Kapitel 19 /
Der Platz gegenüber
10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

Die Geschichte hören
13:35 Min. HörzeitGelesen mit Nova · KI-generierte Stimme
Die Aufnahme konnte nicht geladen werden. MP3 direkt öffnen →
Die Redakteurin hatte sieben Sekunden Stille entfernt.
Mara hörte die Aufnahme zweimal. Ihre Worte waren vollständig da. Auch das Atmen. Nur zwischen der Bitte um eine Nachricht und ihrem letzten Satz lag jetzt kaum mehr als eine Satzpause. Es klang, als wüsste sie schon, was sie wollte.
Sie rief die Frau an und bat, die Stelle wieder einzusetzen.
»Die Leute denken sonst, die Datei wäre zu Ende.«
»Dann denken sie das eben.«
Ruth saß noch am Küchentisch. Sie hatte die Brottüte zusammengefaltet, klein und ordentlich, ohne einen Grund dafür zu haben. Als Mara aufgelegt hatte, schob sie ihr das Telefon hin, das auf der anderen Seite des Tisches lag.
»Du wirst es brauchen.«
Eine halbe Stunde später stand die Nachricht auf der Seite der Regionalzeitung. Kein Bild vom See, kein altes Kinderfoto. Mara hatte ein Porträt aus ihrem beruflichen Profil angeboten. Darauf sah sie nach jemandem aus, der Geräte reparieren konnte und seine Rechnungen bezahlte. Die Redakteurin hatte die Aufnahme ungekürzt übernommen und darunter die von Berger genannte Kontaktstelle gesetzt.
Mara spielte den Anfang ab. Dann schloss sie die Seite.
»Jetzt fahren wir«, sagte Ruth.
»Wohin?«
»Du bringst mich nach Hause. Ich brauche mein Ladegerät, und du brauchst einen Grund, bis zur Tür zu gehen.«
Mara lachte, obwohl Ruth nicht gelächelt hatte.
Auf der Treppe rief Ivo an. Er hatte vom Einsatz gehört. Ob sie verletzt sei.
»Nein. Ich war draußen.«
»Die ganze Zeit?«
»Die ganze Zeit.«
Er atmete hörbar aus. Mara erzählte ihm von Daniel und der Restauratorin, dann vom Kasten. Ivo sagte nichts dazu, was hätte anders gemacht werden müssen. Dafür war sie ihm dankbar.
»Ich habe eine Nachricht veröffentlicht«, sagte sie.
Er wusste es bereits. Jemand hatte ihm den Link geschickt.
»Da steht jetzt, dass ich das Fahrrad hingestellt habe.«
»Das habe ich gelesen.«
Sie wartete auf den Vorwurf. Dass sie aus ihrer gemeinsamen Geschichte eine öffentliche gemacht habe, bevor er mit ihr zurechtkam. Er fragte nur, ob Berger damit einverstanden gewesen sei.
»Mit der Fassung. Ja.«
»Gut.«
Ruth ging langsam weiter zur Haustür. Mara hielt das Geländer fest.
»Ich wollte dir sagen, dass es mich nicht nur wegen Jonas interessiert, wie es dir geht.«
Am anderen Ende knisterte etwas.
»Ich versuche gerade, einen Drucker dazu zu bringen, ein Blatt nicht schief einzuziehen«, sagte Ivo. »Dabei denke ich über mein Leben nach.«
Mara lächelte. »Und?«
»Das Blatt ist noch immer schief.«
Sie verabschiedeten sich ohne Verabredung. Diesmal fühlte sich das nicht wie eine Strafe an.
Ruth nahm auf der Fahrt ihre Tasche auf den Schoß. Sie wollte am nächsten Morgen selbst bei der Stelle anrufen, an die Frau Belter ihre Anfrage geschickt hatte. Auf Maras Angebot, dabei zu sein, schüttelte sie den Kopf.
»Du kannst mich danach fragen, was sie gesagt haben.«
Vor der ehemaligen Bäckerei blieb Mara im Wagen sitzen, bis oben Licht anging. Dann fuhr sie zum Laden. Sie kaufte Milch, Eier und eine Packung Nudeln. An der Kasse hielt die Verkäuferin inne, als sie sie erkannte. Mara wartete. Die Frau nannte den Preis und gab ihr das Wechselgeld.
Erst draußen fiel ihr auf, wie erleichtert sie darüber war.
Zu Hause stellte sie die Milch in den Schrank und die Nudeln in den Kühlschrank. Sie korrigierte beides, setzte Wasser auf und vergaß das Salz. Beim Essen lag das Telefon neben dem Teller, mit der Rückseite nach oben. Alle paar Minuten drehte sie es um.
Der erste Anruf kam von einer früheren Mitschülerin. Sie habe immer gewusst, dass damals etwas nicht gestimmt habe. Mara hörte eine Weile zu, dann sagte sie, sie müsse auflegen. Sie wollte nicht wissen, was nun alle schon immer gewusst hatten.
Berger rief kurz nach sieben an.
»Es hat sich ein Mann gemeldet.«
Mara sah zur Uhr über dem Herd. Der Sekundenzeiger stockte an derselben Stelle wie früher und sprang dann weiter.
»Was sagt er?«
»Dass er auf der Aufnahme spricht. Er ist bereit, persönlich zu kommen. Wir haben ihm gesagt, dass er zunächst mit uns reden muss.«
»Wo ist er?«
»Auf dem Weg hierher.«
»Aus Ried?«
»Ich möchte Ihnen keine ungeprüften Angaben weitergeben.«
Mara schob ihren Teller weg. »Muss ich etwas tun?«
»Noch nicht. Wenn ein Gespräch möglich ist, rufe ich wieder an. Sie entscheiden dann, ob Sie kommen möchten.«
Nach dem Auflegen räumte Mara ab. Sie spülte den Teller, den Topf, die Gabel. Die Arbeitsfläche war längst sauber, als sie das Tuch erneut auswrang. Schließlich setzte sie sich in den Flur, zog die Schuhe an und wartete dort.
Der zweite Anruf kam, als draußen die Straßenlampen angingen.
Auf der Dienststelle bekam sie keinen Namen genannt, den sie kannte.
Jan Reuter.
Berger sprach ihn langsam aus. So laute der vorgelegte Ausweis. Der Mann behaupte, früher Jonas Voss geheißen zu haben. Seine Angaben würden geprüft. Die amtliche Identitätsklärung werde nicht dadurch ersetzt, dass Mara ihn erkenne oder nicht erkenne.
»Ich bin keine Sachverständige für meinen Bruder«, sagte Mara.
Berger nickte. »Deshalb sage ich es Ihnen.«
Sie saßen in dem kleinen Büro, in dem Mara ihre erste Berichtigung unterschrieben hatte. Auf dem Fensterbrett stand eine Pflanze in einem zu engen Topf. Mara erinnerte sich an eine braune Blattspitze, die sie damals gezählt hatte, um Ivos Stimme im Nebenraum nicht hören zu müssen.
»Er hat Angaben zu Paul und zu der Herstellung der langen Aufnahme gemacht«, sagte Berger. »Wir haben das getrennt aufgenommen. Für ein persönliches Gespräch kann ich Ihnen jetzt etwas Zeit geben. Ich bleibe dabei.«
»Ist er festgenommen?«
»Er ist freiwillig hier. Alles Weitere behandeln wir nach dem, was sich ergibt.«
Mara zog den Mantel aus. Dann wieder an. Sie bekam den zweiten Arm nicht gleich in den Ärmel und ließ ihn schließlich offen über den Schultern liegen.
»Ich möchte ihn sehen.«
Berger stand auf und öffnete die Verbindungstür.
Der Mann im anderen Zimmer erhob sich zu schnell. Sein Stuhl stieß gegen die Wand. Er hielt ihn mit einer Hand fest und blieb dahinter stehen.
Mara sah zuerst, was nicht zu ihrer Erinnerung passte. Der Ansatz seiner Haare, weiter zurückgewichen. Die schmalen Falten neben dem Mund. Ein weicher Bauch unter einem dunkelblauen Hemd. Er hätte jemand sein können, der ihr in einem Zug den Koffer ins Gepäckfach hob.
Dann zog er den Mund auf einer Seite hoch, ohne zu lächeln.
Sie hatte diese Bewegung seit achtundzwanzig Jahren nicht mehr gesehen. In ihrer Erinnerung gehörte sie zu einem Jungen, der Ärger erwartete und so tat, als sei er auf alles vorbereitet.
»Mara.«
Die Stimme auf dem Band war ihr vertrauter als sein Gesicht. Das erschreckte sie.
Er machte einen halben Schritt um den Stuhl herum.
»Bleib da«, sagte sie.
Er blieb stehen.
Berger rückte einen zweiten Stuhl an den Tisch. Mara setzte sich, weil ihre Knie sich so anfühlten, als hätte sie zu lange auf einer Leiter gestanden. Der Mann setzte sich erst, nachdem sie saß. Er stellte seine Hände auf die Oberschenkel, nahm sie wieder hoch und faltete sie vor sich.
Seine linke Hand lag oben.
Mara hatte gedacht, sie würde weinen. Stattdessen ärgerte sie sich über sein Hemd. Es war gebügelt. Irgendwo hatte er an diesem Morgen ein Hemd aus einem Schrank genommen, während sie glaubte, sein Leben sei an einer Ufermauer zu Ende gegangen.
»Wie oft hast du mich gesehen?«
Er sah zu Berger. Die sagte nichts.
»Auf Bildern«, antwortete er. »Später im Internet.«
»Und sonst?«
»Einmal in Leipzig. Vor drei Jahren.«
Mara hörte, wie Berger ihren Stift ablegte.
»Wo?«
»Vor deinem Haus. Du kamst mit einem Fahrrad. Ich bin auf der anderen Straßenseite geblieben.«
Mara versuchte, sich einen Tag aus drei Jahren herauszugreifen. Sie sah Dutzende Heimwege, Einkaufstaschen, Regen an der Klingel. Keiner gab den Mann zurück, der dort gestanden haben wollte.
»Du wusstest, wo ich wohne.«
»Ja.«
»Du wusstest, dass ich noch warte.«
Er senkte den Blick.
»Sieh mich an.«
Er gehorchte. Das machte sie noch wütender.
Berger fragte, ob sie eine Pause brauche. Mara schüttelte den Kopf. Wenn sie jetzt aufstand, würde dieser Mann vielleicht wieder zu einer Möglichkeit werden. Sie wollte ihn im Zimmer behalten, mit seinem Hemd und seinen schlechten Antworten.
»Bist du damals zurück zum Fahrrad?«
»Nein.«
»Hast du nach mir gesucht?«
»Nicht an dem Abend.«
Sie wartete.
»Ich kam nicht mehr zurück. Ich war in dem Gang.«
Mara sah auf seine Hände. »In dem mit der Gittertür?«
»Ja.«
»Was wolltest du dort?«
»Wissen, warum es einen toten Jungen mit meinem Namen gab. Mutter hatte Unterlagen darüber. Ich hatte etwas davon gesehen.«
»Du hast mich beim Rad gelassen, um nach Akten zu suchen?«
»Ich dachte, ich wäre schnell wieder da.«
Zum ersten Mal klang ein Satz so jung wie der Mensch, den sie gesucht hatte. Es war keine Entschuldigung. Es war die ganze dumme Größe eines Nachmittags, an dem jemand fünfzehn gewesen war.
Er erzählte nicht viel auf einmal. Im unteren Bereich habe es einen Unfall gegeben. Er sei verletzt gewesen und habe einen anderen Ausgang genommen. Mara unterbrach ihn, bevor aus seinem Bericht eine Strecke wurde, der sie nur noch folgen musste.
»Hast du Mutter danach gesehen?«
»Ja.«
»Wann?«
»In der Nacht.«
Mara drückte beide Füße auf den Boden.
»Sie wusste es.«
Er nickte.
»Während wir gesucht haben.«
»Ja.«
Berger nahm den Stift wieder auf. Der Mann erzählte von einer Behandlung außerhalb Rieds, von einem anderen Namen, den Eva genannt habe. Er könne den Ort beschreiben. Er wolle alles angeben. Mara hörte das Wollen und fragte sich, wie viele Jahre ein Mensch damit verbringen konnte, etwas zu wollen, bevor es jemand anderem nützte.
»Du warst verletzt«, sagte sie. »Das erklärt die Nacht. Vielleicht ein paar Wochen. Es erklärt nicht Leipzig.«
»Nein.«
Sie hätte eine Verteidigung leichter ertragen. Gegen einen Mann, der zustimmte, ließ sich kein gemeinsamer Zorn halten.
Eine Kollegin stellte auf Bergers Bitte Wasser in den Raum. Zwei Becher, eine Flasche. Der Mann griff mit links danach, hielt inne und schob die Flasche erst zu Mara. Sie schenkte sich ein. Er nahm den zweiten Becher nicht.
»Wie soll ich dich nennen?«
»Jonas, wenn du möchtest.«
»Und wenn ich nicht möchte?«
Er sah sie an. »Dann nicht.«
Mara trank. Das Wasser war zu kalt. In ihren Zähnen zog ein Schmerz hoch, klar und klein genug, um ihn zu verstehen.
»Ich bin nicht gekommen, damit du mich zurücknimmst«, sagte er.
»Warum dann?«
»Weil ich deine Nachricht gehört habe.«
»Die hast du dir bestellt. Auf dem Band. Paul sollte mich nach der Jacke fragen.«
Er blickte zum Fenster.
»Ich wollte hören, was du noch weißt. Nicht, was Mutter dir erzählt hat.«
»Und du hättest einfach fragen können.«
»Ja.«
Mara stellte den Becher ab. »Noch einmal dieses Ja, und ich gehe.«
Er zog die Hände vom Tisch. Zum ersten Mal sah er nicht nur beschämt aus, sondern getroffen.
»Ich hatte Angst, dass du mich ansiehst und nur sie in mir findest«, sagte er. »Dass ich dir von ihr erzähle und du mich dafür hasst. Also wollte ich, dass du selbst auf etwas kommst. Das war feige. Und es war bequem. Du solltest die Arbeit machen, die ich nicht machen wollte.«
Mara sah auf den leeren Becher vor ihm. Er hatte mit einem Wiedersehen gerechnet, für das sie vorbereitet sein sollte. Er selbst hatte sich nur ein Hemd angezogen.
»Ich habe gesagt, ich bleibe«, sagte sie. »Das hieß nicht, dass ich dir verzeihe.«
»Ich weiß.«
»Nein. Das wirst du erst merken.«
Berger ließ ihnen einen Augenblick. Dann sagte sie, sie müssten für heute entscheiden, wie es weitergehe. Seine Angaben zum See erforderten weitere Gespräche. Mara könne jemanden bitten, sie abzuholen.
Sie dachte an Ivo. An Ruth, die morgen ihren eigenen Anruf führen wollte. An Lene, die keinen Mann mehr gegenüber sitzen hatte, dem sie Fragen stellen konnte.
»Eine Sache noch.«
Der Mann hob den Kopf.
»Paul. Warst du nur die Stimme, oder hast du mitgemacht?«
Er griff endlich nach dem Becher. Nicht um zu trinken. Er drehte ihn zwischen den Fingern, einmal, und stellte ihn zurück.
»Ich habe das Frau Berger vorhin schon gesagt.«
»Dann sag es mir.«
»Der Holzkeil am Schalter«, sagte Jonas. »Der war von mir.«