XIIIDas dreizehnte Ufer
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Kapitel 15 /

Was sie mitnahmen

10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

Bleistiftzeichnung eines alten gebundenen Buches auf einer festen Unterlage vor einem Betriebszugang im Hang.
Der Riemen hielt den aufgequollenen Einband zusammen.

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13:31 Min. Hörzeit

Gelesen mit Nova · KI-generierte Stimme

Ruth hatte ein Kissen unter dem Arm, als Mara vorfuhr.

»Für das Knie«, sagte sie. »Nicht weil ich vorhabe, dort zu übernachten.«

Sie stellte es auf den Beifahrersitz und hielt sich am Türrahmen fest. Mara half ihr, ohne sie am Ellenbogen zu ziehen. Seit ihrer Rückkehr hatte sie gelernt, wie viele Arten es gab, einem Menschen Unterstützung anzubieten, die er nicht wollte.

Berger hatte Ruth angerufen. Auf den Kamerabildern war im offenen Schrank ein großer Band zu erkennen, dunkel, mit hellen Ecken und einem Riemen um den Einband. Ruth hatte beschrieben, wie das Transportbuch ausgesehen hatte. Nun sollte sie am oberen Zugang auf bessere Aufnahmen warten. Sie hatte gefragt, ob Mara sie fahren könne.

»Sie haben gesagt, ich soll nicht damit rechnen, es heute anzufassen«, sagte Ruth.

»Das haben sie zu mir auch gesagt.«

»Zu dir sagen sie es vermutlich öfter.«

Mara schloss ihre Tür. Sie hatte das Foto von sich und Eva zu Hause auf den Küchentisch gelegt. Im Wagen lag nur die Mappe mit den Kopien aus dem Gemeindearchiv. Vier gezeichnete Schränke. Vier wirkliche Schränke. Es war angenehm, einmal etwas zählen zu können, ohne danach weniger zu wissen.

Ruth zog einen gefalteten Brief aus ihrer Tasche.

»Die Auskunftsstelle hat eine Ergänzung angefordert. Sie wollten wissen, wann Hanna gestorben ist.«

Auf dem Formular war das entsprechende Feld leer. Daneben hatte Ruth geschrieben: Nicht bekannt. Vermisst seit September 1976.

»Ich habe erst sechsundsiebzig eingetragen. So schnell ging das.« Sie strich mit dem Finger über die durchgestrichene Zahl. »Fünfzig Jahre lang sage ich, sie ist nicht zurückgekommen. Dann fragt jemand nach ihrem Tod, und ich weiß plötzlich das Jahr.«

»Hast du es schon zurückgeschickt?«

»Frau Belter hilft mir nachher beim Scannen. Ich möchte diesmal meine eigene Antwort behalten.«

Sie steckte den Brief weg. Mara fuhr an. Hinter ihnen blieb Ruths Haustür einen Spalt offen, bis die Nachbarin, die zum Blumengießen gekommen war, sie zuzog.

Am Betriebszugang stand ein zweiter Transporter. Daneben lagen kurze Stahlstützen auf Böcken. Ein Mann trug eine zusammengefaltete Decke zum offenen Heck eines Polizeiwagens. Niemand rannte. Gerade das machte Mara nervös. In Filmen erklärte die Hast, wie viel auf dem Spiel stand. Hier wurde ein Kabel aufgerollt, weil jemand darüber stolpern konnte.

Berger kam ihnen entgegen und wies auf eine Bank außerhalb der Absperrung.

»Von hier aus. Der Arbeitsbereich bleibt frei.«

Ruth legte ihr Kissen auf das Holz. Mara blieb stehen. Die graue Außentür war geöffnet, dahinter erkannte sie den Lichtkegel an der Gittertür. Die Verkleidung lehnte noch an der Wand.

»Herr Kern?«, fragte Berger.

»Kommt nicht. Er hat die Unterlagen abgegeben.«

Die Beamtin nickte. Sie hatte es bereits gewusst. Mara war trotzdem froh, den Satz gesagt zu haben, ohne Ivos Abwesenheit zu entschuldigen.

Die Technikerin brachte einen kleinen Bildschirm. Das Bild darauf schwankte nicht mehr. Man sah eine schräg geöffnete Metalltür, die dunklen Flächen von Schrankfronten und rechts den hellen Fleck einer Lampe.

»Das ist die Aufnahme von vorhin«, sagte sie. »Die Kamera ist inzwischen draußen.«

Berger deutete auf den oberen Rand eines Fachs. Dort lag etwas Breites, Flaches. Eine helle Ecke ragte hervor. Ruth beugte sich vor, hielt dann aber inne.

»Ich brauche meine Brille.«

Sie suchte langsam. Mara musste sich beherrschen, nicht in die Handtasche zu greifen. Schließlich fand Ruth das Etui unter dem Formular. Sie setzte die Brille auf und betrachtete das Bild.

»Der Riemen war nicht darum, als wir damit gearbeitet haben. Aber das Format stimmt. Die Ecken auch.«

»Mehr können Sie so nicht sagen?«

»Nein. Zeigen Sie mir eine Seite.«

Die Technikerin schüttelte den Kopf. »Noch nicht.«

Der Bauprüfer kam aus dem Kabelraum. Ein schmaler Mann mit einer Stirnlampe, die er vergessen hatte auszuschalten. Ihr Licht wanderte über Bergers Mappe, bis sie eine Hand davorhielt. Er entschuldigte sich und drückte auf den Schalter.

Im ersten Bogen hatten sich Fugen geöffnet, erklärte er. Dort wurde vor einer Begehung abgestützt. Weiter unten zeigte die Kamera keine entsprechenden Schäden, aber das ersetzte keine Untersuchung. Zwei Leute könnten anschließend den Weg bis zur Raumtür prüfen. Wenn die Befunde es zuließen, dürften sie genau den erreichbaren Band mitnehmen. Keine Suche in den geschlossenen Schränken. Kein Freiräumen, kein Möbelrücken.

»Und wenn etwas nachkommt?«, fragte Mara.

»Dann kommt niemand an das Buch.«

Er sagte es ohne Schärfe. Seine Aufmerksamkeit galt einem Mitarbeiter, der ihm eine Messung zeigen wollte. Berger ließ ihn gehen.

Ruth sah auf ihre gefalteten Hände. »Wissen die, dass man einen nassen Einband nicht am Rücken packt?«

»Ja«, sagte die Technikerin. »Wir haben eine feste Unterlage dabei.«

»Gut.«

Mara setzte sich neben sie. Der Wind brachte den Geruch feuchten Laubs über die niedrige Mauer. Sie warteten, während im Kabelraum Metall gegen Metall schlug. Kein tiefer Klang vom Wasser. Nur Werkzeuge, die auf einen Boden gelegt wurden.

Berger ging mit einem beschrifteten Beutel zur Außentür. Mara erkannte den kleinen Schlüssel, bevor sie das Schild daran sah.

Dreizehn.

Der Schlüssel aus ihrem Paket. Seit dem ersten Morgen hatte sie ihn nicht mehr in der Hand gehabt. Jetzt nahm ein Beamter ihn aus dem Beutel und hielt ihn der Technikerin hin. Sie zeigte auf das alte Schloss der Gittertür.

Mara stand auf.

Der Beamte steckte den Schlüssel hinein. Beim ersten Versuch bewegte sich nichts. Die Technikerin hob die Tür am Griff ein wenig an. Dann drehte er noch einmal. Ein kurzer, heller Laut. Der Riegel glitt zurück.

Es war so unspektakulär, dass Mara den Atem erst ausließ, als die Tür schon offen stand.

»Er passt«, sagte Ruth hinter ihr.

Mara nickte. Der Schlüssel war kein Zeichen mehr, das jemand ihr geschickt hatte. Er öffnete einen bestimmten Zugang. Eva hatte von einer Treppe gewarnt und einen Schlüssel behalten, der von der anderen Seite in den Hang führte.

Ob es genau der Schlüssel war, den ihre Mutter 1998 erhalten hatte, stand damit nicht fest. Aber Mara musste seine Nummer nicht länger wie einen Satz ohne Ende lesen.

Die beiden Männer gingen erst hinein, nachdem der Bauprüfer zurückgekommen war und den abgestützten Abschnitt erneut angesehen hatte. Einer trug die flache Unterlage. Der andere hielt sein Licht tief auf den Boden. Hinter der Biegung verschwanden ihre Stiefel.

Berger blieb beim Funkgerät der Technikerin. Mara setzte sich wieder.

Nach einer Weile fragte Ruth: »Was war heute mit deiner Jacke?«

Mara hatte ihr am Telefon gesagt, dass sie deshalb schon auf der Dienststelle gewesen war. Jetzt erzählte sie vom Karton, den verkürzten Ärmeln und dem Foto des folgenden Morgens. Ruth hörte zu, ohne die Geschichte nach einer Stelle abzusuchen, an der sie trösten konnte.

»Ich habe sie haben wollen«, sagte Mara. »Und ihm eine andere dafür angeboten.«

»Warum gerade die?«

»Weil sie ihm gehörte. Weil ich darin älter aussah. Ich weiß es nicht.«

Sie blickte zur Tür. Auf der Schwelle hatte sich etwas Sand gesammelt. Ein Mitarbeiter kehrte ihn zur Seite, damit man neuen Sand bemerken würde.

»Ich dachte immer, er hätte mich an diesem Tag einfach zurückgelassen.«

»Hat er?«

Mara antwortete nicht sofort. Das Wort zurückgelassen enthielt ein Zuhause, eine Tür, vor der Jonas allein davongegangen war. So hatte sie es sich jahrelang erzählt. In ihrer Erinnerung an die Ärmel standen sie aber beieinander.

»Ich muss herausfinden, wo ich war. Nicht nur, was er anhatte.«

Ruth legte keine Hand auf ihren Arm. Sie verschob das Kissen unter ihrem Knie und sagte: »Dann frag nach deinem Weg.«

Mara zog ihr Telefon heraus. Sie schrieb Berger eine Nachricht, obwohl die Beamtin nur wenige Meter entfernt stand: Bitte beim nächsten Termin meinen Heimweg am zwölften Oktober prüfen. Auch die damaligen Angaben dazu. Ich möchte sie zuerst selbst aufschreiben.

Sie schickte die Nachricht ab und öffnete eine leere Notiz. An den Anfang schrieb sie den Ort, den sie sicher kannte: Schule. Dann blieb sie beim nächsten Wort hängen.

Bus.

Sie wusste, wo der Bus abgefahren war. Sie erinnerte sich an den warmen Geruch der Sitze und die Stufe, die für sie zu hoch gewesen war. Aber das waren viele Nachmittage. Kein Beweis für diesen einen.

Sie löschte das Wort. Die leere Zeile ließ sie stehen.

Aus dem Funkgerät kam eine Stimme. Die Technikerin antwortete, dann hob sie den Blick zu Berger. Mara schloss die Notiz.

Die Männer waren am Raum. Der Boden vor dem offenen Schrank ließ sich betreten. Das untere Fach war nass. Oben lag der Band auf einem verzogenen Brett. Sie würden nur ihn herausholen.

Ruth griff nach der Brille, die längst auf ihrer Nase saß.

Mara sah wieder zur Gittertür. Einen Augenblick lang hörte sie überhaupt nichts. Dann ein schleifendes Geräusch, das sofort aufhörte, und die Stimme der Technikerin: verstanden.

Keiner erklärte den Wartenden jeden Handgriff. Mara stellte fest, dass sie das brauchte und zugleich kaum aushielt.

Als die Lampen wieder hinter der Biegung erschienen, stand Ruth auf. Das Kissen fiel von der Bank. Mara hob es nicht auf. Sie stützte Ruth, bis diese sicher stand.

Der erste Mann trug die Platte mit beiden Händen. Darauf lag ein dunkler Band, vom Riemen eingeschnürt, an einer Ecke aufgequollen. Der zweite hielt die Tür. Sie gingen direkt zum Polizeiwagen, dessen Heck mit der Decke ausgelegt war.

Berger fotografierte den Band, bevor jemand den Riemen löste. Dann durften Mara und Ruth näherkommen. Hinter ihnen wurde die Gittertür wieder verschlossen. Die anderen drei Schränke blieben im Hang.

Auf dem Deckel war das Wort Transporte noch zu lesen. Darunter eine Jahreszahl. Die Sechs ließ sich besser erkennen als die Sieben.

»Das ist es«, sagte Ruth.

Sie berührte es nicht. Ihre Hände hingen an den Seiten, als hätte ihr jemand etwas Schweres daraus genommen.

Die erste Seite klebte am Vorsatz. Der Beamte ließ sie liegen und öffnete nur den Teil, der sich ohne Widerstand bewegen ließ. Zwischen Einträgen über Möbel und Sammelunterkünfte lag ein dünneres Blatt. Es war an einem schmalen Papierstreifen eingeheftet.

Dreizehn Zeilen.

Mara fand Hanna vor Ruth. Sie sagte nichts.

Über den Spalten stand nicht Ankunft. Es ging um die Ausgabe von Unterlagen und Vorschüssen. Namen links, Beträge in der Mitte, rechts eine Bestätigung. Hinter jedem Namen verwies eine kleine Nummer auf ein Gegenregister.

Kein Nordheim. Kein gemeinsamer Bestimmungsort.

Ruth beugte sich so weit vor, dass Berger sie bat, einen Schritt zurückzugehen. Die Beamtin fotografierte die Seite und vergrößerte das Bild auf ihrem Gerät.

»Elfter September«, sagte Mara.

Der Tag, an dem Nordheim angerufen hatte, weil keiner der angekündigten Menschen angekommen war.

In Hannas Zeile stand ein Betrag. Daneben eine Unterschrift. Ruth betrachtete den hohen Anfangsbuchstaben, die dicht zusammengedrängten kleinen Buchstaben dahinter.

»Das ist ihre Schrift.«

Berger hielt das Gerät ruhig. »Wir lassen sie vergleichen.«

Ruth nickte, ohne hinzusehen. »Das n macht sie wie ein u. Ich habe ihre Einkaufszettel immer falsch gelesen.«

Mara sah den Betrag an. Er sagte ihr nichts über die damalige Kaufkraft. Er war nur Geld, und plötzlich stand es neben einer Frau, die bisher ausschließlich als Vermisste in ihrem Kopf gewesen war.

»Das sagt nicht, wofür sie unterschrieben hat«, sagte sie.

»Doch«, erwiderte Ruth. »Für Unterlagen und einen Vorschuss. Das steht oben.«

Sie nahm die Brille ab. Ihr Mund zitterte. »Es sagt nicht, ob sie eine Wahl hatte.«

Berger ließ das Blatt wieder sinken. Der Band würde jetzt zu Leuten gebracht, die ihn trocknen und sichern konnten. Die übrigen Unterlagen mussten warten, bis der Zugang anders zu verantworten war. Ruth fragte, ob sie eine Kopie dieser Seite bekommen könne. Nicht sofort, sagte Berger. Aber ihre Bitte werde festgehalten.

Mara holte das Kissen von der Bank. Als sie zurückkam, stand Ruth noch am Wagen.

»Wir suchen weiter«, sagte Mara.

Ruth sah sie an. »Auch wenn sie gegangen ist.«

Es war keine Frage. Mara nickte.

Im Hang lagen noch drei verschlossene Schränke. Ruth hatte für einen Augenblick die Schrift ihrer Schwester gesehen, und sie hatte beschlossen, sie finden zu wollen, selbst wenn die Antwort nicht mehr nur von denen handelte, die Hanna fortgebracht hatten.