XIIIDas dreizehnte Ufer
← Inhaltsverzeichnis

Kapitel 13 /

Hinter der Verkleidung

10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

Bleistiftzeichnung eines geöffneten Betriebszugangs im Hang mit einer alten Gittertür.
Dahinter war keine Mauer.

Die Geschichte hören

13:24 Min. Hörzeit

Gelesen mit Nova · KI-generierte Stimme

Auf der Karte war Mara zehn Jahre alt.

Das Foto zeigte sie mit einem schiefen Pony und dem Ausdruck eines Kindes, das gebeten worden war, jetzt endlich stillzuhalten. Links daneben stand ihr Name. Die Kopie war schlecht; vom Stempel blieb nur ein dunkler Halbkreis. Trotzdem erkannte sie die Monatskarte, bevor Berger erklärte, woher das Blatt kam.

»Die Anlagen zur damaligen Sicherstellung sind heute eingetroffen. Sie waren nicht bei den eingescannten Aussagen.«

Berger legte die zugehörige Aufstellung daneben. Fahrrad. Blaue Jacke. Inhalt der linken Außentasche: Schülerfahrkarte, Mara Voss. Darunter die Nummer, die sich auf der Kopie wiederfand.

Mara schob die Hände unter ihre Oberschenkel.

»Sie wussten das schon, als Sie nach der Tasche gefragt haben.«

»Ich hatte die Aufstellung. Deshalb wollte ich zuerst hören, was Sie selbst erinnern.«

Am Rand stand ein Vermerk zur Rückgabe. Die Karte war Eva ausgehändigt worden. Was sie ihrer Mutter dazu gesagt hatte, war nicht festgehalten. Vielleicht hatte niemand gefragt. Vielleicht fehlte noch eine Seite. Mara durfte die Lücke nicht sofort mit dem füllen, was sie heute von Eva wusste.

»Ich habe oft Sachen verloren«, sagte sie.

Berger wartete.

»Meine Mutter hat die Karte mit einem Band innen an der Schultasche befestigt. Ich fand das peinlich. Ich habe das Band abgeschnitten.«

An die Schere erinnerte sie sich. An eine ausgefranste Schnur. Nicht daran, wie die Karte in diese Jacke gekommen war. Sie sagte Berger beides.

»Die Karte beweist nicht, wer die Jacke am Geländer abgelegt hat«, sagte die Beamtin. »Aber sie gehört zu dem Fund. Ihre Mutter hat sie zurückbekommen. Das halten wir auseinander.«

Mara bat um eine Kopie ihres heutigen Ergänzungsblatts. Den alten Bogen ließ sie liegen. Sie wollte das Kinderfoto nicht mitnehmen, als könnte sie sich damit später an den richtigen Nachmittag erinnern.

Draußen saß Ivo im Wagen und schlief mit geöffnetem Mund. Als sie an die Scheibe klopfte, fuhr er hoch und griff nach einem Schlüssel, der bereits steckte. Mara hätte beinahe gelacht. Dann sah sie den kalten Kaffee zwischen seinen Knien.

»Wie lange?«

»Weiß nicht. Ich habe die Augen nur zugemacht, damit mich keiner vom Bauhof sieht.«

Sie nahm ihm den Becher ab. An der Innenseite klebte ein halb aufgeweichter Zettel vom Bäcker. Er hatte ihn als Deckel benutzt. Sie stellte den Kaffee in die Halterung und setzte sich.

»Ich erzähle dir nachher, was Berger gefragt hat. Sie möchte erst noch mit dir sprechen.«

»Hat sie geschrieben.«

Er fragte nicht weiter. Sie fuhren bergauf, weg von der Straße zur Südbucht. Zwischen den Häusern hing Wäsche, die seit dem Morgen nicht trockener geworden war. Der Himmel war hell, aber ohne Sonne.

Am oberen Betriebszugang stand der Wagen der Technikerin. Sie hatte eine Mappe auf der Motorhaube ausgebreitet und beschwerte einen Plan mit ihrem Handschuh. Als Ivo parkte, winkte sie ihnen zu.

»Heute kein Geräuscheraten«, sagte sie zu Mara.

»Das war vorgestern auch nicht mein Wunsch.«

»Vorvorgestern«, sagte Ivo.

Mara sah ihn an. Vier Tage. Sie hatte das Gefühl, schon viel länger hier zu sein und zugleich immer noch vor dem Paket zu sitzen.

Die Technikerin zeigte ihnen den Weg hinter einer niedrigen Betonmauer. Unter Laub kam eine gepflasterte Fläche zum Vorschein. An ihrer hinteren Seite steckte eine graue Tür im Hang. Darüber wuchs Gras aus einer gebrochenen Regenrinne.

Kein verborgener Eingang. Neben der Tür hing ein gewöhnliches Schild des Verbands. Ein Kiesstreifen führte bis an die Straße. Mara war hier als Kind vermutlich vorbeigegangen. Sie erinnerte sich nicht daran.

»Das ist der heutige Kabelraum«, sagte die Frau. »Ich öffne die Außentür. Sie bleiben auf dem Pflaster. Dahinter sehen wir uns erst an, was wir tatsächlich vorfinden.«

Sie meldete sich über Funk bei der Leitstelle, nannte den Ort und die beiden Besucher. Dann schloss sie auf. Ivo hielt den Plan so, dass der Wind ihn nicht umblättern konnte.

Hinter der Tür lag eine flache Kammer. Rechts saß ein neuer Verteiler an der Wand. Links waren Rohre dicht unter der Decke befestigt. Geradeaus endete der Raum an einer hell gestrichenen Platte. Der Boden davor war trocken. In einer Ecke lag eine tote Wespe auf dem Rücken.

»Das hier ist auf dem alten Blatt noch der Zugang zum Wartungsgang«, sagte Ivo.

Die Technikerin nickte. Sie stellte einen kleinen Scheinwerfer auf die Schwelle und richtete ihn auf die hintere Fläche.

Mara sah zwei senkrechte Fugen, oben eine schmale Leiste. Am rechten Rand fehlte Farbe. Darunter kam Holz zum Vorschein.

»Eine Tür?«

»Eine Verkleidung.« Die Frau blätterte in ihrer Mappe. »Laut Abschlussmeldung dahinter eine feste Verschlusswand. Dann wäre der alte Gang von hier nicht mehr zugänglich.«

»Von wann?«, fragte Ivo.

»Zweitausendelf. Umbau Kabelraum, Aufgabe Altzugang.«

Er blickte nicht mehr auf den Hangplan.

Die Technikerin nahm eine einzelne Seite aus der Mappe und reichte sie ihm. Ivo hielt sie zunächst an der unteren Ecke. Dann fasste er mit der zweiten Hand nach, sorgfältig, als hätte das Blatt Gewicht bekommen.

Mara sah eine Tabelle mit erledigten Arbeiten. Unter der letzten Zeile stand eine Unterschrift. Den ersten Buchstaben kannte sie von Nachrichten, die Ivo früher an ihrer Tür hinterlassen hatte.

»Das bin ich«, sagte er.

Die Technikerin sah zwischen ihnen hin und her. »Bei der Gemeinde. Bestätigung des übernommenen Zustands.«

»Ja.«

Sie nahm das Blatt nicht zurück. Ivo las es noch einmal. Mara bemerkte, dass er den Mund bewegte, ohne etwas zu sagen.

Die Frau holte einen Schraubendreher. Sie prüfte zunächst den Verlauf der Leitungen an der seitlichen Wand. Dann löste sie die vier sichtbaren Schrauben der Verkleidung. Mara hielt sich weiter zurück, als nötig gewesen wäre. Sie wollte nicht hören, was Ivo erklärte, solange hinter der Platte noch alles möglich war.

Das Brett kam schräg nach vorn. Die Technikerin stellte es mit der gestrichenen Seite zur Wand. Ein flacher Staubrand blieb auf dem Boden zurück.

Dahinter war keine Mauer.

Eine alte Gittertür stand in einer gemauerten Öffnung. Durch ihre Stäbe sah man drei Stufen, dann bog der Gang nach rechts ab. Die Wände waren grau, fleckig, an einer Stelle glänzend. Vom Boden stieg ein Geruch auf, der Mara an Kartoffeln im Keller erinnerte.

Ivo senkte das Blatt.

Die Technikerin blieb auf der Schwelle des Kabelraums. Mit dem Licht suchte sie die sichtbare Decke ab. Am Ansatz des Bogens verlief eine schmale dunkle Linie. Unter ihr lag heller Sand auf einer Stufe.

»Wir gehen nicht hinein.«

Niemand widersprach.

Sie fotografierte die Öffnung, den Boden und die Fugen. Dann rief sie einen Kollegen an. Mara verstand nur die Wörter Altgang, Abweichung und Bauprüfung. Die Frau nannte keine Ursache für die Linie im Mauerwerk. Als sie aufgelegt hatte, klebte sie eine Absperrung vor die Gittertür.

»Der Raum auf Ihrem Archivplan könnte darüber erreichbar sein. Bis wir den Verlauf und den Zustand geprüft haben, bleibt das eine Möglichkeit.«

»Die Verschlusswand war jedenfalls nie hier«, sagte Ivo.

»Heute ist sie nicht hier. Ob sie entfernt wurde, klären wir ebenfalls.«

Er sah auf die Ränder der Öffnung. Mara erkannte, wie viel ihn dieser kleinere Satz kostete. Vor wenigen Tagen hatte er ihr selbst beigebracht, Beobachtung und Schluss auseinanderzuhalten.

Die Technikerin ging zum Wagen, um den vollständigen Umbauplan zu holen. Sie ließ die Tür offen. Mara und Ivo standen auf dem Pflaster. Im Gebüsch hinter ihnen flatterte ein Vogel und wurde wieder still.

»Hast du damals nachgesehen?«, fragte Mara.

Ivo schüttelte den Kopf.

»Ich war hier. Bis vor die Verkleidung. Der Kabelraum war fertig. Mein Vater hat gesagt, dahinter sei zugemacht worden.«

»Und du hast es bestätigt.«

»Ja.«

Sein Vater hatte zuletzt die örtliche Bauaufsicht für kleinere Verbandsarbeiten übernommen, erklärte er. Nicht den Betrieb der Anlage. Die Gemeinde sollte den geänderten Zugang in ihre Unterlagen übernehmen. Ivo war für das Aufmaß gekommen. Auf dem Blatt standen aber mehr Dinge als Maße.

»Er hatte den Abschlussbericht vorbereitet. Ich habe unten unterschrieben.«

»Weil du ihm geglaubt hast?«

»Auch.«

Mara wartete auf den Rest. Sie wollte nicht wieder die Antwort anbieten, die jemand nur noch bestätigen musste.

»Es gab schon Ärger wegen der Rechnung. Eine Nachprüfung hätte die Sache offen gehalten. Mein Vater wollte den Auftrag abschließen. Und ich wollte ihm nicht vor den anderen erklären, dass sein Wort nicht reicht.«

Die ausgestreckte Hand, mit der er das Blatt hielt, zitterte ein wenig. Er legte es auf die Mappe. Mara dachte an Ruths Unterschrift unter der Ankunft von Menschen, die sie nicht gesehen hatte. Sie sagte es nicht. Die Ähnlichkeit war deutlich genug, um ungerecht zu werden, wenn sie sie als fertiges Urteil benutzte.

»Wusstest du von diesem Gang, als wir ins Archiv gegangen sind?«

»Ich wusste, dass irgendwo ein alter Zugang aufgegeben worden war. Nicht, dass er zu diesem Aktenraum führte. Als sie vorhin zweitausendelf sagte, wusste ich, welches Blatt sie meint.«

»Und die Treppe auf der Karte?«

»Anderer Auftrag. Früher. Diesen Beschnitt habe ich nicht bestellt.«

Mara betrachtete ihn. Sie wollte den Unterschied sofort glauben. Gerade deshalb ließ sie ihn stehen, ohne ihn für sich zu entscheiden.

Die Technikerin kam zurück. Ivo ging ihr entgegen.

»Schreiben Sie dazu, dass ich die Wand hinter der Verkleidung nicht geprüft habe. Ich habe den Abschluss nach der Auskunft meines Vaters bestätigt.«

Die Frau sah auf seine Unterschrift, dann auf ihn. »Das muss in die Abweichungsmeldung.«

»Ja. Mit meinem Namen.«

Sie reichte ihm einen Stift. Er schrieb auf ein freies Blatt, hielt kurz inne und begann die letzte Zeile noch einmal. Anschließend fotografierte er seine Erklärung und rief Berger an. Mara ging ein paar Schritte zur Straße. Sie wollte sein Gespräch nicht für ihn führen.

Von dort sah man ein kleines Stück See zwischen den Bäumen. Auf dem Wasser bewegte sich ein weißer Punkt. Die Fähre. Sie hörte ihr Signal heute nicht; der Hang lag dazwischen.

Die Stimme auf dem Band hatte Mara ausgerechnet zu Ivo geschickt. Zu dem Mann mit der alten Karte und der eigenen falschen Bestätigung. Vielleicht, weil er helfen konnte. Vielleicht, weil jemand wusste, was ihm dabei begegnen würde.

Hinter ihr wurde die Gittertür zusätzlich gesichert. Die Technikerin verschloss danach den Kabelraum. Sie wollte noch am selben Tag mit dem Bauprüfer zurückkommen. Ivo bot die vermessenen Punkte und den alten Plan an. Sie nahm beides, ohne ihm zu sagen, dass damit alles wieder gut sei.

Auf dem Weg zum Wagen blieb Mara am Rand der Pflasterfläche stehen. Zwischen den Steinen steckte ein abgebrochener Bleistift. Sie ließ ihn liegen. Nicht alles, was jemand verloren hatte, war für sie bestimmt.

Ivo öffnete die Beifahrertür. Mara ging daran vorbei und stellte sich vor ihn.

»In der blauen Jacke war meine Fahrkarte.«

Er hielt die Tür noch fest.

»Berger hat die Kopie. Mit meinem Foto. Sie war in der linken Tasche.«

»Hattest du die Jacke an?«

»Ich weiß es nicht mehr. Frag mich nicht nach einer Geschichte dazu.«

Er ließ die Tür los. »Entschuldige.«

Mara dachte an das abgeschnittene Band an ihrer Schultasche. Eine kleine Tat, deren Grund sie genau kannte. Alles danach war unschärfer. Sie hatte die Karte verloren und zurückbekommen. Oder ihre Mutter hatte sie aufbewahrt. Zuhause lagen noch die Schulsachen, die Eva nie weggeworfen hatte.

»Ich möchte nachsehen, was sie mir aufgehoben hat. Du kommst diesmal nicht mit.«

Ivo nickte. Dann hob er die Mappe an. »Ich muss zur Dienststelle.«

Sie fuhren schweigend zurück. Als er vor Evas Haus hielt, gab Mara ihm den kalten Kaffeebecher aus der Halterung. Er nahm ihn, ohne zu trinken.

Oben im Fenster hing noch der Vorhang, den sie als Kind durch ein Loch im Stoff beobachtet hatte, wenn sie zu spät nach Hause gekommen war. Sie hatte immer sehen wollen, ob ihre Mutter wartete.

Heute würde Mara allein hinaufgehen. Und zum ersten Mal nicht nach dem suchen, was Eva vor ihr versteckt hatte, sondern nach dem, was sie ihr zurückgegeben hatte.