Kapitel 18 /
Was übrig bleibt
10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

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»Wie heißt er?«, fragte die Technikerin.
Die Restauratorin sagte einen Vornamen. Daniel. Dann sprach sie mit ihm, nicht mehr mit den Leuten draußen. Mara hörte ein leises Nein, zweimal hintereinander. Der Mann wollte offenbar versuchen, sein Bein selbst herauszuziehen.
»Bleib bei mir«, sagte die Restauratorin. »Ich gehe nicht weg.«
Die Technikerin gab ihre Angaben weiter. Brandt nannte am Telefon die Zufahrt, den Zugang, zwei Menschen im Raum. Er musste den Straßennamen wiederholen. Während er buchstabierte, blieb Maras Blick an der Schranktür hängen. Das Wasser darunter bewegte sich kaum. Es war diese Langsamkeit, die sie nicht aushielt.
Berger schob den Klapptisch aus dem Weg. »Die Fahrzeuge müssen hier wenden können.«
Mara nahm ihre Mappe unter der Bank hervor und ging zu ihrem Wagen. Sie hatte ihn ordentlich am Rand abgestellt, dort, wo er niemanden störte. Jetzt versperrte er die einzige breite Stelle. Ihre Hand verfehlte das Zündschloss. Beim zweiten Versuch hielt sie den Schlüssel mit beiden Händen.
Als sie von der Straße zurückkam, stand eine Frau mit einem Hund am Absperrband. Sie wollte wissen, ob es um den Toten gehe. Mara antwortete nicht. Sie blieb an der Einmündung stehen und winkte den ersten ankommenden Wagen zur richtigen Tür.
Danach hatte sie nichts mehr zu tun.
Aus dem Kabelraum wurden Geräte getragen. Männer in Helmen kamen hinzu, eine Frau mit einer großen Tasche. Niemand rannte. Auf Fragen folgten kurze Antworten, dann wieder Fragen. Der Bauprüfer zeichnete mit dem Finger auf einem Plan. Mara sah, wie einer der Männer den Kopf schüttelte und auf eine andere Stelle zeigte.
Die Restauratorin meldete, dass Daniel wach sei. Ihr eigener Fuß stehe auf festem Boden. Sie könne ihn halten, aber nicht anheben.
»Sie bleiben dort. Wir kommen zu Ihnen.«
Mara kannte solche Sätze aus Filmen. Dort waren sie der Anfang einer Rettung. Hier blieb nach ihnen Zeit übrig, in der noch nichts geschehen war.
Ihr Telefon vibrierte. Ruth fragte, ob sie schon etwas wisse.
Mara schrieb: Es hat einen Unfall gegeben. Zwei Menschen sind noch drin. Bitte komm nicht her. Ich melde mich.
Sie löschte den letzten Satz und rief an.
»Lebt er?«, fragte Ruth sofort.
»Ja. Beide.«
»Und du bist draußen?«
»Ja.«
Mara erzählte ihr vom Kasten. Das Wort Gegenregister brachte sie nur langsam heraus. Ruth schwieg so lange, dass Mara glaubte, die Verbindung sei abgebrochen.
»Ist Hanna dabei?«
»Die Karten konnten noch nicht gelesen werden.«
»Dann lass sie jetzt die Leute holen.«
»Das tun sie.«
»Ich weiß. Ich meinte dich.«
Mara legte auf, ohne sich zu verabschieden. Einen Augenblick ärgerte sie sich. Dann merkte sie, dass sie noch immer auf den Monitor starrte und den Kasten an seinen Platz zurückwünschte, obwohl er dort längst stand.
Das Bild bewegte sich. Jemand hatte die Kamera aufgehoben. Ein Helm verdeckte den Schrank, dahinter sah Mara Daniels Schulter. Die Restauratorin kniete neben ihm. Von seinem Bein war nichts zu erkennen. Ein Retter fragte ihn etwas; Daniel antwortete mit erstaunlich gewöhnlicher Stimme, als müsse er einen Liefertermin bestätigen.
Berger drehte den Bildschirm ein Stück weg. Mara konnte ihn weiter sehen, wenn sie sich vorbeugte. Sie tat es nicht.
Brandt kam zur Bank. Sein Telefon lag offen in seiner Hand. Ein Mitarbeiter am anderen Ende sprach so laut, dass Mara einzelne Wörter verstand: Pegel, Protokoll, Ortsbetrieb.
»Jetzt keine Änderung ohne Abstimmung mit der Einsatzleitung«, sagte Brandt. Dann hörte er zu. »Auch keinen Versuch.«
Das letzte Wort ließ Mara aufsehen.
Brandt bemerkte es. »Wir dürfen die Verhältnisse da unten nicht noch einmal verändern.«
»Noch einmal?«
Er sah zum Eingang. »Die Absenkungen der letzten Tage gehören in die Prüfung.«
»Die sollten doch nur etwas sichtbar machen.«
»Das haben wir gesehen.« Seine Stimme war plötzlich hart. Dann rieb er mit dem Daumen über den Rand des Telefons. »Entschuldigung.«
Berger war neben sie getreten. Sie verlangte die vollständigen Betriebsaufzeichnungen, einschließlich der örtlichen Bedienungen. Brandt sagte, sie bekomme sie. Der Bauprüfer, der gerade aus dem Kabelraum kam, hörte das Ende.
»Und die alten Reparaturen«, sagte er. »Da fehlt unter den Platten Material. Das ist nicht heute Morgen entstanden.«
»Hat die Absenkung das ausgelöst?«, fragte Berger.
»Das untersuchen wir. Einen alten Hohlraum macht ein neuer Messwert nicht jünger.«
Er ging weiter, bevor Brandt antworten konnte. Mara sah auf die Mappe in ihren Händen. Darin lag die Kopie von Ivos Arbeitskarte. Freizuhalten, stand dort. Ein Wort, das Platz versprach und nichts darüber sagte, was diesen Platz noch trug.
Drinnen begann ein metallisches Klopfen. Es wurde unterbrochen, setzte wieder ein. Mara zählte nicht. Sie drückte mit dem Daumen auf den Falz ihrer Mappe, bis das Papier weich wurde.
Die Restauratorin kam zuerst heraus. Ein Helfer hielt ihren Arm. Ihr Gesicht war grau, die festgebundenen Haare hatten sich an einer Seite gelöst. Sie blieb nicht bei den Tischen stehen, sondern setzte sich auf den Boden neben die Bank. Eine Sanitäterin hockte sich vor sie.
»Der andere?«, fragte Mara.
»Sie haben ihn frei.« Die Frau schluckte. »Sie müssen ihn noch um die Biegung bringen.«
Erst jetzt fing sie an zu zittern.
Mara nahm eines der sauberen Tücher vom Tisch, hielt inne und sah zur Sanitäterin. Die schüttelte den Kopf und holte eine Decke aus ihrer Tasche. Mara legte das Tuch zurück. Sie konnte der Frau nichts geben, was nicht schon jemand besser für sie bereithielt.
Dann kam Daniel. Vier Menschen trugen ihn, langsam, mit einer Pause an der Tür. Ein Bein war ruhiggestellt. Seine Augen waren offen. Als die Restauratorin aufstehen wollte, hob er eine Hand, nur ein kleines Stück. Sie blieb sitzen und hob ihre ebenfalls.
Mara hätte später nicht sagen können, ob einer von beiden dabei lächelte.
Die Trage verschwand im Wagen. Eine Tür wurde geschlossen. Die Sanitäterin sagte der Restauratorin, auch sie komme zur Untersuchung mit. Die Frau nickte. Dann suchte sie Berger mit den Augen.
»Der Kasten ist gefallen.«
Berger setzte sich neben sie auf die Bankkante.
»Wann?«
»Während sie ihn freigemacht haben. Der Schrank hat sich gesetzt. Ich habe es gehört und dann gesehen.«
Sie sah Mara an, als wäre eine Entschuldigung von ihr verlangt worden.
»Sie mussten an sein Bein. Anders ging es dort nicht.«
»Sie müssen sich dafür nicht rechtfertigen«, sagte Berger.
Die Frau presste die Lippen aufeinander. Mara hörte Ruths Stimme in ihrem Kopf und sagte: »Er ist draußen.«
Die Restauratorin nickte, aber sie wirkte nicht erleichtert. Noch nicht. Sie ging mit der Sanitäterin zum zweiten Wagen.
Die Männer am Eingang kamen nacheinander zurück. Einer trug eine flache Wanne. Darin lag ein nasser Stapel Karten, zusammengehalten von einem abgebrochenen Stück Holz. Ein Trennblatt hing darüber wie ein zu großer Hemdkragen. Niemand fasste es an.
»Das lag auf dem Rückweg vor der Schwelle«, sagte der Mann zu Berger. »Was hinten war, ist weg.«
Auf der letzten Aufnahme sah Mara, was er meinte. Der Schrank hatte sich zur Wand geneigt. Der Kasten war aufgesprungen, seine Rückwand abgerissen. Hinter ihm klaffte zwischen den abgesackten Platten ein dunkler Spalt. Wasser lief hinein. Einzelne helle Kanten verschwanden unter einer gelösten Platte, dann drehte jemand die Kamera zum Ausgang.
Danach gab es kein Bild mehr aus dem Raum.
Die Einsatzleitung sperrte den Zugang auch für weitere Aktenbergungen. Für diesen Tag ging niemand zurück. Berger ließ die Aufnahmen sichern und den Fundort der geretteten Karten festhalten. Mara fragte nicht, ob man nur kurz nachsehen könne.
Sie wusste genug über nasses Papier, um zu wissen, dass die Zeit nun auf beiden Seiten arbeitete: gegen die, die noch hineinmussten, und gegen das, was unten lag.
Ruth kam am frühen Nachmittag zu Eva. Mara hatte sie angerufen, nachdem beide Verletzten fortgebracht worden waren. Sie hatte gesagt, sie wolle nicht allein sein. Ruth hatte weder nach dem Grund gefragt noch angeboten, dass Mara sich zusammennehmen müsse.
Auf dem Küchentisch lag das Brot von Ivo. Ruth schnitt zwei Scheiben ab, dann legte sie das Messer hin.
»Wie viel ist übrig?«
Mara zeigte mit den Händen die Größe des Stapels in der Wanne.
»Ich weiß nicht, wie viele Karten. Sie trennen sie erst unter geeigneten Bedingungen. Auf dem Film sieht man Emil Hartung, aber seinen zweiten Namen nicht.«
»Und meine Schwester?«
»Keine lesbare Karte.«
Ruth setzte sich. Sie hatte ihre Handtasche noch am Arm. Mara nahm sie ihr nicht ab.
Später meldete sich Berger. Die erste Einschätzung aus der Konservierung sei ernüchternd. Vom hinteren Teil des Kastens seien auf den Bildern zerrissene Karten mit weggespülter Schrift zu erkennen. Solche Einträge ließen sich auch durch eine spätere Bergung der Papierstücke nicht vollständig zurückholen. Was in dem geretteten Block stecke, könne niemand seriös versprechen.
Mara schaltete auf Lautsprecher, nachdem sie beide gefragt hatte.
»Das Transportbuch ist unbeschädigt in der Sicherung«, sagte Berger. »Und wir haben die Aufnahmen von vor dem Unfall.«
Ruth fragte, ob ihre Suchanfrage weiterlaufe.
»Ja. Unabhängig davon.«
»Dann schreiben Sie bitte nicht dazu, dass wir erst warten sollen, was aus dem Kasten wird.«
Berger versprach es. Ruth nahm die Tasche endlich ab.
Mara hatte gehofft, das Gegenregister würde jedem der dreizehn Menschen einen Weg zuweisen. Nun blieben auf den geretteten Bildern Spalten, Ränder, ein alter Name. Für einige würde es vielleicht noch eine Antwort geben. Für andere hatten sie die einzige Verbindung gerade verschwinden sehen. Sie konnte diesen Unterschied nicht mit dem Wort Hoffnung überdecken.
»Ich habe ihn warten lassen«, sagte sie.
Ruth sah auf. »Wen?«
»Jonas. Achtundzwanzig Jahre lang habe ich gedacht, er hätte mich einfach zurückgelassen. Aber ich bin zuerst gegangen.«
»Du warst zehn.«
»Ich weiß.«
»Nein. Du sagst es wie eine Zahl, die man von einer Schuld abziehen kann. Mit zehn durfte man dich irgendwo vergessen. Du durftest nicht für alles zuständig sein.«
»Vielleicht hat er mich gesucht.«
Ruth nahm einen Brotkrümel mit der Fingerspitze auf. »Vielleicht. Frag ihn, wenn du kannst.«
Es war das erste Mal, dass jemand den Satz so einfach aussprach. Ohne ihr zu versichern, er lebe. Ohne ihr den Gedanken zu verbieten.
Mara holte ihr Telefon.
Sie rief nicht Nora an. Noch einmal wollte sie dieser Frau keine Worte geben, aus denen sie ein anderes Anliegen machen konnte. Stattdessen fragte sie Berger nach einer Möglichkeit, den unbekannten zweiten Sprecher öffentlich um Kontakt zu bitten. Kein Ausschnitt der Kassette, keine fremde Stimme. Nur ihre eigene.
Berger schwieg kurz. Dann besprachen sie, was Mara von ihrem eigenen Heimweg sagen konnte, ohne Einzelheiten aus der laufenden Untersuchung preiszugeben. Eine Rückmeldung sollte zunächst über die Dienststelle kommen. Kein öffentlicher Treffpunkt. Keine private Telefonnummer.
Die Regionalredaktion, die bereits über Pauls Tod berichtet hatte, nahm ihren Anruf an. Die Redakteurin wollte die Aufnahme vollständig hören, bevor sie etwas zusagte. Mara bat um eine unveränderte Veröffentlichung zusammen mit dem Hinweis auf die Kontaktstelle. Die Frau sagte, sie könne ihr das vorab zur Prüfung schicken.
Mara stellte das Telefon gegen die Brottüte. Beim ersten Versuch erklärte sie zu viel. Beim zweiten sagte sie Jonas und brach ab.
Ruth blieb sitzen. Sie half ihr nicht beim Formulieren.
Im dritten Versuch nannte Mara ihren Namen. Dann sprach sie zu dem Mann, dessen Stimme sie erkannt hatte und dessen Gesicht sie noch immer als das eines Fünfzehnjährigen vor sich sah.
»Ich bin damals nach Hause gegangen. Das Fahrrad habe ich an die Brüstung gestellt. Ich dachte, du würdest es finden und nachkommen.«
Sie atmete ein. Hinter ihr summte der Kühlschrank.
»Ich weiß jetzt, dass du vom Wasser weggegangen bist. Ich weiß nicht, wie weit. Wenn du diese Nachricht hörst, melde dich.«
Mara ließ eine Pause, lang genug, dass sie sie später hätte herausschneiden können.
»Diesmal bleibe ich.«