Kapitel 11 /
Ohne den Brief
10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

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»Von Timo Brandt«, sagte Nora. »Er hat die Kassette hierhergebracht. Zwei Tage, bevor Paul gestorben ist.«
Berger schrieb den Namen auf. Mara sah den schwarzen Pullover, die heruntergezogenen Ärmel, das Glas auf der Fensterbank. Alles war noch da. Nur die Strecke zwischen diesem Raum und dem Messsteg war kürzer geworden.
»Verwandt mit Leon Brandt?«
»Sein Sohn. Er hilft mir mit den Aufnahmen. Überspielen, Anschlüsse, solche Sachen. Er arbeitet nicht beim Verband.«
»Wer hat ihn darum gebeten?«
»Ich.«
Nora ließ das Wort stehen. Berger fragte nach einer Telefonnummer, einer Anschrift. Nora nannte beides. Die Beamtin ging kurz zur Tür und telefonierte mit der Dienststelle. Mara konnte den Namen Brandt hören, dann die Bitte, den jungen Mann zu erreichen. Kein Ruf zum See. Kein eiliger Aufbruch, dem sie hätte folgen können.
»Was genau sollte er tun?«, fragte Berger, als sie zurückkam.
»Eine Datei auf Band aufnehmen. Paul wollte, dass Mara die Stimme bekommt. Ich habe gesagt, ein Band würde zu den alten Sachen passen.«
»Zu welchen alten Sachen?«
»Schlüssel und Foto. Die hatte Paul gebracht. In einem braunen Umschlag. Er sagte, sie stammten von Eva.«
Mara zog die Hände vom Tisch. Sie wollte Nora nicht ansehen, während sie sich vorstellte, wie die Frau den Schlüssel gehalten hatte. Die Zahl auf dem Schild. Den Satz ihrer Mutter auf der Rückseite des Bildes. Dinge, die in Leipzig aus einem fremden Karton gekommen waren und deshalb für einen Augenblick außerhalb gewöhnlicher Hände gestanden hatten.
»Sie haben das zusammengestellt.«
»Ja.«
»Und die Stimme?«
»Paul hat mir eine Datei geschickt. Ich habe sie Timo weitergegeben. Ich kenne den Mann nicht, der spricht.«
Berger fragte nach den Nachrichten. Nora zeigte auf den Rechner. Sie habe Paul über das Postfach der Sammlung geschrieben, Timo ebenfalls. Die Mails seien noch vorhanden, mit den Anhängen. Ihr Blick blieb auf dem Bildschirm liegen. Mara erwartete, dass sie hinzufügen würde, wie leicht etwas verlorengehen könne. Stattdessen sagte Nora das Kennwort zum Entsperren leise zu Berger und rückte vom Tisch weg.
Die Beamtin bat sie, zunächst nichts zu öffnen. Ein Kollege würde kommen und die Übernahme der Geräte und Dateien klären. Dann wollte sie den Einlieferungsbeleg sehen.
Nora ging zum Ablagekasten. Unter einem Stapel Rechnungen lag ein schmaler Umschlag, darauf stand Porto. Sie zog ihn heraus, hielt ihn jedoch fest, bis Berger eine freie Stelle gefunden hatte. Mara schob ihr Wasserglas beiseite.
Der Beleg war an ein Blatt geheftet. Daneben klebte ein Ausdruck der Empfängeranschrift. Mara erkannte ihre Straße in Leipzig, die Hausnummer, sogar den Zusatz zum Hinterhaus, den sie auf geschäftlichen Bestellungen benutzte. Er sah hier genauer aus als ihr Name.
»Woher hatten Sie meine Adresse?«
»Von Paul.«
Berger fotografierte das Blatt. Die Sendungsnummer würde sie mit dem Etikett des gesicherten Kartons vergleichen lassen. Die Uhrzeit auf dem Beleg lag am frühen Nachmittag, zwei Tage vor Pauls Tod. Am folgenden Tag war das Paket in Leipzig angekommen. Mara hatte es abgehört und war nachts gefahren.
Eine Reise, für die andere vorher Porto bezahlt hatten.
»Paul wollte Sie anrufen«, sagte Nora. »Das war zuerst besprochen. Er hatte Angst, dass Sie auflegen, sobald er seinen Namen sagt. Oder Evas.«
»Weshalb?«
»Weil Sie Fragen stellen würden, auf die er am Telefon keine Antwort geben wollte. Er wollte Ihnen die Unterlagen zeigen. Am Ort.«
»Das erklärt, warum er mich dorthin gebeten hat. Nicht, warum ich glauben sollte, mein Bruder rufe mich.«
Nora blickte zu Berger. Die Beamtin wartete.
»Er hat einen Brief geschrieben. Der sollte mit hinein.«
Mara hörte im Nebenraum einen Lüfter anlaufen. Sie musste sich daran erinnern, dass ein Rechner auch dann Geräusche machte, wenn niemand etwas tat.
»Ist er hier?«
»Eine Kopie. Den Brief habe ich Paul zurückgegeben.«
Nora deutete auf eine Mappe im Regal. Berger nahm sie auf ihre Bitte heraus. Zwischen zwei Abbildungen des alten Ufers lag ein einzelnes Blatt. Oben stand Maras Name, ohne Anrede. Darunter wenige Zeilen, in einer Schrift, deren stark gedrückte Ansätze Mara von dem Auftragszettel kannte.
Berger legte die Kopie vor Nora hin. »Ist das der Brief?«
»Ja.«
Erst danach drehte sie das Blatt zu Mara.
Ich bin der Mann, von dem die Aufnahme spricht. Ich heiße Paul Mertens. Früher hieß ich Jonas Voss. Der Name ist älter als dein Bruder. Ich möchte dir erklären, was deine Mutter für mich getan hat und was ich ihr dafür schuldig geblieben bin.
Darunter bat Paul sie, am genannten Morgen zur Südbucht zu kommen. Er würde die alte Urkunde mitbringen. Sie solle Ivo mitnehmen. Falls sie nicht kommen wolle, könne sie ihn anrufen. Eine Telefonnummer stand unter seinem Namen.
Mara las bis zum Ende. Dann noch einmal die erste Zeile. Auf einem Blatt von der Größe eines Schulhefts war Platz gewesen für etwas, das sie zwei Tage lang nicht hatte unterscheiden können.
»Warum war das nicht im Paket?«
Nora strich einen Ärmel glatt. »Weil dann nur noch die Frage übrig geblieben wäre, ob Sie einem alten Mann einen Gefallen tun.«
»Es war seine Einladung.«
»Er hatte schon zweimal abgesagt. Den Gesprächsabend. Die Übergabe der Kopien. Immer wollte er erst noch etwas klären. Ich wollte, dass es diesmal geschieht.«
»Deshalb haben Sie mir Angst gemacht.«
»Ich habe ihm gesagt, dass ich den Brief nicht dazulege. Er wusste es.«
Mara blickte zu Berger. Sie wollte, dass jemand den Satz zurücknahm, bevor er in einer Akte stehen konnte. Die Beamtin fragte nur, wann Nora mit Paul darüber gesprochen habe.
Am Morgen des Versands, sagte Nora. Er sei hier gewesen. Sie hätten gestritten. Schließlich habe er den Brief wieder eingesteckt und gesagt, wenigstens die Sachen müssten ankommen. Nora habe angenommen, damit sei er einverstanden.
»Mit dem fehlenden Brief«, sagte Berger. »Mehr konnten Sie daraus nicht wissen.«
»Nein.«
Mara blieb über der Kopie gebeugt. Paul hatte widersprochen und trotzdem mitgemacht. Sie musste beides behalten, obwohl das eine das andere ständig aus ihrem Kopf drängte. Lene hatte von ihm gewollt, dass er Geld annahm. Nora hatte gewollt, dass er endlich auftrat. Was hatte er selbst gewollt, als er den einzigen verständlichen Satz wieder in seine Tasche steckte?
»Haben Sie gewusst, was auf dem Band zu hören ist?«
»Ich habe es vor dem Einpacken abgespielt.«
»Bis zum Klopfen?«
»Bis zum Ende.«
»Und Sie haben nichts daran merkwürdig gefunden?«
Nora sah sie jetzt direkt an. »Doch. Deshalb dachte ich, dass Sie kommen.«
Mara stand auf. Der Stuhl schlug gegen das Regal, und eine Papprolle kippte seitwärts. Sie fing sie auf, bevor sie herunterfiel. In der Rolle steckte offenbar ein Plakat. An ihrem Daumen blieb grauer Staub hängen. Sie hielt das Ding fest, während sie überlegte, wohin mit ihrer Wut.
Berger nahm ihr die Rolle ab.
»Gehen Sie kurz vor die Tür.«
»Ich will den Rest hören.«
»Den können Sie hören, ohne jetzt hier stehen zu bleiben.«
Draußen war es warm. Unter dem Vordach hatte sich der Schatten gedreht. Mara setzte sich auf die niedrige Laderampe und betrachtete ihren schmutzigen Daumen. Ein Mann schob am anderen Ende des Hofs eine Sackkarre in einen Lieferwagen. Zweimal rutschte das kleine Rad an derselben Kante ab. Beim dritten Versuch hob er sie an.
Sie rief Ivo an.
Er ging sofort heran. »Ich wollte mich gerade melden.«
»Ich brauche eine Minute, in der du nichts herausgefunden hast.«
»Gut.«
Sie hörte Papier rascheln, dann nichts mehr. Er wartete. Das machte es schwerer, anzufangen, aber leichter, bei dem zu bleiben, was sie wirklich sagen wollte.
»Die Frau hat mir das Paket geschickt. Ohne einen Brief, der alles erklärt hätte.«
»Alles?«
Mara schloss die Augen. »Den anderen Jonas. Den Termin. Warum Paul dort sein wollte.«
Sie erzählte ihm von der Kopie. Nicht von Timos Adresse oder Bergers Anruf. Die Beamtin sollte ihre Arbeit tun können, bevor Ried daraus ein Gespräch machte.
»Ich möchte ihn dafür hassen«, sagte sie. »Paul. Und dann sehe ich Lene mit dem Foto.«
Ivo schwieg einen Augenblick. »Du hast ihr versprochen, es ihr trotzdem zu sagen.«
»Ich weiß.«
»Du musst es nicht jetzt am Telefon tun.«
Mara legte die freie Hand auf den warmen Stein. Zum ersten Mal verstand sie, dass ihr Versprechen keine einmalige Handlung gewesen war. Es konnte bedeuten, immer wieder zu einer Frau zu gehen, der sie nichts Gutes brachte.
Sie fragte Ivo nach dem Gangplan. Nun durfte er etwas herausgefunden haben.
Der obere Zugang gehörte noch zur Betriebsanlage, sagte er. Die Technikerin vom ersten Abend könne am folgenden Vormittag mit ihnen die Lage abgleichen. Nur von außen, zunächst. Sie brauche vorher die Unterlagen zu späteren Umbauten; Ivo habe ihr die Archivkopien geschickt.
»Ich komme mit«, sagte Mara.
»Ich hätte dich abgeholt.«
Als sie zurückging, stand ein Polizeiwagen vor dem Güterschuppen. Berger sprach mit einem Kollegen. Nora saß im ersten Raum, die Hände zwischen den Knien. Auf dem Tisch lagen Telefon und Brieftasche. Die Kassette, die Mara so weit gefahren hatte, war nirgends zu sehen. Sie befand sich seit dem ersten Morgen bei der Polizei. Hier lagen die Dinge, die man brauchte, um sie herzustellen und fortzuschicken.
Berger erklärte, Nora werde für das weitere Gespräch mit zur Dienststelle kommen. Sie habe der Sicherung der betreffenden Unterlagen und Geräte zugestimmt. Mara könne die Kopie des Briefes später bekommen. Heute solle sie zunächst nach Hause gehen.
»Ist Timo erreichbar?«
»Er hat zurückgerufen. Er kommt ebenfalls. Wir sprechen getrennt mit ihm.«
Der Kollege trug einen alten Kassettenrecorder aus dem Nebenraum. An dessen Seite hing ein kurzes Kabel mit einem kleinen Adapter. Mara hatte ähnliche Geräte in ihrer Werkstatt. Manche waren älter als ihre Auftraggeber. Das Alter sagte nichts darüber, wann jemand zuletzt die rote Taste gedrückt hatte.
»Damit?«, fragte sie Nora.
Die Frau nickte. »Timo hat den Anschluss mitgebracht. Der Recorder gehört mir.«
Der Kollege stellte ihn auf den Tisch, um auch das Kabel einzeln zu erfassen. Ein Stück Klebeband hielt die Batteriefachklappe. Kein Gegenstand aus einem versunkenen Büro. Ein gebrauchtes Gerät, das vor wenigen Tagen jemand hatte einpacken können.
»Haben Sie Pauls Datei noch anderswo?«, fragte Berger.
»Auf der Sicherungsplatte. Im unteren Fach.« Nora hob den Kopf. »Aber nicht nur die von ihm. Timo hat mir seine Fassung zurückgeschickt. Zum Anhören vor dem Überspielen.«
Berger sah zum Kollegen. Er schrieb den Hinweis auf.
Mara blieb neben dem Recorder stehen. »Seine Fassung?«
»Er sollte es kürzen. Die lange Datei passte nicht zu einer Einladung. Es waren Pausen drin. Und Sachen, die nicht an Sie gerichtet waren.«
»Was für Sachen?«
»Ein Gespräch. Ich habe nicht alles verstanden.« Nora zog die Hände auseinander. »Ich habe gesagt, er soll die Stelle mit morgen um zehn vorziehen. Damit man gleich weiß, worum es geht.«
Mara dachte an ihre Markierung auf dem Bildschirm. Den Raum, der mitten in einer Pause kleiner geworden war. Sie hatte nach einem Fehler im Band gesucht. Nora hatte eine Reihenfolge bestellt.
»Die lange Datei«, sagte sie zu Berger. »Bitte vergleichen Sie zuerst die lange Datei. Nicht nur die Stimmen.«
»Das gebe ich weiter.«
Mara trat von dem Tisch zurück. Sie wollte nach Hause, den Rechner öffnen, die Stelle noch einmal hören. Sie wollte warten, bis jemand anderes zu demselben Ergebnis kam. Beide Wünsche waren gleich stark.
An der Tür drehte sie sich zu Nora um.
»Den Satz, den Sie herausgenommen haben. Den von Paul. Den werde ich Lene zeigen.«
Nora antwortete nicht.
Mara ging. Diesmal nahm sie die Einladung vollständig mit, auch ohne das Blatt in der Hand.