XIIIDas dreizehnte Ufer
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Kapitel 20 /

Was sie behielt

10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

Bleistiftzeichnung eines zusammengeklappten Wäscheständers vor einer Zimmertür und eines leeren Stücks Holzboden.
Der freigewordene Platz gehörte keinem wartenden Jungen mehr.

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12:56 Min. Hörzeit

Gelesen mit Nova · KI-generierte Stimme

»Von dir«, wiederholte Mara. »Was heißt das?«

Jonas legte den Becher hin. Er rollte ein Stück über den Tisch, bis Berger ihn mit zwei Fingern anhielt.

»Ich habe ihn gemacht. Aus einer alten Leiste. Eine Seite war noch dunkel lackiert.«

Mara sah das helle Holz wieder, den kleinen Rest unter dem Taster. Damals hatte sie sich gebückt, weil etwas nicht zum grauen Gehäuse passte. Jetzt saß der Mensch, der es dorthin gebracht haben konnte, auf der anderen Seite eines Tisches.

»Hast du ihn eingesetzt?«

»Bei einer Probe. Nicht an dem Morgen, an dem Paul starb.«

»Wer dann?«

»Das habe ich nicht gesehen.«

Berger schob den Becher beiseite. »Die Einzelheiten klären wir getrennt. Das ist keine Fortsetzung Ihres persönlichen Gesprächs.«

Mara wollte widersprechen. Nicht schon wieder vor einer Tür sitzen. Doch Jonas nickte, und diesmal galt das Nicken nicht ihr.

»Wem hast du ihn gegeben?«, fragte sie noch.

»Leon Brandt.«

Berger stand auf.

Draußen im Flur roch es nach warmem Staub. Mara zog ihren Mantel richtig an und steckte beide Hände in die Taschen. Die eine war leer. In der anderen lag der Kassenzettel vom Einkauf. Sie faltete ihn auseinander, bis sie die Milch lesen konnte.

Sie rief Lene an.

Nicht Ivo, den sie gern neben sich gehabt hätte. Nicht Ruth, die vermutlich längst im Bett lag. Sie hatte Lene versprochen, auch unangenehme Wahrheit über Paul zu erzählen. Nun begann sie mit der über ihren eigenen Bruder.

»Er ist hier«, sagte sie. »Jonas. Lebend.«

Am anderen Ende blieb es still. Dann fragte Lene, ob Mara allein sei.

»Auf der Dienststelle.«

»Hat er etwas mit Paul zu tun?«

»Er hat an dem mitgemacht, was dort geschehen sollte. Mehr kann ich dir noch nicht ordentlich sagen.«

Lene atmete durch die Nase aus. Mara hörte ein Geschirrtuch über eine Fläche streichen.

»Dann sag es mir ordentlich, sobald du es kannst.«

»Ja.«

»Und Mara? Ich freue mich für dich. Ich weiß nur noch nicht, wie.«

Mara hielt das Telefon fester. Sie hatte gehofft, Lene werde wütend. Wut hätte sie mit nach Hause nehmen können, ohne sich dafür bedanken zu müssen.

»Ich auch nicht«, sagte sie.

Berger kam nach einer Weile in den Flur. Jonas bleibe für weitere Gespräche, sagte sie. Seine Angaben müssten mit den vorhandenen Spuren abgeglichen werden. Mara brauche hier nicht zu warten. Für die Fragen zu seiner Versorgung 1998 könne sie am nächsten Vormittag wiederkommen, wenn sie das wolle.

»Ich will wissen, wo er die Jahre war.«

»Das verstehe ich.«

»Das war keine Bitte um Verständnis.«

Berger nahm den Satz hin. »Ich melde mich morgen.«

Mara entschuldigte sich nicht sofort. Erst an der Ausgangstür drehte sie sich um. Berger war noch da, und Mara sagte es doch.

Zu Hause ließ sie im Flur das Licht brennen. Sie ging in Jonas altes Zimmer und stellte den Wäscheständer zusammen. Zwei Gelenke klemmten, ein Strumpf fiel zwischen die Stäbe. Sie hob ihn auf und trug alles hinaus.

Dann betrachtete sie den freigewordenen Platz.

Sie hatte nichts vorbereitet. Kein Bett bezogen, kein Fenster geöffnet, kein Willkommen nachgeholt. Es war ein leeres Stück Boden. Zum ersten Mal gehörte es nicht mehr einem Jungen, dessen Rückkehr man unverändert hätte erwarten können.

Sie schlief auf dem Sofa ein, im Sitzen, und wachte mit einem schmerzenden Nacken auf.

Am sechsten Morgen rief Ruth vor Berger an.

»Ich habe die Auskunftsstelle erreicht.«

Mara setzte sich auf. »Haben sie etwas?«

»Einen weiteren Verweis. Nicht den, auf den alle gewartet haben.«

Die Mitarbeiterin hatte Ruth erklärt, dass die Suche im Melderegister mit ihren bisherigen Angaben nicht weitergekommen sei. In den beigefügten Unterlagen stand aber Hannas Beschäftigung in der Baukantine. Ruth hatte darauf bestanden, auch nach der Abrechnung dieser Stelle zu suchen. Nicht nur nach dem behaupteten Wohnheim.

»Sie haben einen übernommenen Bestand der früheren Bauverwaltung«, sagte Ruth. »Noch keine vollständige Personalakte. Aber ein Ausgangsbuch mit einer Zahlung an Hanna, Ende November sechsundsiebzig.«

»Unter ihrem Namen?«

»Unter ihrem alten Namen. Lohnrest, steht dabei. Versandanschrift postlagernd, Lichtenau.«

Ruth sprach den Ortsnamen ein zweites Mal. Mara suchte nach etwas, das sie damit verband, und fand nichts.

»Ist das ein Beweis, dass sie dort war?«

»Nein. Dass jemand Geld dorthin schicken wollte. Ob es ausgezahlt wurde, müssen sie noch prüfen.«

Mara hörte Papier rascheln. Ruth hatte mitgeschrieben.

»Ich habe um die ganze Seite gebeten. Nicht nur um ihre Zeile. Vielleicht stehen die Belegnummern daneben.«

»Soll ich dich fahren?«

»Wohin denn? Die Kopie kommt zu mir. Danach sehen wir weiter.«

Ruth klang zum ersten Mal nicht, als müsse sie eine Tür mit der Schulter offenhalten. Sie hatte eine andere gefunden.

»Jonas ist zurück«, sagte Mara.

Sie hätte es früher sagen sollen. Sie merkte es an der Pause.

»Seit wann?«

»Gestern Abend. Ich habe mit ihm gesprochen.«

»Und wie geht es dir?«

»Ich bin wütend.«

»Das glaube ich.«

»Ich dachte, ich wäre nur glücklich.«

»Du hast ihn gefunden. Nicht alles, was er dir genommen hat.«

Mara lehnte den Kopf gegen die Sofakante. Zum ersten Mal an diesem Morgen musste sie weinen. Ruth blieb am Telefon, ohne ihr vorzuschlagen, tief zu atmen.

Als Berger sich meldete, hatte Mara geduscht. Sie zog einen Pullover an, den Eva nie an ihr gesehen hatte, und fuhr zur Dienststelle.

Jonas war in einem anderen Raum. Mara sah ihn kurz durch die offene Tür, neben einem Mann mit einer schmalen Ledertasche. Berger bat sie zunächst zu sich.

»Er lässt sich beraten. Wir trennen die Fragen zu dem aktuellen Geschehen von Ihrer Familiengeschichte, soweit das möglich ist.«

Mara setzte sich. »Und Brandt?«

»Wird mit den Angaben konfrontiert. Sie werden von mir keine Entwarnung bekommen, bevor wir wissen, was sie tragen.«

Berger erläuterte nur, was für Maras eigenes Gespräch nötig war. Jonas habe eine Probe drei Abende vor Pauls Tod beschrieben. Paul sei dabei gewesen. Der Keil habe zum Festhalten des Tasters gedient. Das Holz stamme nach seiner Aussage aus einer Leiste in seinem Fahrzeug; den verbliebenen Abschnitt habe er zur Untersuchung angeboten. Brandt habe das Stück nach der Probe an sich genommen.

»Er hat es also nicht nur zufällig dabei gehabt.«

»Nein. Nach seiner Aussage wusste er, wozu es dienen sollte.«

»Und Brandt wusste es auch.«

»Das ist ein Teil dessen, was wir überprüfen.«

Mara dachte an Brandts sauberes Hemd am ersten Morgen, an seine Hand auf dem Geländer, an die vernünftige Stimme, mit der er das weitere Betreten verboten hatte. Die Sätze wurden durch den Verdacht nicht falsch. Es wurde nur schwerer, ihnen zu vertrauen.

»Der Versuch sollte die unteren Stufen freigeben«, sagte Berger. »Damit Paul dort stehen und später sichtbar heraufkommen konnte. Laut Jonas war ein begrenzter Ablauf vereinbart. Das erklärt noch nicht, was an jenem Morgen tatsächlich geschah.«

»Er wusste von dem Schlag. Der angeblichen Glocke.«

Berger nickte. »Er hat ihn bei der Probe gehört.«

Drei Tage. So lange hatte Herr Weigand das Geräusch schon wahrgenommen, bevor Mara am Bahnhof angekommen war. Die Vorbereitung ihres Schreckens hatte einen Anfang, den andere gehört hatten, ohne ihn zu kennen.

»Das Wasser hat nicht auf meine Ankunft gewartet«, sagte sie.

Berger antwortete nicht. Sie musste es nicht.

Für das zweite Gespräch brachte Jonas eine dünne Mappe mit. Berger sagte, die Originale würden gesichert; auf dem Tisch lagen Kopien aus seinen mitgebrachten Unterlagen. Kein vollständiges Leben. Einige Blätter, die in einem Umschlag genug Platz gehabt hatten.

Mara nahm zuerst die Rechnung.

Eine Privatpraxis in Brunnau. Datum: dreizehnter Oktober 1998. Handschriftlich ergänzte Behandlungsangaben, darunter Jan Reuter. Als Rechnungsempfängerin stand Eva Voss mit der damaligen Rieder Anschrift.

»Das hast du aufgehoben?«

»Mutter hat mir den Umschlag später gegeben. Als ich volljährig war. Mit anderen Sachen, die ich brauchen könnte.«

»Wofür?«

»Falls ich nachweisen müsste, dass es mich schon länger gab.«

Mara legte das Blatt hin. Auf einmal verstand sie, warum manche Menschen ihre Papiere in einer Tasche aufbewahrten, die man schnell mitnehmen konnte.

Jonas zeigte auf die Anschrift. Der Arzt habe in einem Haus am Ortsrand gearbeitet. Eine schmale Einfahrt, zwei Linden, ein Wartezimmer mit einem Aquarium ohne Fische. Er wusste noch, dass er die leere Scheibe angestarrt hatte, während Eva sprach. Seine Schulter sei ausgerenkt gewesen, am Kopf eine Wunde. Was genau der Arzt von der falschen Namensangabe wusste, könne er nicht sagen.

»Hat er dich gefragt?«

»Nach dem Unfall. Mutter hat geantwortet. Ich habe sie gelassen.«

»Du warst fünfzehn.«

Jonas sah sie an. Es war derselbe Satz, den sie sich selbst nicht hatte zugestehen wollen. Mara zog ihn nicht zurück.

Berger erklärte, dass die Rechnung überprüft und nach ergänzenden Unterlagen gesucht werde. Sie versprach keine heute noch vorhandene Patientenakte. Der Name allein sei auch kein Nachweis einer damals schon amtlich eingerichteten neuen Identität.

»Das kam danach«, sagte Jonas. »Schrittweise.«

Mara strich mit dem Finger über den Rand der Kopie. In der Nacht davor hatte Eva sie ins Bett gebracht. An diesen Handgriff erinnerte sie sich, ohne den Tag noch sicher von anderen trennen zu können. Sie sah die Decke, die ihre Mutter am Fußende einschlug. Eine Frau konnte ein Kind zudecken und bereits wissen, dass das andere anderswo lag.

»Wie bist du zu ihr gekommen?«

»Paul hat sie geholt.«

Mara hob den Kopf.

Jonas erzählte von dem schmalen Gang hinter dem Aktenraum. Er sei durch eine beschädigte Abdeckung gestürzt, habe sich verletzt und den oberen Weg nicht mehr nehmen können. Er sei einer Luftströmung gefolgt, bis er an einem vergitterten Seitenauslass Hilfe habe rufen können. Paul habe ihn dort gefunden.

»Zufällig?«

»Nein. Er war mir gefolgt.«

Jonas hatte ihn vorher an der Anlage gesehen und sich versteckt. Paul habe ihn bemerkt. Den Grund, warum Paul selbst dort gewesen war, habe er erst später verstanden. Damals habe er nur gewusst, dass dieser Mann ihn kannte und Eva holen konnte.

»Mutter kam mit dem Auto«, sagte Jonas. »Sie hat mir nicht geglaubt, als ich sagte, ich hätte dich beim Fahrrad gelassen. Sie war vorher zu Hause gewesen. Du warst schon da.«

Mara sah die Strecke vor sich. Die Brüstung, der Hang, Evas Küche. Jeder hatte nur einen Teil gesehen und daraus eine ganze Nacht gemacht.

»Wieso bist du nach der Behandlung nicht heim?«

Jonas rieb sich über den Mund.

»Mutter sagte, die Leute, denen die Unterlagen gehörten, wüssten, dass ich drin gewesen war. Paul könne mich erst einmal unterbringen. Bis sie herausgefunden hätte, was man gegen uns verwenden konnte.«

»Was gegen euch?«

»Den Einbruch. Was ich mitgenommen hatte. Und das, was du angeblich gesagt hattest.«

Mara wartete. Berger legte die Rechnung gerade vor sich hin.

»Was soll ich gesagt haben?«

»Dass du mich ins Wasser gehen gesehen hast.«

Der Raum blieb derselbe. Die Akte, die Flasche, die Hände ihrer Mutter auf einer Decke, die gar nicht hier war.

»Das steht nicht in meiner Aussage.«

»Ich weiß das seit gestern.«

»Du hast es achtundzwanzig Jahre geglaubt?«

»Nicht die ganze Zeit. Irgendwann habe ich nicht mehr nachsehen wollen. Weil ich dann hätte zurückkommen müssen.«

Mara schob die Rechnung zu Berger zurück.

Eva hatte nicht nur einem Kind gesagt, was es erinnern sollte. Sie hatte dem anderen eine Schwester gegeben, die etwas Falsches bezeugte. Dazwischen war genug Platz gewesen, um zwei Leben auseinanderzuhalten.

»Ich will die Unterlagen sehen, die du damals mitgenommen hast«, sagte Mara.

Jonas nickte und griff nicht nach seiner Mappe.

»Die hat Mutter behalten.«

Diesmal stand Mara auf. Sie nahm ihren Mantel vom Stuhl, ohne ihn anzuziehen.

»Dann suchen wir jetzt nach dem, was sie behalten wollte.«