XIIIDas dreizehnte Ufer
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Kapitel 14 /

Die andere Jacke

10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

Bleistiftzeichnung einer alten Jacke und eines geöffneten Kartons mit Schulsachen.
Die Ärmel waren einmal kürzer gewesen.

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12:38 Min. Hörzeit

Gelesen mit Nova · KI-generierte Stimme

Die Jacke lag unter einem Vulkan.

Mara hatte den Karton vom Schrank gehoben und sich mit ihm auf den Boden gesetzt. Oben lagen die Zeugnisse, darunter ein Heft mit eingeklebten Blättern, ein Salzstreuer ohne Boden und der Berg aus Pappmaché. Er war einmal rot gewesen. Jetzt löste sich seine Farbe in dünnen Schuppen. Eva hatte selbst die Sachen aufgehoben, die Mara schon als Kind hatte wegwerfen wollen.

Der grüne Stoff darunter war an den Schultern flach gedrückt. Ein Ärmel steckte im anderen. Mara zog ihn vorsichtig heraus, als könnte noch ein Arm darin sein.

Sie wusste sofort, wem die Jacke gehört hatte.

Jonas hatte sie offen getragen, auch im November. Der Reißverschluss war ihm zu laut gewesen, wenn er nachts durch den Flur musste. Mara hatte diesen Grund für ungeheuer vernünftig gehalten. Inzwischen konnte sie sich nicht einmal mehr erinnern, ob er ihn ernst gemeint hatte.

Sie legte die Jacke über ihre Knie. Am rechten Bündchen saßen winzige Löcher in einer Reihe. Eine Naht war dort aufgetrennt worden. Auf der anderen Seite steckte noch ein Stück grauer Faden im Stoff.

Mara drehte den Ärmel um.

Er war nach innen eingeschlagen gewesen. Nicht für Jonas.

Sie zog die Jacke an. Die Schultern waren heute zu schmal, der Stoff spannte unter ihren Armen. Früher hatten die Ärmel bis über ihre Fingerspitzen gereicht. Sie sah ihre Mutter vor sich, den Mund voller Stecknadeln, während Mara die Hände durch die Öffnungen schob. Eva hatte verlangt, dass sie endlich gerade stand.

Wann?

Nach seinem Verschwinden. Das wusste sie. Aber nicht, ob es eine Woche gewesen war oder ein halbes Jahr.

Sie nahm die Jacke wieder ab und hielt sie von sich weg. Die grüne Erinnerung, die sie Berger angeboten hatte, war nicht falsch. Jonas hatte diese Jacke besessen. Nur hatte Mara sie danach selbst getragen, so lange, dass ihr eigener Körper inzwischen in dem Bild steckte.

Neben dem Karton lag ihr Telefon. Sie öffnete keine Aufnahme. Sie wollte nicht, dass die Stimme ihr sagte, was sie als Nächstes zu finden hatte.

Unter den Heften kam ein Umschlag zum Vorschein. Eva hatte darauf »Fahrkarten, Schule« geschrieben. Darin waren Monatsmarken, ein Foto mit abgerundeten Ecken und die Hülle mit dem dunklen Halbkreis des Stempels. Das Band fehlte. Ein kurzer Rest hing noch durch das ausgestanzte Loch.

Mara verglich die Nummer mit ihrem heutigen Ergänzungsblatt. Berger hatte sie darauf vermerkt. Sie stimmte überein.

Die Karte war zurückgekommen. Nicht in ihre Schultasche, soweit sie sich erinnerte. In diesen Umschlag.

Sie stellte den Karton neben sich und blieb sitzen. Von unten drang das trockene Klicken des Kühlschranks herauf. Im Haus ihrer Mutter gab es immer ein Gerät, das gerade beschloss, etwas zu tun.

Mara steckte die Hand in die linke Tasche der grünen Jacke. Sie war leer. Rechts lag ein steinharter Rest, den sie erst für Bonbonpapier hielt. Es war die Kappe eines Filzstifts. Sie legte sie auf den Boden, ohne ihr eine Bedeutung zu geben.

Dann griff sie an den Kragen.

Der Aufhänger war abgerissen und durch einen Schnürsenkel ersetzt worden. Zwei Knoten, sehr dicht beieinander. Sie spürte einen davon zwischen Daumen und Nagel.

Nicht das Gesicht ihres Bruders kam zurück. Zuerst kam ein Ärger.

Er hatte die Jacke nicht hergeben wollen.

Mara ließ den Kragen los.

Es war keine Szene, die sie vollständig sehen konnte. Sie wusste nicht, wo sie standen. Aber sie kannte ihre eigene Stimme darin: Du kriegst doch die andere. Und seine Hand, die an einem Ärmel zog, während sie den zweiten schon festhielt.

Sie hatte die grüne haben wollen. Nicht irgendwann als Andenken. Als er noch da war.

Mara zog den Umschlag zu sich heran. Sie hätte die Karte hineinlegen und alles zurück in den Schrank stellen können. Dann wäre ein unscharfes Bild ein unscharfes Bild geblieben. Niemand hätte von ihr verlangt, es genauer zu machen.

Stattdessen griff sie nach einem Heft und schlug eine leere Rückseite auf. Sie schrieb drei Zeilen.

Grüne Jacke im Karton. Ärmel verkürzt. Ich erinnere, dass ich sie von ihm wollte und ihm eine andere anbot.

Darunter: Ich weiß nicht, an welchem Tag.

Den letzten Satz unterstrich sie nicht. Er sollte weder größer noch kleiner sein als die anderen.

Als das Telefon klingelte, erschrak sie so heftig, dass der Vulkan umkippte. Ein Stück seines Kraters brach ab.

Ivo fragte nicht, ob sie etwas gefunden hatte.

»Ich fahre nachher nicht mit zum Zugang.«

»Wegen Berger?«

»Die Gemeinde hat mich aus der Prüfung genommen. Wegen meiner Unterschrift. Ich soll die Unterlagen abgeben, aber nicht meine eigene Arbeit beurteilen.«

Mara sah den grauen Faden im Bündchen an. »Das ist vernünftig.«

»Ja.« Nach einer Weile sagte er: »Es fühlt sich trotzdem beschissen an.«

Zum ersten Mal an diesem Vormittag musste sie lächeln. Nicht über ihn. Darüber, dass er ihr keinen Satz anbot, in dem das Richtige zugleich das Angenehme war.

»Hast du gegessen?«, fragte sie.

»Ein Brötchen.«

»Mit etwas?«

»Mit der linken Hand. Die andere war am Telefon.«

Sie sah den kalten Becher aus seinem Wagen vor sich. »Ich kann dir nichts abnehmen, Ivo.«

»Ich wollte es dir sagen, bevor du es von jemand anderem hörst.«

Mara zog die Knie an. Die Jacke rutschte zu Boden. Sie hob sie nicht auf.

»Ich habe seine grüne Jacke gefunden. Meine Mutter hat die Ärmel für mich kürzer gemacht.«

Ivo schwieg.

»Und ich glaube, dass wir getauscht haben. Schon vorher. Aber ich will dir keine Erinnerung erzählen, die du mir dann bestätigst.«

»Ich war nicht dabei.«

Diesmal hörte sie darin keinen Rückzug. Es war ein Platz, den er ihr ließ.

Nach dem Gespräch rief sie Berger an. Sie beschrieb den Fund, las ihre vier Sätze vor und wartete. Die Beamtin bat sie, Karte und Jacke getrennt mitzubringen, ohne etwas daran zu verändern. Sie wollte auch den Umschlag sehen.

»Nicht die Jacke waschen«, sagte sie.

Mara blickte auf den dunklen Fleck am Saum. »Nach achtundzwanzig Jahren hatte ich das nicht vor.«

»Manche Leute möchten etwas ordentlich abgeben.«

Das verstand Mara besser, als ihr lieb war.

Sie holte zwei saubere Tragetaschen aus der Küche. In der Schublade neben dem Herd lagen Gummibänder, Batterien und ein Teigschaber, dessen Kante Eva mit dem Messer erneuert hatte. Mara machte die Schublade langsam wieder zu. Sie würde dieses Haus irgendwann ausräumen müssen. Dann wären nicht nur die verdächtigen Dinge an der Reihe.

Den Vulkan legte sie zurück. Das abgebrochene Stück kam daneben.

Auf der Treppe blieb sie stehen. Die Jacke hing über ihrem Unterarm, noch nicht in der Tasche. Früher hatte sie den Stoff vor das Gesicht gezogen und behauptet, er rieche nach Jonas. Eva hatte nie widersprochen. Vielleicht hatte sie es nicht über sich gebracht. Vielleicht war es ihr recht gewesen, dass Mara den Geruch festhielt und die Frage vergaß, wie die Jacke zu ihr gekommen war.

Mara wusste es nicht. Sie würde auch diese Lücke nicht für ihre Mutter aussprechen.

Sie ging zu Fuß zur Dienststelle.

Vor dem Bäcker stand eine Frau mit einem Kind, das seinen Roller quer über den Eingang gelegt hatte. Die Frau hob ihn weg, das Kind schrie. Mara musste seitlich an beiden vorbei. Auf einmal war ihr die Wut des Kindes näher als die Geduld der Mutter. Sie hatte diese Jacke haben wollen. Sie hatte ihren Bruder so lange bedrängt, bis er etwas hergab, das ihm gehörte. Das passte nicht in das Bild der kleinen Schwester, die nichts getan hatte, als auf ihn zu warten.

Und es bewies noch immer nicht, was am See geschehen war.

Berger empfing sie in demselben Raum. Die Kaffeetasse war ausgetauscht, die Mappe lag noch auf dem Tisch.

Mara zog die Jacke aus der Tasche. Beim Ausbreiten fiel die Filzstiftkappe heraus.

»Die hatte ich aus der Tasche genommen«, sagte sie. »Dann wieder hineingesteckt. Ich wusste nicht, wohin damit.«

Berger nahm es auf, ohne daraus ein Versäumnis zu machen. Sie verglich die Fahrkarte mit der Kopie und fotografierte den Umschlag. Mara bekam für alles eine neue Bestätigung.

»Grün ist damit kein Beleg dafür, was Ihr Bruder an diesem Nachmittag trug«, sagte Berger.

»Nein.«

»Blau aber auch nicht.«

Mara sah auf die Jacke zwischen ihnen. »Ich habe ihm eine andere angeboten. Das ist das Stück, an das ich mich erinnere. Nicht nur, dass er mir seine gegeben hat.«

»Welche andere?«

Sie wollte sofort blau sagen. Die Karte lag neben ihrer Hand. Es wäre so leicht gewesen, die beiden Dinge aneinanderzuschieben, bis kein Spalt mehr blieb.

»Ich nehme an, die blaue. Aber in dem Bild sehe ich nur die grüne.«

Berger schrieb es so auf.

»Können Sie irgendetwas zeitlich einordnen? Wetter, einen Weg, eine andere Person?«

Mara schüttelte den Kopf. »Ich möchte jetzt nichts ausprobieren.«

Die Beamtin legte den Stift hin. »Dann lassen wir es für heute dabei.«

Auf dem Tisch lag noch ein anderer Bogen. Mara erkannte den oberen Rand eines Fotos, bevor Berger es aus der Mappe zog: Menschen auf einem Weg, ein dunkler Streifen Wasser dahinter.

»Das gehört zu den damaligen Suchunterlagen. Keine Aufnahme vom Nachmittag des Verschwindens. Vom folgenden Morgen.«

Berger drehte das Bild zu ihr.

Eva stand darauf neben zwei Männern. Die Haare hatte sie mit einer Spange hochgesteckt. An ihrem Arm hing ein Mädchen in einer viel zu großen Jacke. Dessen Ärmel waren mehrfach umgeschlagen. Der Aufhänger ließ sich auf dem Foto nicht erkennen. Aber die schrägen Taschenklappen, die helle Abdeckung des Reißverschlusses und der breite Kragen passten zu dem Kleidungsstück auf dem Tisch.

Mara hatte vergessen, wie klein sie neben ihrer Mutter gewesen war.

»Ich trug sie schon am nächsten Morgen«, sagte sie.

»Sehr wahrscheinlich diese Jacke. Das halten wir fest. Den Tausch datiert das noch nicht.«

Mara rückte näher an das Foto. Ihr Kinderkopf war zur Seite gedreht. Sie sah nicht zum Wasser. Sie sah den Mann an, der mit Eva sprach, als warte sie darauf, etwas sagen zu dürfen.

Sie konnte nicht erkennen, ob es wirklich so gewesen war. Ein Foto gab einem keine Absicht zurück.

»Kann ich eine Kopie bekommen?«

Berger nickte. Mara wartete, bis sie wiederkam. Sie nahm das Blatt mit beiden Händen und faltete es nicht.

Im Flur hörte sie das Telefon der Beamtin. Berger blieb in ihrer Tür stehen, sagte ihren Namen und dann zweimal ja. Mara ging zum Fenster. Gegenüber lud jemand Getränkekisten aus. Jede zweite Kiste wurde über den Bordstein gezogen, statt gehoben.

»Frau Voss.«

Mara wandte sich um.

»Der Bauprüfer war am oberen Zugang. Die erste Biegung kann noch nicht betreten werden. Sie haben eine Kamera vorgeschoben.«

Berger hielt das Telefon in der Hand. Auf dem Display war das Gespräch bereits beendet.

»Sehen sie den Aktenraum?«

»Eine Türöffnung und dahinter vier Schränke. Die Aufnahmen gehen jetzt an uns. An einem Schrank fehlt der Riegel. Seine Tür steht offen.«

Mara sah durch die offene Bürotür auf die grüne Jacke. Jemand hatte sie schon zusammengelegt. Sie wirkte kleiner als vorhin, beinahe gewöhnlich.

»Sie lassen niemanden hinein?«

»Vorerst nicht. Auch nicht für die Unterlagen.«

Mara nickte. Draußen schabte wieder eine Getränkekiste über den Stein.

Sie steckte das Foto in den Umschlag mit ihrer Empfangsbestätigung. Zum ersten Mal ging sie aus diesem Gebäude, ohne darauf zu warten, dass man ihr etwas von Jonas zurückgab.

Heute hatte sie etwas von ihm dagelassen.