XIIIDas dreizehnte Ufer
← Inhaltsverzeichnis

Kapitel 16 /

Der Weg nach Hause

10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

Bleistiftzeichnung eines Uferwegs mit steinerner Brüstung und einem schmalen Abzweig zwischen Häusern.
Der Weg teilte sich hinter der Unterführung.

Die Geschichte hören

13:09 Min. Hörzeit

Gelesen mit Nova · KI-generierte Stimme

Die Haltestelle war verschwunden. Nur die Einbuchtung im Gehweg gab es noch.

Mara stellte sich hinein, nachdem sie Ruth bei Frau Belter abgesetzt hatte. Hinter dem Schulzaun warf ein Junge einen Ball gegen eine Wand. Er fing ihn nicht, ließ ihn aufkommen und trat erst dann dagegen. Jedes Mal derselbe kurze Aufschub.

Früher hatte hier ein Wartehäuschen gestanden. Eine Bank aus schmalen Latten, auf denen man sich die Haut einklemmen konnte. Mara wusste noch, wie sie darauf gesessen hatte. Sie wusste es so genau, dass es für den zwölften Oktober 1998 überhaupt nichts bewies.

Sie nahm ihr Telefon und öffnete die Notiz vom Betriebszugang.

Schule.

Darunter war Platz.

Mara ging bis zum Ende der Einbuchtung. Von dort führte der Gehweg zur Hauptstraße. Nach links kam man zur Bahnunterführung, nach rechts zum neuen Wohngebiet. Sie wohnte damals hinter dem Bahnhof. Der Bus machte eine große Schleife, ehe er dort hielt. Zu Fuß war der Weg kürzer gewesen, aber Eva hatte gewollt, dass sie fuhr. Wegen der Lastwagen an der Unterführung.

Das Geländer an der Abfahrt war neu. Die Mauer dahinter nicht. In einer Nische wuchs Gras, das auch im Sommer kaum Sonne bekam.

Mara blieb davor stehen.

Hier hatte Jonas gewartet.

Nicht als fertiges Bild. Es war zunächst nur die Gewissheit, dass sie nicht auf der Bank nach ihm suchen musste. Dann sah sie den Lenker zwischen seinen Händen und seinen Schuh auf der niedrigen Mauer. Er hatte gewartet, während die anderen Kinder einstiegen.

Sie schrieb es auf. Daneben setzte sie kein Datum.

Ihr Telefon vibrierte. Ivo fragte, ob sie für den Abend etwas brauche. Er sei im Laden und könne Brot mitbringen.

Mara rief ihn an.

»Ich bin an der Schule.«

Er sagte nichts. Sie hörte das Rollen eines Einkaufswagens.

»Ich gehe meinen alten Heimweg. Oder ich versuche es. Du musst nicht kommen.«

»Soll ich?«

Die Frage war unangenehm, weil sie ihr die Entscheidung ließ.

»Ja. Aber ich möchte dir erst sagen, was ich aufgeschrieben habe, bevor du mir erzählst, woran du dich erinnerst.«

»Ich bringe das Brot mit.«

Als er kam, trug er eine Papiertüte unter dem Arm. Sie setzten sich auf die niedrige Mauer neben der Nische. Mara las ihm ihre Notiz vor. Schule. Jonas mit dem Rad. Keine Gewissheit, dass es dieser Tag gewesen war. Dann zeigte sie ihm den leeren Raum darunter.

»Ich weiß noch, dass ich auf seinem Gepäckträger gesessen habe. Meine Schuhe durften nicht in die Speichen kommen. Er hat immer gesagt, ich soll die Füße auseinanderhalten.«

Ivo stellte die Tüte zwischen seine Knie.

»Das hat er öfter gemacht.«

»Ja. Deshalb hilft es mir nicht.«

Ein Auto fuhr an ihnen vorbei. Mara wartete, bis das Geräusch verschwunden war.

»Ich habe die grüne Jacke nicht heimlich genommen. Ich habe ihm die blaue gegeben. Meine Karte war noch darin. Ich sehe nicht, wie ich sie hineinstecke. Aber ich höre ihn fragen, ob ich nichts vergessen habe.«

Sie rieb die Handflächen aneinander. Seit dem Fund der Jacke war aus dem Ärger über einen Ärmel eine kleine Handlung geworden. Noch immer konnte sie nicht sagen, an welchem Nachmittag sie stattgefunden hatte.

»Hast du Berger das schon geschickt?«

Mara schüttelte den Kopf. Dann fotografierte sie ihre Notiz und schrieb die Ergänzung dazu. Sie schickte beides ab, bevor Ivo weiterfragte.

Die Antwort kam, als sie bereits an der Unterführung waren. Berger bat um einen Anruf.

Mara ging ein paar Schritte von Ivo weg. Über ihr fuhr ein Zug. Sie hielt das Telefon ans Ohr und wartete, bis sie wieder etwas hören konnte.

»Ihre Notiz habe ich«, sagte Berger. »Ich habe die Angaben zum Heimweg daneben gelegt. Möchten Sie jetzt hören, was damals festgehalten wurde?«

»Ja.«

Die Mutter habe angegeben, Mara sei nach Schulschluss wie gewöhnlich heimgekommen. Das Verkehrsmittel sei in dieser ersten Aufnahme nicht eigens festgehalten worden. In einem späteren Vermerk stehe, der Schulbus sei überprüft worden.

Mara legte ihre freie Hand an die Mauer.

»Und?«

»Der Fahrer hat noch am Abend des Verschwindens ausgesagt, dass Sie nicht eingestiegen sind. Ihr Bruder hat mit dem Fahrrad gewartet. Sie seien hinten aufgestiegen, dann seien Sie in Richtung Unterführung gefahren.«

»Mein Bruder? Mit Namen?«

»Er kannte die Geschwister Voss. Er hat Jonas benannt. Das ist seine damalige Aussage, keine heutige Erinnerung.«

Ein weiterer Wagen fuhr durch den Bogen. Mara schloss die Augen. Sie hörte einen Motor, sonst nichts. Kein vergangener Satz kam ihr zu Hilfe.

»Warum habe ich das nie gelesen?«

»Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Ihre Mutter wurde darauf angesprochen. Im ergänzenden Vermerk steht, Mara habe mit Jonas einen Teil des Weges zurückgelegt und sei dann allein heimgekommen. Ohne genaue Trennungsstelle.«

»Hat sie mich gefragt?«

»Es ist keine wörtliche Antwort von Ihnen dazu verzeichnet.«

Mara stieß sich von der Mauer ab. Ihre Finger waren weiß vom Staub.

»Ich gehe weiter. Ich melde mich danach.«

»Bleiben Sie auf den öffentlichen Wegen. Und schreiben Sie getrennt auf, was Sie jetzt von mir erfahren haben.«

Mara sagte ja und legte auf. Sie trug die Aussage des Fahrers unter einer neuen Zeile ein. Dann ging sie zu Ivo zurück.

»Ich war nicht im Bus.«

Er nahm ihr das Telefon nicht aus der Hand. Sie erzählte ihm, was Berger vorgelesen hatte. Ivo sah durch die Unterführung. Hinter dem Bogen teilte sich der Weg. Links ging es zum Bahnhof und weiter zu Evas Haus. Rechts führte eine schmale Straße hinunter zum nördlichen Ufer.

Mara bog rechts ab.

Sie hatte diesen Weg nicht vergessen. Das begriff sie beim Gehen. Sie hatte ihn nur nie bis zu diesem Tag geführt. In ihren Geschichten darüber waren es freie Nachmittage gewesen, ein Sommer, irgendwann vor dem Verschwinden. Jetzt gab es die Aussage eines Mannes, der am richtigen Abend befragt worden war. Und ihre Fahrkarte in einer Jacke, die jemand am See zurückgelassen hatte.

Die Straße fiel stärker ab, als sie geglaubt hatte. Als Kind hatte sie sich hier an Jonas festgehalten. Nicht an seiner Taille. An den seitlichen Schlaufen seines Hosenbunds. Er hatte sich beschwert, dass sie ihm die Hose herunterzog.

Mara blieb mitten auf dem Gehweg stehen.

Ivo blieb ebenfalls stehen. Die Brottüte knisterte.

Sie hätte über den Satz lachen können, wenn sie ihn an einem anderen Ort gefunden hätte. Stattdessen musste sie sich gegen die Mauer lehnen. Unter ihren Fingern lag eine warme Stelle, auf die am Nachmittag Sonne gefallen war.

»Weiter?«, fragte Ivo.

Sie nickte.

Am Ende der Straße öffnete sich der Blick auf den See. Die nördliche Brüstung war erneuert worden. Ein Teil der alten Steinmauer verlief noch dahinter, niedriger, von der neuen Sicherung getrennt. Mara hielt sich an den Gehweg. Sie brauchte nicht dorthin zu klettern, wo das Rad gestanden hatte.

Ivo zeigte nicht auf den Fundort. Er wartete.

Mara sah einen niedrigen Mauervorsprung links neben dem Weg. Damals hatte Jonas sie dort absteigen lassen. Sie war nicht vom Gepäckträger auf den Boden gesprungen; sie hatte sich auf den Stein gestellt, weil das Rad sonst gekippt wäre.

Und er hatte die blaue Jacke ausgezogen.

Der Rest kam nicht auf einmal. Mara sah erst, wie er einen Ärmel vom Handgelenk schob. Dann ihre eigenen Finger, die den Stoff auf dem Gepäckträger festhielten. Er hatte beide Hände gebraucht, um nach etwas in seiner Hosentasche zu suchen. Was es gewesen war, wusste sie nicht.

»Er ist zu Fuß weiter«, sagte sie.

Ivo drehte sich zu ihr.

»Ich bin hiergeblieben. Bei dem Rad.«

Die Brottüte sank ein Stück herunter.

Mara hielt den Blick auf die Mauer gerichtet. Sie war zehn gewesen. Sie hatte seine grüne Jacke getragen und sollte auf sein Rad aufpassen. Das hatte sie gern getan. Eine Aufgabe, die er ihr zutraute. Etwas anderes, als mit Eva zu warten.

Sie hatte bleiben wollen, bis er zurückkam.

Dann war ihr langweilig geworden. Vielleicht war es länger gewesen, als sie jetzt dachte. Vielleicht kürzer. Die Dauer kam nicht zurück. Nur ihre Entscheidung, dass er das Rad auch ohne sie wiederfinden würde.

Sie hatte es an die Brüstung gestellt und die blaue Jacke darübergelegt. Ein Ärmel war heruntergerutscht. Sie hatte ihn wieder hochgenommen und die beiden Ärmel locker umeinandergelegt, damit der Wind die Jacke nicht forttrug.

Mara machte die Bewegung mit den Händen. Dann ließ sie die Arme sinken.

»Ich habe sie dort hingelegt.«

Ivo antwortete nicht.

»Die Jacke. Ich habe das Rad abgestellt und die Jacke darübergelegt. Er hatte sie mir dagelassen.«

Hinter ihnen klingelte ein Fahrradfahrer. Sie traten zur Seite. Der Mann fuhr langsam vorbei, nickte und war nach wenigen Augenblicken hinter den Bäumen verschwunden. Mara starrte auf die Stelle, an der sein Hinterrad zuletzt zu sehen gewesen war.

»Die Ärmel lagen übereinander«, sagte Ivo. »Als ich sie fand.«

Mara sah ihn an.

»Ich weiß nicht mehr, ob sie geknotet waren. Das habe ich damals nicht aufgeschrieben.«

Sie nickte. Sie brauchte seinen Satz nicht größer zu machen. Die Bewegung ihrer Hände war ihre eigene Erinnerung. Seine konnte danebenstehen, ohne sie zu beglaubigen.

Ivo stellte das Brot auf die Mauer. »Ich habe den ganzen Abend auf dieser Seite gesucht.«

»Ich weiß.«

»Du hast mit uns gewartet.«

»Ja.«

Er strich mit der flachen Hand über die Tüte, bis ihre umgeschlagene Kante wieder gerade war. Mara hätte es ertragen, wenn er lauter geworden wäre. Die Sorgfalt seiner Handbewegung tat mehr weh.

»Warum hast du es nicht gesagt?«

Sie sah zum Abzweig zurück.

Weil Jonas zurückkommen sollte. Weil er gewollt hatte, dass sie wartete, und sie ohne ihn gegangen war. Weil Eva das Mitfahren auf dem Gepäckträger verboten hatte. Es waren kleine Gründe, jeder für sich beschämend, keiner groß genug für achtundzwanzig Jahre.

»Am Anfang habe ich gedacht, dann erfahren sie, dass ich weggegangen bin. Dass ich nicht gewartet habe.«

Sie musste schlucken.

»Später haben alle über die blaue Jacke gesprochen, als wäre er darin ins Wasser gegangen. Ich habe nur genickt. Ich musste nicht erzählen, wer sie ausgezogen hatte.«

Ivo sah sie lange an. »Und irgendwann war es deine Geschichte.«

»Ja.«

Mara setzte sich nicht. Sie wollte nicht, dass er neben ihr Platz nahm und der Augenblick dadurch leichter wurde.

»Ich weiß nicht, was danach mit ihm passiert ist. Ich habe nichts gesehen.«

»Aber du hast ihn weggehen sehen.«

»Ja.«

Sie spürte, wie sich etwas in ihr dagegen wehrte, auch diesen letzten Teil zu sagen. Jonas hatte die Straße nicht am Wasser entlang genommen. Er war ein Stück zurückgegangen, bis zur Abzweigung am Hang. Dort führte ein schmaler Weg zwischen zwei Grundstücken hinauf.

Mara zeigte darauf.

»Da.«

Ivo folgte ihrem Blick. Er sagte keinen Ortsnamen. Sie war ihm dafür dankbar.

Mara rief Berger an. Diesmal las sie keine Notiz vor. Sie sagte, wo sie stand, und erzählte vom Rad, der Jacke und dem Warten. Sie sagte auch, dass Ivo ihr erst danach die übereinanderliegenden Ärmel beschrieben hatte. Berger bat sie, dort zu bleiben. Sie komme.

Als Mara aufgelegt hatte, nahm Ivo das Brot wieder von der Mauer.

»Ich gehe nicht weg«, sagte er. »Aber ich kann dir gerade nicht sagen, dass es nichts war.«

»Das sollst du auch nicht.«

Sie standen nebeneinander, ohne einander anzusehen. Unten fuhr die Fähre aus der Bucht. Mara hörte die beiden Töne und ließ sie vorübergehen.

Als Berger kam, legte sie einen einfachen Straßenplan auf die Motorhaube. Mara zeichnete keinen Weg bis zu einem Ziel, das sie damals nicht gekannt hatte. Sie markierte nur die Brüstung und die Abzweigung. Dann einen kurzen Strich den Hang hinauf, bis dorthin, wo sie Jonas zuletzt gesehen hatte.

Achtundzwanzig Jahre lang war das Rad der Punkt gewesen, an dem ihr Bruder aus der Welt verschwunden war.

Nun lag auf dem Plan ein Weg, auf dem er es verlassen hatte.