem die Linie um den Hang lief. Daneben stand eine schmale rechteckige Form, der Aktenraum. Der See war nur eine Grenze auf diesem Blatt, etwas, das der Zeichner hatte weglassen können, um den Bau zu zeigen.
Das zweite Blatt war eine Mängelanzeige vom August 1976.
Mara las im Stehen. Unter einem Verweis auf den Dienstgang waren Hohlstellen unter der Sohle vermerkt. Ein vorgeschlagener Abschnitt sollte bis zu einer Prüfung nicht belastet werden. Weiter unten stand ein handschriftlicher Zusatz. Die Schrift drückte sich nur schwach durch, aber der Satz war lesbar.
Nach Einbruch ein Mann vermisst. Arbeiten eingestellt.
Mara hob den Kopf.
Der Beamte sah sie an. »Ich gebe das sofort weiter.«
»Das ist nicht der Unfall meines Bruders.«
»Das Blatt trägt ein anderes Datum.«
Natürlich tat es das. Sie wusste es. Trotzdem hatte sie die Zeit für einen Moment falsch herum gelesen: erst Jonas, dann Daniel, als läge der Anfang in ihrem eigenen Leben.
Ruth stand auf. Mara zeigte auf den Satz, ohne das Papier zu berühren.
»Du hast damals die Nachricht von dem Jungen weitergegeben.«
Ruth las. Ihr Gesicht veränderte sich nicht gleich. Erst als sie auf die Datumszeile sah, legte sie die Hand auf die Stuhllehne.
»Es war im selben Monat«, sagte sie. »Den Tag weiß ich nicht auswendig. Das habe ich auch Berger gesagt.«
»Könnte Paul das gewesen sein?«
»Wenn er noch lebte, kann er nicht der Tote gewesen sein, für den sie ihn ausgegeben haben.«
Mara merkte, wie sie schon wieder einen Namen in eine Lücke hatte setzen wollen. Auf dem Blatt stand weder Jonas noch Paul. Nur ein Mann. Vielleicht hatte niemand nach ihm gesucht, weil an seiner Stelle ein anderer für tot erklärt worden war. Vielleicht waren es zwei verschiedene Vorgänge. Beides ließ sich aus diesem Satz nicht entscheiden.
Das dritte Blatt passte zunächst nicht dazu.
Eine Zusammenstellung von Grundstücken am Hang. Flurstücksnummern, Flächen, Preise. In einer Spalte standen die bisherigen Eigentümer, in einer anderen eine Gesellschaft: Heller Grundbesitz. Mara kannte den Namen nicht. Zwei der Familiennamen erkannte Ruth sofort. Hartung und Lechner.
Es waren keine fertigen Kaufverträge. Oben stand Vorbereitung der Übertragung. In der unteren Hälfte gab es eine Zeile für einen Vorbehalt. Dort war auf einen ausstehenden Prüfbericht zum Baugrund verwiesen.
Der Verweis war mit einem einzigen Strich durchgezogen.
Daneben stand: Nach Erledigung der Personenangelegenheiten ohne diesen Zusatz ausfertigen.
Darunter eine Unterschrift. Anton Voss.
Mara setzte sich.
Der Beamte telefonierte im Flur mit Berger. Ruth blieb neben dem Tisch stehen. Sie sagte nichts über Evas Vater. Mara war ihr dankbar dafür, obwohl sie nicht wusste, was ein anderer Mensch in diesem Augenblick hätte sagen können.
Land. Preise. Menschen, deren Abreise auf einem falschen Empfangsschein bestätigt worden war. Ein Baugrund, über den jemand nichts mehr schreiben sollte.
Die dreizehn Namen waren nicht bloß aus einem Register verschwunden. Ihr Verschwinden hatte womöglich Geschäfte möglich gemacht.
»Du musst das nicht jetzt alles verstehen«, sagte Ruth schließlich.
»Nein.« Mara sah auf die Unterschrift. »Aber ich werde es nicht wieder in den Ordner stecken.«
Der Beamte fertigte die Empfangsbestätigung aus. Mara bat um Kopien, sobald die Sicherung es zuließ. Sie unterschrieb für den Umschlag und die drei Blätter und behielt den kleinen Beleg. Es war wenig Papier für etwas, das Eva so lange nicht hatte hergeben können.
Nachdem er gegangen war, saßen sie vor dem kalten Tee.
Jonas rief an. Mara stellte den Ton leiser und sagte Ruth, wer es war. Dann nahm sie ab.
»Drei Durchschläge«, sagte sie. »Ein Plan, eine Mängelanzeige, eine Grundstücksliste. Eine Ecke fehlt. Sie sind jetzt bei Berger.«
Jonas atmete hörbar aus.
»Das sind sie. Die Gangbezeichnung auf dem Plan war dieselbe wie auf dem Brief bei Mutter.«
»Und Paul? Warum war er an dem Tag dort?«
Diesmal ließ Mara ihm keine andere Frage dazwischenkommen.
»Er sollte eine Mappe holen. Für Mutter.«
Ruth sah vom Tisch auf. Mara hielt das Telefon so fest, dass die Kante in ihren Finger drückte.
»Sie hat ihn geschickt?«
»Ja. Das hat er mir später gesagt. Er wusste, welchen Schrank. Mutter wollte nicht, dass noch jemand die Sachen fand.«
Mara blickte auf das leere Ende des Tisches. Eva hatte einen Verletzten versorgen lassen. Sie hatte ihm ein anderes Leben ermöglicht und ihrer Tochter das Warten überlassen. Und sie hatte bereits nach den Papieren gegriffen, bevor sie wusste, dass ihr Sohn danach suchte.
»Hat Paul die Mappe geholt?«
»Nein. Er hat mich gehört und ist nicht mehr zurückgegangen. Ich hatte die Blätter unter dem Pullover.«
Mara schloss die Augen. Wenigstens diese Entscheidung hatte jemand richtig getroffen.
»Ich will wissen, was du heute weißt«, sagte sie. »Nicht immer nur das, wonach ich schon fragen kann.«
Lange sagte Jonas nichts. Mara hörte am anderen Ende eine Tür zufallen.
»Paul hat mir die Stelle gezeigt, bevor wir die Probe gemacht haben«, sagte er dann. »Am unteren Absatz. Da lief Sand aus einer Fuge. Er wollte, dass wir aufhören.«
Ruth hatte aufgehört, die Krümel auf ihrem Teller zusammenzuschieben.
»Und ihr habt weitergemacht?«
»Brandt sagte, das sei bekannt. Und ich habe ihm geglaubt.«
Mara stand auf. Sie suchte Bergers Nummer, während ihr Bruder noch sprach.