XIIIDas dreizehnte Ufer
← Inhaltsverzeichnis

Kapitel 17 /

Die offene Fuge

10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

Bleistiftzeichnung alter Stahlschränke und eines Karteikastens in einem gemauerten Aktenraum.
Hinter den Trennblättern hatte jeder Name ein zweites Feld.

Die Geschichte hören

13:32 Min. Hörzeit

Gelesen mit Nova · KI-generierte Stimme

Berger zog einen Strich quer über Maras Linie.

»Bis hierher haben Sie ihn gesehen?«

Mara nickte. Auf der Motorhaube lag der Straßenplan, an einer Ecke von Ivos Brottüte beschwert. Der Querstrich war kaum länger als ein Fingernagel. Dahinter begann das Gelände, das sie ihrem Bruder in all den Jahren erspart hatte: Wege, auf denen er noch etwas vorgehabt haben konnte.

Sie gingen zu dritt hinauf. Berger nahm den Plan mit. Zwischen den Grundstücken war der Weg so schmal, dass Mara den Mantel enger hielt, obwohl kein Zaun sie berührte. Ein Mann schnitt hinter einer Hecke Zweige klein. Er grüßte Ivo und fragte, ob die neue Vermessung endlich komme.

»Dafür bin ich gerade nicht zuständig.«

Der Mann nickte zufrieden, als hätte er eine Zusage bekommen.

Am oberen Ende stand ein verschlossenes Gartentor. Mara blieb davor stehen. Der Weg, dem sie so bereitwillig eine Richtung gegeben hatte, endete zwischen Kompostbehältern.

Ivo zeigte auf einen schmalen Durchlass rechts. »Der alte Fußweg wurde beim Verkauf geteilt. Der Durchgang blieb daneben.«

»Weißt du das oder erinnerst du dich?«, fragte Berger.

Er holte sein Telefon heraus. In den Unterlagen, die er wegen des Betriebszugangs abgegeben hatte, lag auch der ältere Lageplan. Auf der Kopie verlief der Weg noch gerade über das heutige Gartengrundstück. Danach zog er am Hang entlang, oberhalb der Uferstraße, bis zur gepflasterten Fläche vor dem Kabelraum.

Mara sah auf die Linie. Von dem Ort, an dem sie Jonas zuletzt gesehen hatte, konnte man den oberen Zugang erreichen, ohne zur Südbucht hinunterzugehen. Das war eine mögliche Strecke. Sie hatte ihren Bruder nicht auf ihr gesehen.

»Ich möchte weiter«, sagte sie.

»Bis zur Straße«, sagte Berger. »Die Anlage bleibt gesperrt.«

Sie brauchten länger, als Mara erwartet hatte. Der Pfad stieg zunächst an und verlief dann fast eben zwischen den rückwärtigen Gärten und dem Wald. Durch eine Lücke sah sie weit unten die Nordbrüstung. Dort hatte Ivo gesucht. Von hier aus war sie ein heller Strich, zu dünn, um ein Fahrrad darauf erkennen zu können.

Am Betriebszugang war die graue Tür geschlossen. Die Fahrzeuge der Bergung waren fort. Ein Stück Absperrband schlug gegen den Pfosten. Mara stellte sich auf die andere Straßenseite und betrachtete die Regenrinne, aus der Gras wuchs.

Jonas hätte hier ankommen können. Er hätte zurückgehen können. Achtundzwanzig Jahre lang hatte sie sich nur vorgestellt, was Wasser mit einem Körper tat. Die Möglichkeit einer Tür verlangte mehr von ihr.

»Was passiert morgen mit den Schränken?«

Berger faltete den Plan. Der Raum werde weiter untersucht, sagte sie. Eine Restauratorin komme dazu. Erst wenn der Bauprüfer es zulasse, würden die geschlossenen Fächer geöffnet. Das Transportbuch sei inzwischen in fachlicher Obhut.

»Das bleibt draußen«, sagte Mara.

Berger sah sie einen Augenblick an. »Ja.«

Auf dem Rückweg gingen sie nicht wieder durch die Gärten. Berger nahm die Straße zur Dienststelle. Ivo begleitete Mara bis zu ihrem Wagen, der noch bei Frau Belter stand. Ruth war längst mit dem Taxi nach Hause gefahren; sie hatte geschrieben, dass ihr ergänztes Formular abgeschickt sei.

Ivo reichte Mara das Brot.

»Kommst du mit?«, fragte sie.

»Heute nicht.«

Sie nahm die Tüte. Ihre Finger blieben an der gefalteten Kante hängen.

»Wegen dem, was ich gesagt habe?«

»Auch.« Er sah sie an. »Ich will jetzt nicht bei dir sitzen und so tun, als hätte ich schon verstanden, was ich damit mache.«

Mara nickte. Sie hätte ihn gern noch etwas gefragt, etwas Kleines, das ihn zum Bleiben verpflichtet hätte. Ob er wisse, wo Eva das Brotmesser aufbewahrt hatte. Ob er ihr beim Rechner helfen könne. Stattdessen öffnete sie den Wagen.

Zu Hause aß sie zwei Scheiben im Stehen. Die übrigen wickelte sie ein. Dann stellte sie einen zweiten Teller zurück in den Schrank, den sie ohne nachzudenken herausgenommen hatte.

Am fünften Morgen lag eine Nachricht von Ivo auf ihrem Telefon. Kein Gruß, ein Foto von einem Formular und darunter: Die Anlage dazu war in der Bauabrechnung. Ich schicke alles an Berger.

Mara rief ihn an.

»Was sehe ich?«

»Die ausgeführte Verkleidung. Zweitausendelf. Die Arbeitskarte des Monteurs.«

Er las ihr den Eintrag vor. Verschlussplatte, verschraubt, abnehmbar. Dahinter stand, der bestehende Gitterzugang sei freizuhalten. Eine Skizze zeigte dieselben vier Schrauben, die die Technikerin gestern herausgedreht hatte.

»Und die Wand?«

»Kommt in seiner Abrechnung nicht vor. Nur im Abschlussbericht, den mein Vater vorbereitet hat. Den ich unterschrieben habe.«

Die Unterlagen bewiesen nicht jeden Handgriff des damaligen Umbaus. Aber die Behauptung, jemand habe später eine fertiggestellte Mauer heimlich entfernt, brauchte nun mehr als die leere Öffnung. Abgerechnet worden war ein abnehmbarer Verschluss vor einem Zugang, der bleiben sollte.

»Warum?«, fragte Mara.

»Das steht nicht dabei.«

Sie hörte ihn atmen. Dann sagte er: »Ich habe gestern zuerst nach einem Blatt gesucht, das meine Unterschrift verständlicher macht. Das war das Ergebnis.«

»Danke, dass du es geschickt hast.«

»Sag das nicht so, als wäre es nur für dich.«

Mara setzte sich. »Du hast recht.«

Er legte nicht auf. Eine Weile hörten sie die Geräusche aus den beiden Küchen. Bei ihm lief Wasser, bei ihr sprang der Kühlschrank an.

»Das Brot reicht noch«, sagte sie schließlich.

»Gut.«

Mehr vereinbarten sie nicht.

Berger meldete sich eine Stunde später. Die Prüfung am Zugang gehe weiter. Sie wollte Mara zuvor noch etwas aus den alten Suchunterlagen zeigen und schlug vor, sich oben zu treffen. Mara fuhr allein. Auf dem Beifahrersitz lag ihre Mappe; zum ersten Mal war kein Platz für jemanden freigehalten.

Vor dem Kabelraum standen zwei Transporter und Brandts Wagen. Auf einem Klapptisch lagen flache Kunststoffbehälter, saugfähige Tücher und kleine beschriftbare Schilder. Mara stellte sich hinter die Bank, auf der Ruth gestern gesessen hatte. Ohne das Kissen sah sie fremd aus.

Berger kam mit einer Kopie.

»Sie haben nach dem Fahrrad auf dem Werkstattfoto gefragt. Es gibt einen Rückgabevermerk. Siebzehnter Oktober 1998. An Ihre Mutter.«

Mara las den Eintrag. Fahrrad und blaue Jacke. Die Fahrkarte war schon zuvor gesondert ausgehändigt worden. Eva hatte unter der Aufstellung unterschrieben.

»Dann konnte sie es später mitnehmen.«

»Ja. Falls das Foto danach entstand. Wir haben das Aufnahmedatum weiterhin nicht.«

Mara betrachtete die Unterschrift. Sie hatte ihre Mutter am Südufer mit dem Fahrrad gesehen und das Bild unwillkürlich in die erste Nacht geschoben. Als müssten alle Dinge, die Eva verheimlicht hatte, zugleich geschehen sein.

Nun lagen zwischen dem Verschwinden und der Rückgabe fünf Tage. Der Schlüssel war am dritten ausgegeben worden. Es gab eine Reihenfolge, auch wenn sie noch nicht wusste, was Eva darin getan hatte.

»Behalten Sie die Kopie«, sagte Berger.

Mara schob sie in ihre Mappe. Diesmal machte eine Auskunft die Vergangenheit nicht größer. Sie nahm ihr eine falsche Abkürzung.

Brandt kam aus dem Kabelraum. Er trug eine Warnweste über dem Hemd und hatte Staub an einem Knie. Neben ihm ging der Bauprüfer. Die beiden sprachen über eine schmale Fuge an der seeseitigen Wand, aus der gestern bereits Feuchtigkeit gekommen war.

»Der Pegel ist seit heute Nacht unverändert«, sagte Brandt.

»Das macht die Wand nicht trocken«, erwiderte der Prüfer. »Und es sagt mir nichts über den Hohlraum unter dem Schrank.«

Brandt wollte antworten, ließ es aber. Der Mann erklärte der Technikerin, welche Stellen weiter beobachtet werden sollten. Mara verstand nur einen Teil. Sie verstand, dass man den Raum nicht als Ganzes freigegeben hatte.

Die Restauratorin stellte sich neben Berger. Sie war klein, trug die Haare fest zusammengebunden und prüfte mit dem Daumen den Sitz ihrer Handschuhe. Ihr Arbeitsplatz war gewöhnlich ein heller Raum mit großen Tischen, sagte sie. Hier würde sie nur feststellen, was sich ohne Trennen verklebter Blätter verpacken ließ.

»Wenn etwas festsitzt, bleibt es liegen.«

»Auch das Gegenregister?«, fragte Mara.

»Auch ein Gegenregister.«

Berger zeigte Mara den Bildschirm am Klapptisch. Sie könne draußen bleiben und die Bilder mitansehen. Den unteren Bereich des offenen Schranks würden die Leute vorerst nicht anfassen. Dort war das Holz nass. Die geschlossenen Schränke sollten einzeln geprüft werden, ohne sie zu verrücken.

Mara fragte nicht, ob sie mitgehen dürfe. Sie stellte ihre Mappe unter die Bank, weit weg von den Behältern.

Die Restauratorin und ein Mann aus der Sicherungsmannschaft gingen mit Lampen und einer Kameraleitung hinein. Ein zweiter Mitarbeiter blieb am abgestützten Bogen. Die Technikerin stand beim Funkgerät. Als die Gittertür geöffnet wurde, hörte Mara denselben kurzen Laut wie gestern.

Auf dem Bildschirm wanderten Lichtflecken über Mauerwerk. Dann waren die vier Schränke zu sehen. Der offene stand etwas vor den anderen, nicht sauber in einer Reihe. Ein Stück des fehlenden Riegels hing noch an seiner Tür.

»Der wird dokumentiert«, sagte Berger, bevor Mara fragen konnte.

Der erste geschlossene Schrank ließ sich mit dem passenden Werkzeug öffnen. Kein Schlüssel aus Maras Paket. Die Nummer dreizehn gehörte zur Gittertür, nicht zu allen Geheimnissen dahinter. In den Fächern standen Ordner mit breiten Rücken. Auf einem war Grundstücke zu lesen, darunter eine Jahreszahl, deren letzte Ziffer im Schatten blieb.

Die Restauratorin hielt eine Lampe seitlich. Sie zog nichts heraus.

Im nächsten Schrank lagen schmale gebundene Hefte und zwei längliche Kästen. Der obere Deckel hob sich ohne Widerstand. Darunter standen Karten hinter Trennblättern, die Ränder braun, die Mitte heller. Auf dem ersten Trennblatt war ein Wort mit Tinte nachgezogen worden.

Gegenregister.

Mara ging einen Schritt näher an den Bildschirm. Berger stellte sich neben sie.

Die Kamera zeigte keine schön lesbare Seite. Ein Daumen hielt eine Ecke aus dem Licht, die Schrift stand schief. Die Restauratorin nahm ihre Hand weg. Nun erkannte Mara zwei nebeneinanderliegende Felder und dazwischen eine fortlaufende Nummer.

Links ein Name, rechts ein anderer.

Emil Hartung stand auf der ersten sichtbaren Karte. Das rechte Feld ließ sich aus diesem Winkel noch nicht lesen. Darunter verliefen Zeilen für Ausgabestelle, Datum und weitere Verweise. Mara dachte an Ruths Abschrift mit den langen Strichen unter Nordheim. Hier hatte man für jeden Menschen etwas Eigenes eingetragen.

»Bitte erst die Gesamtansicht«, sagte Berger ins Funkgerät. »Dann die Karten. Nichts umsortieren.«

Die Restauratorin antwortete, dass einige der hinteren Karten unten aneinanderhafteten. Sie werde den Kasten geschlossen auf eine feste Unterlage setzen. Im Arbeitsraum könnten sie die Blätter voneinander lösen. Auf dem Bildschirm legte sie das Trennblatt zurück.

Mara holte ihr Telefon heraus. Sie wollte Ruth schreiben, dass sie das Register gefunden hatten. Ihr Daumen stand schon über dem leeren Nachrichtenfeld.

Dann steckte sie es wieder ein. Erst sollte der Kasten draußen sein.

Der Mann neben der Restauratorin hielt die Unterlage bereit. Als sie den Kasten anhob, kam ein schmaler Streifen der Rückwand zum Vorschein. Darunter glänzte der Boden. Eine flache Wasserzunge schob sich zwischen zwei Platten hindurch.

Die Technikerin sprach ins Funkgerät. »Abbruch. Beide zurück.«

Mara sah, wie die Restauratorin den Kasten wieder absetzte. Sofort. Kein Zögern für eine besonders wichtige Karte. Sie nahm die Hände weg und drehte sich zur Tür.

Der andere Mann trat seitwärts, um ihr Platz zu machen.

Ein kurzes Geräusch kam aus dem Lautsprecher. Kein Krachen, eher das Brechen eines dicken Tellers. Der Lichtkegel kippte nach unten. Mara sah einen Stiefel, Wasser, eine schräg stehende Schranktür. Dann lag das Kamerabild auf der Seite.

Der Mitarbeiter am Bogen rief etwas. Die Technikerin antwortete knapp und blieb am Gerät. Brandt griff nach seinem Telefon. Berger legte Mara eine Hand vor die Brust, bevor sie selbst merkte, dass sie zur Tür gegangen war.

Aus dem Lautsprecher kam die Stimme der Restauratorin, laut und ganz deutlich.

»Wir sind beide hier. Er hängt mit dem Bein fest.«

Mara trat hinter die Bank zurück.

Auf dem Bildschirm stand der Kasten noch im offenen Schrank. Unter ihm breitete sich Wasser über die Bodenplatten aus.