XIIIDas dreizehnte Ufer
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Kapitel 12 /

Vor dem Schnitt

10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

Bleistiftzeichnung einer Buchbinderin, die in ihrer stillen Werkstatt einen Brief liest.
Du kannst auch kommen, wenn du nichts erfährst.

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12:40 Min. Hörzeit

Gelesen mit Nova · KI-generierte Stimme

Lene las den Brief im Stehen. Sie hatte die Kopie mit zwei Holzklammern an einem Brett befestigt, als müsste erst der Leim trocknen, bevor sie glauben durfte, was dort stand.

Berger hatte Mara am späten Nachmittag einen Ausdruck mitgegeben. Die Unterlagen aus Noras Sammlung waren übernommen worden. Den Brief dürfe sie Lene zeigen. Mara hatte auf dem Weg zur Werkstatt zweimal überlegt, erst am nächsten Morgen zu kommen.

Nun wartete sie neben der Presse. Auf dem Boden lag ein abgeschnittenes Stück Buchleinen. Sie zwang sich, es liegen zu lassen.

»Er hatte meine Telefonnummer nicht nötig«, sagte Lene. »Dir hat er eine aufgeschrieben.«

Mara verstand den Satz erst nach einer Weile. Lene wusste, wo Paul jeden Abend gewesen war. Das hatte ihr nichts von dem Wissen verschafft, das er einer fremden Frau in einem Brief angeboten hatte.

»Nora hat ihn nicht beigelegt. Paul hat widersprochen. Dann hat er zugelassen, dass sie das Paket trotzdem abschickt.«

Lene löste die obere Klammer. Das Blatt kippte zur Seite. Sie fing es auf und las noch einmal den Absatz über Eva.

»Was er ihr schuldig geblieben ist.«

Mara nickte.

»Mir ist er auch etwas schuldig geblieben.«

Aus der Küche kam Lenes Schwester mit einer Tasse. Sie stellte sie auf die Fensterbank, außerhalb der Reichweite von Papier und Händen. Dann ging sie wieder. Niemand musste erklären, weshalb sie nicht blieb.

Lene setzte sich. Sie zog die Spange aus dem Haar, legte sie neben die Tasse und rieb sich über die Stelle am Hinterkopf.

»Ich habe heute seine Jacken angesehen. Wegen der Taschen. Als könnte man entscheiden, was ein Mensch gewusst hat, wenn man seine alten Kassenzettel findet.«

»War etwas dabei?«

»Nicht dieser Brief.«

Mara schämte sich für die Schnelligkeit ihrer Frage. Lene bemerkte es.

»Du darfst fragen. Ich will nur nicht jedes Mal der Schrank sein, den ihr aufmacht.«

»Das wollte ich nicht.«

»Ich weiß. Setz dich.«

Mara nahm den Hocker. Ihre Füße erreichten den Boden nicht ganz. Sie hatte als Kind bei Eva oft so gesessen und mit den Absätzen gegen die Stuhlbeine gestoßen. Jetzt hielt sie sie still.

Lene legte den Brief auf ihre Knie. »Ich möchte eine Kopie behalten. Und wenn du morgen wieder etwas erfährst, kommst du trotzdem.«

»Ja.«

»Du kannst auch kommen, wenn du nichts erfährst.«

Das war schwerer anzunehmen als der Vorwurf. Mara blieb, bis die Schwester Brot und Käse brachte. Sie aßen an der freien Hälfte des Arbeitstischs. Lene schob Pauls Brief zwischen zwei saubere Bretter. Sie drehte ihn nicht um.

Zu Hause fand Mara eine Nachricht von Ruth. Frau Belter hatte ihre schriftliche Anfrage weitergeleitet; Ruth hatte sich die Empfänger und das Datum aufschreiben lassen. Sie wollte beim nächsten Gespräch selbst dabei sein. Am Ende stand: Du brauchst heute nicht mehr anzurufen.

Mara rief trotzdem an. Sie sprachen über eine Viertelstunde, meistens über Ruths Knie und darüber, dass ein Taxi auf der Rückfahrt mehr gekostet hatte als auf der Hinfahrt. Mara erwähnte den Brief. Ruth hörte zu, ohne zu behaupten, sie habe immer gewusst, dass Paul so etwas tun würde.

Danach ließ Mara den Rechner geschlossen. Zum ersten Mal seit Leipzig hörte sie die Kassette vor dem Schlafen nicht noch einmal ab.

Am vierten Morgen rief Berger kurz nach acht an.

»Wir können Ihnen jetzt zeigen, wo Ihre Aufnahme zusammengesetzt wurde.«

Mara setzte die Tasse auf den Küchenboden. Sie stand gerade neben dem offenen Schrank, und der Boden war die nächste Fläche. Erst als Berger fragte, ob sie sie verstanden habe, hob sie die Tasse wieder auf.

»Ich komme.«

Auf der Dienststelle saß Timo Brandt im Flur. Mara erkannte ihn nicht an einer Ähnlichkeit mit seinem Vater. Berger sprach ihn mit Namen an, als sie ihn bat, noch einen Augenblick zu warten. Er trug eine dünne Jacke, obwohl es draußen kalt geworden war. Zwischen seinen Schuhen stand eine Stofftasche.

Er sah Mara an und senkte den Blick auf ihre Hände.

»Ich wusste nicht, dass Sie nachts fahren würden«, sagte er.

Sie blieb stehen. »Was dachten Sie denn?«

»Dass Sie sich melden. Dass Paul dann erklärt, was das soll.«

Berger öffnete die Zimmertür. »Herr Brandt. Wir sprechen nachher weiter.«

Mara ging hinein, bevor sie ihm eine Antwort gab, die er später für Verzeihung halten konnte.

Neben dem Rechner lag ein Blatt mit drei Zeilen. Eingang bei Nora. Bearbeitung bei Timo. Überspielung auf Kassette. Eine Kollegin hatte die Dateien am Vorabend gesichert und den ersten Vergleich vorgenommen. Berger erklärte, was dabei feststand und was noch untersucht wurde. Mara musste sich bremsen, um nicht auf jede Pause mit einer eigenen Vermutung zu antworten.

Die Sendungsnummer auf Noras Beleg stimmte mit der Nummer auf dem Karton überein. Die Mail mit Pauls Anhang lag in Noras Postfach. Die weitergeleitete Nachricht an Timo ebenfalls. Zu seiner Rücksendung gehörte die kurze Fassung. Auf seinem Rechner war das zugehörige Schnittprojekt erhalten.

»Nicht nur ein Datum im Dateinamen«, sagte Berger.

Mara nickte. So ein Datum hätte jeder eintippen können. Hier gab es mehrere zusammengehörende Übertragungen, die Dateien selbst und die gespeicherte Anordnung der Ausschnitte.

Berger öffnete eine vorbereitete Darstellung. Die lange Aufnahme lag oben. Darunter standen farbige Rechtecke für die verwendeten Stellen. Die Nummern sprangen vor und zurück. Ein kurzer Abschnitt vom Ende war fast an den Anfang gerückt worden.

»Timo hat die Bearbeitung bestätigt. Er hat uns gezeigt, wie er sie ausgegeben und hiermit auf Band aufgenommen hat.«

Sie deutete auf das Foto des alten Recorders mit dem Adapter. Das Gerät selbst blieb bei den gesicherten Sachen. Mara war froh, dass es nicht noch einmal auf einem Tisch zwischen ihnen stand. Sie wollte keinen Gegenstand mehr anstarren, während die Erklärung anderswo lag.

»Und der Vergleich mit meiner Kassette?«

»Die Reihenfolge stimmt mit der kurzen Datei überein. Die Kollegin hat auch einzelne Geräusche verglichen. Ich spiele Ihnen die Stelle vor, die Sie markiert hatten.«

Zuerst kam die Fassung, die Mara kannte. Ihr Name. Die Warnung vor dem Haus. Ivo und die alte Karte. Dann der kleine Wechsel im Hintergrund, den sie in Evas Küche gehört hatte.

Morgen um zehn gibt der See einen Mann zurück.

Berger hielt an.

In der langen Datei stand zwischen diesen Teilen ein Gespräch. Die Stimme, die Mara für Jonas hielt, sagte zunächst nichts. Jemand schob etwas über eine harte Fläche. Dann sprach ein zweiter Mann.

»Die Urkunde nehme ich mit. Aber wenn ich es mache, dann mit meinem Namen. Mit beiden.«

Mara kannte die Stimme nicht gut genug, um sie zu benennen.

»Herr Mertens«, sagte Berger. »Seine Frau hat eine Vergleichsnachricht bereitgestellt und die Stimme erkannt. Die genaue Prüfung läuft noch.«

Sie ließ die Aufnahme weiterlaufen. Der andere Mann atmete hörbar aus.

»Dann erklärst du es ihr selbst. Ich kann ihr das nicht abnehmen.«

Eine Pause. Kein sauberer Übergang. Ein Räuspern, ein kurzes Klappern. Die beiden Fährtöne lagen weiter hinten in der Datei. Mara sah auf die stillstehenden Rechtecke unter der langen Spur. Timo hatte das alles vor sich gehabt. Er hatte entschieden, was eine Pause war und was jemand nicht zu hören brauchte.

Berger spielte den Ausschnitt mit der Zeitangabe nun an seiner ursprünglichen Stelle ab. Davor fragte Paul, was Mara überhaupt zu erwarten habe. Danach kam die Antwort, vollständig bis zu dem Pfeifen, das Mara aus Leipzig kannte. Auch hier lag es über dem folgenden Wort.

Nichts wurde wundersam verständlich.

Aber vor der Ankündigung stand ein Satz, der auf der Kassette fehlte.

»Wenn du dich morgen wirklich zeigst.«

Mara bat, die Stelle noch einmal zu hören. Berger spielte sie ab. Dieselbe Luft vor dem Satz, dasselbe leise Schaben darunter. Dann die Worte mit zehn Uhr. In der kurzen Datei waren Bedingung und Frage entfernt. Übrig geblieben war die Gewissheit.

»Er hat keinen Tod vorausgesagt«, sagte Mara.

»Nach dem, was hier zu hören ist, sprechen sie über einen geplanten Auftritt.«

Mara lehnte sich zurück. Das Rauschen auf dem alten Band hatte ihr eine Vergangenheit vorgetäuscht. Die neue Fähre hatte diese Vergangenheit schon in Leipzig widerlegt. Jetzt hatte die Anordnung der Sätze auch dem nächsten Morgen seinen unheimlichen Zwang genommen. Jemand hatte etwas verabredet. Jemand anderes hatte es wie eine Vorhersage klingen lassen.

Paul war trotzdem tot.

Sie sagte es laut. Berger nickte.

»Das erklärt die Einladung. Noch nicht, was am Messsteg mit ihm geschehen ist.«

»Wusste Timo, wer da spricht?«

»Er sagt, er habe die Datei fertig erhalten und den Mann nicht getroffen. Nora sagt dasselbe. Wir prüfen den Weg zu Herrn Mertens zurück.«

Mara blickte zur Tür. Dahinter saß ein junger Mann, der eine Aufnahme aufgeräumt hatte, bis nichts mehr im Weg gewesen war. Sie konnte sich vorstellen, wie er auf den Bildschirm zeigte und sagte, es sei nur ein Schnitt gewesen. Sie wollte ihm nicht unterstellen, dass er sich damit schon alles verziehen hatte.

»Die vier Klopfer?«

»Sind bereits in der langen Datei. Nicht aus einem anderen Band eingefügt. Auch die Anrede und die Warnung, den Mann nicht Ihren Bruder zu nennen.«

Berger schloss die Darstellung nicht. Sie wartete, bis Mara wieder auf den Bildschirm sah.

»Die Herstellung der Kassette ist jetzt nachvollziehbar. Für die Herkunft der Stimme reicht das nicht.«

Mara verstand. Es konnte eine wirkliche Stimme in einer falschen Reihenfolge sein. Ihr Beruf hatte sie darauf vorbereitet. Ihre Hoffnung nicht.

Sie fragte, ob sie eine Arbeitskopie bekommen könne. Berger wollte zunächst die Aussage zu ihrem ursprünglichen Abhören ergänzen und die weiteren Vergleiche abschließen lassen. Sie bot an, die betreffenden Stellen hier gemeinsam durchzugehen. Mara zog die Hände vom Tisch zurück. Sie war nicht die einzige Person, die hören konnte.

Als sie aufstand, schob Berger ihr einen weiteren Ausdruck hin. Nur wenige Zeilen aus dem ausgelassenen Gespräch. Keine Abschrift der unverständlichen Stelle.

»Das betrifft Ihre damalige Aussage. Ich möchte Sie danach fragen, bevor Sie mit Herrn Kern darüber sprechen.«

Mara setzte sich wieder.

Paul fragte auf der Aufnahme, warum Mara bei seiner Offenlegung dabei sein müsse. Der andere Mann antwortete nicht gleich. Dann sagte er etwas über den Herbst 1998. Keine Ortsangabe, keine Beschreibung eines Unfalls. Nur die Aufforderung, sie selbst erzählen zu lassen.

Berger spielte die letzten Sekunden dieses Abschnitts vor.

»Frag sie nach der Jacke. Nicht nach der Farbe. Was in der linken Tasche war.«

Mara schloss die Finger um die Stuhlkante.

Sie erinnerte sich nicht plötzlich an einen Gegenstand. Kein Schlüssel fiel an seinen Platz, kein Foto wurde scharf. Sie sah nur die alte Aussage vor sich, die sie vor wenigen Tagen berichtigt hatte. Die Geduld des damaligen Polizisten. Ihre Erleichterung, als sie nicht mehr hatte erklären müssen.

»Wissen Sie, was damit gemeint ist?«, fragte Berger.

»Nein.«

Die Beamtin nahm den Stift. Mara hielt sie mit einer kleinen Bewegung zurück.

»Schreiben Sie nicht, dass da nichts war. Ich weiß es nicht.«

Berger schrieb genau das auf.

Draußen wartete Ivos Nachricht: Er hole sie für den Termin am oberen Zugang ab. Die Technikerin habe die Unterlagen bekommen. Mara antwortete, er solle ihr noch eine halbe Stunde geben. Den Satz mit der Tasche schrieb sie nicht dazu.

Dann zog sie den Ausdruck zu sich. Zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr stand eine Frage vor ihr, die sie keinem Toten mehr stellen konnte.