Kapitel 10 /
Die Stimme im Nebenraum
10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

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Ruth wollte den Satz selbst lesen.
Berger hatte sie vom Archiv aus angerufen und danach Mara das Telefon gegeben. Im Hintergrund war ein Wasserhahn zu hören gewesen. Ruth hatte ihn zugedreht, als Mara den Vermerk wiederholte. Keine Weiterleitung an Angehörige. Rücksprache Nachlauf.
»Schick mir kein Foto«, hatte sie gesagt. »Ich komme.«
Eine halbe Stunde später stand sie in der Tür. Sie hatte sich ein Taxi genommen. Ihre Strickjacke war falsch geknöpft, eine Seite hing tiefer. Mara zeigte auf den freien Stuhl, doch Ruth blieb neben Frau Belter stehen, bis die Archivarin ihr die schmale eingeheftete Seite vorgelegt hatte.
Sie las, ohne sich zu beugen. Dann holte sie eine Brille aus der Tasche und begann noch einmal.
»Am dritten November«, sagte sie.
Berger wartete.
»Ich habe damals immer dienstags angerufen. Nach der Frühschicht. Die Frau in Nordheim wusste schon, wer ich war, bevor ich meinen Namen gesagt habe.«
»Ob dieser Vorgang auf einen Ihrer Anrufe zurückgeht, wissen wir noch nicht.«
»Das habe ich verstanden.« Ruth legte die Brille auf den Tisch. »Ich möchte trotzdem eine Kopie.«
Frau Belter fragte nach einer Anschrift. Ruth nannte sie langsam. Als Mara ihr beim Buchstabieren helfen wollte, hob sie die Hand.
»Ich bin hier.«
Mara setzte sich wieder.
Ruth sah auf den Schnittplan. Ivo erklärte ihr den Raum im Hang, die Schränke, die Übergabe des Transportbuchs. Bei der Treppe im Plan strich sie mit zwei Fingern über ihren Rock. Erst als er fertig war, fragte sie, ob man in dem Raum telefonieren konnte.
»Ein Anschluss ist eingezeichnet«, sagte Ivo. »Was darüber besprochen wurde, wissen wir nicht.«
»Ich habe Anrufer dorthin verbunden.«
Mara hob den Kopf.
»An die Nachlaufstelle. Nicht oft. Ich habe mir darunter ein Zimmer im neuen Verwaltungsbau vorgestellt. Niemand hat gesagt, dass ich in den Berg verbinde.«
Berger bat sie, die Erinnerung auf einen Zeitraum einzugrenzen. Ruth konnte es nicht. Herbst, sagte sie. Nach dem großen Umzug. Die genaue Nummer wolle sie in ihrem Heft nachsehen; dann erinnerte sie sich, dass Berger das Heft hatte.
Die Beamtin schrieb es auf. »Wir gleichen das ab.«
Ruth wandte sich wieder an Frau Belter. »Wenn es hier Anträge gibt, mit denen Angehörige nach Menschen suchen können, möchte ich einen.«
»Ich kann Ihnen eine schriftliche Anfrage aufnehmen. Mit den Daten Ihrer Schwester und den Stellen, die Sie schon angeschrieben haben.«
»Dann tun wir das.«
Es war nicht die Hilfe, die Mara vorbereitet hatte. Sie hatte gedacht, sie würde neben Ruth sitzen, während die Nachricht in ihr arbeitete. Nun verlangte Ruth einen Stift, rückte den Stuhl zurecht und fragte, wie viele Blätter sie bekommen dürfe.
Mara stellte ihr das Wasser hin. Diesmal sagte sie nichts.
Berger ging mit ihr auf den Flur. Sie hatte inzwischen die Nummer vom Flyer angerufen. Nora Bender war erreichbar gewesen. Sie betreue die private Sammlung in zwei gemieteten Räumen hinter dem ehemaligen Güterschuppen und habe einem Besuch zugestimmt.
»Heute?«
»Um eins. Frau Bender sagt, sie habe mit Ihrer Mutter gesprochen. Mehrfach. Ich möchte zuerst mit ihr allein reden. Danach können Sie dazukommen, wenn Sie möchten.«
»Weshalb soll ich dazukommen?«
»Weil sie angeboten hat, Ihnen die Aufnahmen Ihrer Mutter zu übergeben. Ich habe ihr gesagt, dass wir erst klären müssen, was es damit auf sich hat.«
Hinter ihnen kratzte Ruths Stift. Mara hatte seit dem Paket eine Stimme gesucht, die sie wiedererkennen wollte. Dass es irgendwo neue Aufnahmen ihrer Mutter gab, war ihr nicht eingefallen.
»Ich komme«, sagte sie.
Ivo blieb im Archiv. Das weitere Blatt zum Wartungsgang war bestellt; er wollte die Angaben mit dem heutigen Gelände abgleichen und einen Termin mit den Anlagentechnikern vereinbaren. Mara bat ihn, ihr Bescheid zu sagen, auch wenn nichts dabei herauskam.
»Gerade dann«, sagte er.
Vor dem Güterschuppen aß sie ein belegtes Brot, das sie unterwegs gekauft hatte. Unter dem Vordach saßen drei Tauben auf einer ausgefransten Leitung. Eine flatterte auf, als Mara das Papier zusammenfaltete, und setzte sich einen Meter weiter wieder hin. Das Gebäude roch nach warmem Staub. Durch ein Fenster sah sie eine Topfpflanze, deren Blätter gegen das Glas gedrückt waren.
Sie wartete draußen, bis Berger sie holte.
Nora Bender war jünger, als Mara erwartet hatte, vielleicht Anfang vierzig. Sie trug einen schwarzen Pullover mit hochgeschobenen Ärmeln. Auf dem Tisch standen zwei Tassen. Eine dritte nahm sie aus einem Schrank, hielt sie kurz gegen das Licht und stellte sie wieder zurück.
»Wasser?«
Mara nickte.
Der erste Raum war mit Regalen gefüllt, aber nicht auf die geordnete Weise des Gemeindearchivs. Schuhkartons standen neben Mappen, ein gerahmtes Hochzeitsbild lehnte verkehrt herum an der Wand. An mehreren Schachteln hingen Zettel mit Vornamen. Durch die offene Verbindungstür sah Mara einen Rechner, zwei kleine Lautsprecher und einen Kopfhörer an einem Haken.
»Ich habe Ihre Mutter im Februar aufgenommen«, sagte Nora. »Zweimal. Sie wollte zunächst nur Fotos abgeben.«
»Was für Fotos?«
»Von der Gemeindearbeit. Ein Umzug, ein Fest, Büros. Die Liste liegt dabei. Ich hole sie gleich.«
Berger bat sie, erst bei der Reihenfolge ihres Kennenlernens zu bleiben. Nora erzählte von einem öffentlichen Sammelnachmittag, zu dem Eva gekommen war. Sie habe über die Arbeit sprechen wollen, weniger über ihre Familie. Auf eine Frage nach Altried habe sie gesagt, die meisten Leute erinnerten sich an den Tag, an dem ein Haus verschwinde. Niemand erinnere sich daran, wer vorher den Schreibtisch ausgeräumt habe.
Mara zog das Glas zu sich. Der Satz klang nach Eva. Das machte ihn noch nicht wahr.
»Wusste meine Mutter, dass Sie aufnehmen?«
»Ja. Sie hat zugestimmt. Für eine öffentliche Verwendung sollte sie jeden Ausschnitt vorher hören. Dazu ist es nicht mehr gekommen.«
Nora legte einen unterschriebenen Bogen auf den freien Teil des Tisches. Berger las ihn, dann Mara. Evas Name stand unter einer begrenzten Erlaubnis zur Aufnahme und internen Bearbeitung. Veröffentlichung nur nach Freigabe der ausgewählten Stellen.
Keine Freigabe war angeheftet.
»Ich habe nichts von ihr veröffentlicht«, sagte Nora.
»Aber bearbeitet?«, fragte Mara.
»Für einen Vorschlag. So arbeite ich. Das ganze Gespräch dauert fast zwei Stunden. Das hört sich bei einer Ausstellung niemand im Stehen an.«
Mara kannte den Satz. Sie hatte ihn selbst zu Auftraggebern gesagt. Gerade deshalb wollte sie jetzt nicht vorschnell darüber urteilen.
Berger nahm eine Abbildung des Kopierauftrags aus ihrer Mappe. Sie legte sie mit der Schrift zu Nora hin. Mara konnte nur den grauen Rücken des Blattes sehen.
»Ist das Ihr Auftrag an Herrn Mertens?«
Nora antwortete nicht sofort. Sie zog die Ärmel herunter, erst den linken, dann den rechten.
»Die fünfzig Exemplare ja. Für einen Gesprächsabend.«
»Mit der Abdeckung?«
»Das habe ich mit Paul besprochen.«
»Warum sollte diese Zeile fehlen?«
Nora sah zu Mara. »Weil sonst jeder nur über den Namen Voss gesprochen hätte. Ich wollte zeigen, wie eine falsche Bestätigung funktioniert. Nicht einen Familienprozess führen.«
Mara stellte das Glas ab. Es traf den Tisch härter, als sie beabsichtigt hatte.
»Ruths Unterschrift sollte bleiben.«
»Sie hat unterschrieben.«
»Und mein Großvater hat angeordnet. Beides steht auf dem Blatt.«
Berger hob die Hand, ohne Mara anzusehen. »Frau Bender soll antworten.«
Nora atmete durch die Nase aus. »Paul hat dasselbe gesagt. Er wollte es nur vollständig kopieren. Ich habe den Auftrag dann nicht mehr abgeholt.«
»Haben Sie die Vorlage von ihm erhalten?«
»Er hat sie mir gezeigt. Ich habe eine Aufnahme davon auf dem Telefon. Die muss noch da sein.«
Berger bat sie, vorerst nichts zu löschen oder zu verschieben. Nora legte das Telefon auf den Tisch. Der Bildschirm blieb dunkel.
Mara betrachtete die Kartons. Auf einem stand ein Frauenname, daneben ein Datum. Jeder dieser Menschen hatte Nora etwas gegeben, und Nora hatte entscheiden wollen, in welcher Reihenfolge andere es erfahren durften. Das war nicht automatisch Verrat. Es war auch nicht bloß Aufbewahren.
»Ich möchte meine Mutter hören«, sagte Mara.
Nora blickte zu Berger. Die Beamtin nickte. Sie gingen in den zweiten Raum. Mara nahm den Stuhl vor den Lautsprechern; Nora blieb seitlich stehen und öffnete auf dem Rechner ein Verzeichnis. Es gab Ordner für die beiden Gesprächstermine, außerdem einen für Auszüge.
»Das lange Gespräch«, sagte Mara. »Vom Anfang an.«
Nora öffnete eine Datei. Zuerst hörte man, wie jemand eine Tasche abstellte. Dann Evas Stimme, gereizt und lebendig.
»Muss die Lampe auf mich zeigen? Ich bin doch kein Foto.«
Mara lachte. Es kam so unvermittelt, dass sie sich die Hand auf den Mund legte.
Nora erklärte auf der Aufnahme, die Lampe beleuchte nur die Unterlagen. Ein Stuhl rutschte. Eva fragte, ob sie anfangen solle, und begann, bevor eine Antwort kam. Sie erzählte von einem Schreibtisch, dessen mittlere Schublade nicht schließen wollte. Ihr Kollege habe behauptet, sie lege zu viele Dinge hinein. Tatsächlich sei hinten ein Lineal heruntergefallen.
Mara hörte jedes Wort. Sie wollte zugleich, dass Eva weitersprach und dass niemand im Raum merkte, wie sehr sie es wollte.
Nach einigen Minuten bat sie Nora anzuhalten.
»Kann ich später die ganze Datei bekommen?«
»Ja.«
Berger sagte, sie werde die Übernahme der betreffenden Unterlagen und Dateien mit Nora klären. Mara bekäme eine Kopie, sobald das möglich sei. Sie sagte es leise. Mara war dankbar, dass sie nicht erklären musste, warum sie gerade keine weiteren Fragen nach ihrer Mutter beantworten konnte.
Nora setzte sich auf die Fensterbank. »Sie war nicht immer so.«
»Ich weiß.«
»Bei manchen Fragen hat sie verlangt, dass ich ausschalte.«
Mara sah zu ihr auf. »Haben Sie das getan?«
»Ja.«
Durch das angelehnte Fenster kam das Rollen eines Güterwagens aus der Ferne. Mara hörte auf den Rechner, obwohl die Wiedergabe stillstand. Zwei Stunden Stimme. Stellen, an denen Eva entschieden hatte, nicht mehr aufgenommen zu werden. Und außerhalb dieser Räume eine Kassette, die so tat, als könne sie einen ganzen nächsten Morgen bestimmen.
Berger fragte Nora, wann sie zuletzt mit Paul gesprochen habe. Nora nannte den Abend vor seinem Tod. Er habe auf seinem alten Namen bestanden. Sie hätten darüber gestritten, welche Unterlagen bei seinem Auftreten verteilt werden sollten.
Mara drehte sich langsam um.
»Sie wussten von der Verabredung.«
Nora nickte. »Ja.«
»Und dass ich kommen sollte.«
Nora sah auf ihre Hände. »Er wollte, dass Sie es erfahren.«
Berger zog einen zweiten Stuhl heran. Diesmal setzte sie sich direkt vor Nora.
»Was haben Sie dazu beigetragen?«
Nora rieb mit dem Daumen über eine helle Leimspur an ihrem Handballen. Dann stand sie auf, ging zu einem flachen Ablagekasten und blieb davor stehen.
»Da liegt ein Einlieferungsbeleg. Unter den Ausgaben für Porto. Ich zeige Ihnen, welcher.«
Mara bewegte sich nicht. Die gesprungene Kassette, der Schlüssel, die Schrift ihrer Mutter: Alles war ihr in einem Karton begegnet, als hätte es keinen Weg dorthin gebraucht.
Nora wandte sich ihr zu.
»Ich habe das Paket aufgegeben.«
Berger fragte, ob sie es auch gepackt habe.
»Ja. Die Zeitung war von hier.« Nora zeigte auf den Stapel neben dem Fenster. »Aber die Kassette habe ich fertig bekommen.«
Mara hörte ihre eigene Frage, bevor sie wusste, dass sie sie stellen würde.
»Von wem?«
Nora setzte sich wieder. Sie zog den Stuhl bis an Bergers heran.
»Dafür müssen Sie aufschreiben, was Paul von mir wollte. Und was ich dann tatsächlich getan habe.«