XIIIDas dreizehnte Ufer
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Kapitel 09 /

Der Raum im Hang

10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

Bleistiftzeichnung eines Archivlesetischs mit geöffnetem Übergabeband und einem gefalteten Schnittplan eines Raums im Hang.
Die Blätter waren trocken geblieben.

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13:30 Min. Hörzeit

Gelesen mit Nova · KI-generierte Stimme

Die Archivarin klemmte einen Holzkeil unter die Tür, damit sie offen blieb. Mara sah so lange darauf, dass die Frau ihn mit der Schuhspitze noch einmal festdrückte.

»Sonst fällt sie zu. Der Schließer ist stärker als ich.«

Ivo nahm Mara den Mantel ab. Sie ließ ihn, obwohl sie ihn selbst hätte aufhängen können. In der Nacht hatte sie endlich im Bett geschlafen, fast sechs Stunden. Beim Aufwachen war der See nicht ihr erster Gedanke gewesen. Für einen Augenblick hatte sie überlegt, was ihre Mutter zum Frühstück wollte.

Jetzt war es kurz nach neun. Ihr dritter Morgen in Ried.

Frau Belter betreute das Gemeindearchiv an drei Vormittagen in der Woche. Sie hatte Ivos Anfrage auf dem Tisch liegen, mit einem gelben Zettel darauf. Daneben stand eine Kiste mit Fotografien einer Schulaufführung. Ein Pappschwert ragte zwischen zwei Mappen hervor.

»Das Anlagenblatt habe ich«, sagte sie. »Die zugehörige Abgabe war unter einer anderen Nummer. Deshalb hat die Suche gestern nichts geliefert.«

Sie zog ein flaches Paket aus einem Schrank. Mara half, die freie Tischhälfte leerzuräumen. Sie trugen die Schulkiste zusammen auf einen Stuhl. Das Schwert blieb an Maras Ärmel hängen. Frau Belter löste es behutsam, als wäre die stumpfe Spitze gefährlich.

»Das muss nachher wieder genauso hinein. Die Lehrerin weiß sonst nicht, zu welchem Stück es gehört.«

Auf dem freigewordenen Platz entfaltete sie einen Plan. Die Knicke bildeten kleine Erhebungen, über die das Morgenlicht hinwegstrich. Ivo legte seine Leitungsübersicht daneben. Mara erkannte die Straße und das Rechteck der provisorischen Umzugsstelle. Der zweite Anschluss führte zu einem länglichen Raum im Hang.

U dreizehn.

Auf diesem Blatt war der Raum geschnitten dargestellt. Eine dicke Wand auf der Seeseite, darüber Erdreich. Vom gegenüberliegenden Ende führte ein schmaler Gang bergauf. Im Raum standen vier Rechtecke, ordentlich nebeneinander.

»Regale?«, fragte Mara.

Frau Belter drehte die Legende zu ihr. Stahlschränke, stand dort. Aktenraum. Daneben, kleiner: trockene Aufbewahrung bei Einstau.

Ivo fuhr mit seinem Bleistift neben einer Höhenzahl entlang. Er berührte den Plan nicht.

»Das lag unter dem späteren Wasserspiegel.«

»Aber nicht im Wasser?«

»Der Raum sollte trocken bleiben. Die Seeseite war abgedichtet, Zugang durch den Hang. Ob das heute noch funktioniert, steht hier nicht.«

Mara betrachtete die vier Schränke. Die Vorstellung einer versunkenen Verwaltung war bisher leicht gewesen: Tische unter Schlamm, Papier, das sich langsam auflöste. Dieses Zimmer verlangte eine andere Vorstellung. Menschen konnten dorthin hinuntergehen, eine Lampe einschalten und zwischen trockenen Regalen arbeiten, während draußen das Wasser stieg.

»Warum lässt man Akten dort?«

Frau Belter zog einen zweiten Bogen hervor. »Weil oben nicht alles Platz hatte. Das war die Begründung für die Nachlaufstelle. Hier sollten noch Vorgänge abgeschlossen werden, die mit der Räumung offen geblieben waren.«

Mara las die Aufstellung: Grundstücksabrechnungen, Ersatzunterkünfte, Berichtigungen der Meldedaten. Es klang nach einer Verwaltung, die ihren eigenen Umzug nicht rechtzeitig geschafft hatte.

»Das kann vollkommen gewöhnlich gewesen sein«, sagte Ivo.

»Ja«, sagte Mara. »Deshalb möchte ich wissen, was sie dort abgeschlossen haben.«

Das Anlagenblatt verwies auf eine Abgabe vom zwölften September 1976. Zwei Tage nach dem Transport, den Ruth bestätigt hatte. Frau Belter schlug den kleinen Begleitband an einer eingelegten Papierfahne auf.

»Nicht der Inhalt der einzelnen Akten«, sagte sie. »Nur die Übergaben zwischen den Stellen. Personenakten habe ich Ihnen keine herausgelegt.«

Auf der linken Seite standen Schreibtische, Stühle, ein Heizgerät. Rechts folgten Ordner und Kästen. Einträge waren abgehakt, andere mit dünnen Linien durchgestrichen. Mara suchte nach dem Transportbuch. Sie fand das Wort unter einer Sammelbezeichnung für Räumungsunterlagen.

Dahinter stand: an Nachlauf U13.

Sie setzte sich. Der Stuhl war niedriger als erwartet; ihre Knie stießen an die Tischkante. Nichts fiel um. Trotzdem legte Ivo eine Hand auf den Rand des Plans.

Ruth hatte gesagt, das Buch sei bei der Umzugsstelle geblieben. Es war von dort noch weitergegeben worden. Nicht nach Nordheim. Nicht in einen Lagerraum der neuen Gemeinde. Hinunter in den Hang.

»Können wir die ganze Seite kopieren? Mit der Nummer des Bandes?«

Frau Belter nickte. »Ohne Blitz dürfen Sie auch fotografieren. Warten Sie, ich lege die Signatur dazu.«

Mara nahm mehrere Bilder auf. Auf dem letzten sah man die aufgeklappte Seite mit beiden Rändern und der kleinen beschrifteten Karte. Sie schickte Berger die Aufnahmen und erklärte, was sie gefunden hatten. Danach legte sie das Telefon mit dem Bildschirm nach oben hin. Sie wollte die Antwort sehen, ohne ständig danach zu greifen.

Ivo hatte weitergeblättert. In einer schmalen Spalte waren Rückläufe aus dem Aktenraum verzeichnet. Im Oktober, dann noch Anfang November. Einzelne Aktenzeichen, keine Namen. Neben einem Eintrag stand, dass das Gegenregister am Ort verbleibe.

»Also war es nicht nur ein Lager«, sagte Mara.

»Es wurde daraus gearbeitet«, sagte Frau Belter. »Zumindest wurden Unterlagen angefordert und zurückgegeben. Das ist mehr, als ich Ihnen gestern hätte sagen können.«

Mara fotografierte auch diese Seiten. Unter ihren Fingern lag kein Geheimdokument. Der Einband war oft angefasst worden, die Ecken blank gerieben. Die Blätter hatten hier gewartet, während sie am See auf einen Jungen gewartet hatte.

Ivo zog seinen Stuhl näher. »Ich hätte diesen Verweis finden können, als ich die verschwundene Linie gemeldet habe.«

»Hast du danach gesucht?«

»Nach der Messstelle. Nicht nach einem Aktenraum.«

Er sagte es ohne Entschuldigung. Mara kannte die Versuchung, daraus trotzdem eine zu machen. Dann hätte sie ihn entweder freisprechen oder ihm vorwerfen können, dass er früher hätte wissen müssen, wonach sie erst seit gestern suchten.

Sie schob ihm den zweiten Bogen hin. »Jetzt haben wir zwei verschiedene Pläne. Lass uns prüfen, ob wir wirklich über denselben Raum reden.«

Sie verglichen die Bestandsnummern und den Leitungsweg. Frau Belter holte eine Lupe, weil eine Ziffer in einem Falz lag. Es war eine Acht, keine Drei. Eine Minute lang brach Maras ganze Erklärung daran auseinander. Dann fanden sie den Verweis auf die spätere Umnummerierung. Ivo schrieb beide Nummern auf, mit dem Jahr dazwischen.

Diese Minute blieb ihr im Körper. Wie bereit sie gewesen war, den Falz für einen Beweis zu halten, dass jemand noch etwas versteckte.

Am Ende stimmten die Verweise überein. Die Nachlaufstelle lag in derselben Bestandsanlage wie der zweite Anschluss auf Ivos Übersicht. Damit hatten sie einen Raum und einen belegten Arbeitszeitraum. Noch keine Antwort darauf, wer dort welche Namen verändert hatte.

Frau Belter trug die Benutzung in ein Heft ein. Mara fragte sie nach der Nachlassstelle Altried.

»Hat die etwas mit Ihrem Archiv zu tun?«

»Nein. Eine private Sammlung. Warum?«

»Wir haben die Bezeichnung auf einem Kopierauftrag gefunden.«

Die Archivarin ging zum Brett neben der Tür und nahm einen Flyer ab. Mara hatte ihn beim Hereinkommen für eine Ankündigung des Heimatvereins gehalten. Eine Aufnahme der alten Hauptstraße füllte die obere Hälfte. Darunter wurden Briefe, Fotos und Erinnerungen gesucht. Wer Originale nicht aus der Hand geben wolle, könne sie ablichten lassen. Auch Gespräche würden aufgezeichnet.

Die Postfachadresse war dieselbe wie auf Pauls Auftragszettel.

»Die haben im Frühjahr einen Sammlungsaufruf hier abgegeben«, sagte Frau Belter. »Wir haben ihn ausgehängt. Das macht die Sammlung nicht zu einem Teil unserer Bestände.«

Als Kontakt war Nora Bender angegeben. Eine Telefonnummer, eine Mailadresse. Kein Gemeindewappen. Mara fotografierte den Flyer, nachdem die Archivarin ihn neben den Plan gelegt hatte.

»Kennen Sie sie?«

»Vom Abgeben. Sie hat gefragt, ob wir Leute kennen, die noch von Altried erzählen können. Ich habe gesagt, dass wir keine Adressen weiterreichen. Wer sich melden möchte, kann den Zettel lesen.«

Mara sah auf die Zeile mit den Tonaufnahmen. Menschen hatten vielleicht in einer Küche gesessen und einem Gerät Dinge anvertraut, die sie lange nicht mehr laut gesagt hatten. Eine Sammlung konnte etwas bewahren. Sie konnte auch dafür sorgen, dass zum ersten Mal all das an einem Ort lag, was bisher auf viele Wohnungen verteilt gewesen war.

Sie gab den Flyer zurück und schrieb Berger auch diesen Namen. Sie rief Nora Bender noch nicht an. Nach Pauls Tod sollte die Polizei wissen, wen Mara ansprechen wollte, bevor aus einer Nachfrage eine Warnung wurde.

Frau Belter brachte Wasser. Ivo trank sein Glas in einem Zug aus. Mara hielt ihres zwischen den Händen, ohne zu trinken.

»Kennen Sie Ruth Seidel?«, fragte sie.

»Vom Namen.«

»Ihre Schwester ist damals verschwunden.«

Die Archivarin setzte die Karaffe ab. »Das wusste ich nicht.«

Es war ein einfacher Satz. Kein rascher Blick zur Tür, keine Andeutung, dass in Ried jeder Bescheid wusste. Mara entspannte zum ersten Mal die Schultern. Sie war müde davon, hinter jedem Gesicht einen Wissenden zu suchen.

Ihr Telefon vibrierte. Berger bat darum, noch im Archiv zu bleiben. Sie wolle die Unterlagen selbst sehen und Frau Belter etwas zum Übergabeband fragen. Mara zeigte der Archivarin die Nachricht. Die Frau sah auf die Uhr.

»Ich muss um zwölf schließen. Bis dahin geht es.«

Während sie warteten, zeichneten Mara und Ivo den Weg vom oberen Büro zum Aktenraum auf ein leeres Blatt. Er hielt sich an die Maße; sie schrieb daneben, wo sie nur eine Vermutung hatten. Der Bergzugang endete im Plan an einem Wartungsgang, dessen weiterer Verlauf auf ein anderes Blatt verwies.

»Den bestellen wir dazu«, sagte Ivo.

»Und gehen nicht heute allein nachsehen.«

Er blickte auf. »Das war nicht mein Vorschlag.«

»Ich weiß. Es war meiner, bevor ich ihn ausgesprochen habe.«

Er schob ihr das Lineal hin. Ihre Hände berührten sich. Diesmal zog keiner die Hand sofort zurück.

Berger kam zwanzig Minuten später. Sie hatte eine schmale Mappe dabei und bat Frau Belter, ihr zuerst die Ablage des Begleitbands zu zeigen. Mara blieb am Tisch. Durch die offene Tür hörte sie Fragen nach späteren Ergänzungen, nach dem Zeitpunkt der Übernahme ins Archiv. Keine davon klang, als müsse jemand seine Unschuld beweisen.

Dann legte Berger eine Kopie aus Ruths Unterlagen neben Maras Skizze. Der Übernahmebeleg mit Nordheim, den dreizehn Namen, Anton Voss. Mara sah Ruths Unterschrift und diesmal auch den Raum, in dem jemand den Bogen anschließend hatte ablegen können.

»Sie haben nach dem Transportbuch gefragt«, sagte Berger. »Hier gibt es dazu noch einen Rücklaufvermerk.«

Frau Belter schlug die nächste Lage des Begleitbands auf. Eine schmalere Seite war eingeheftet, fast verdeckt vom darüberliegenden Bogen. Darauf stand die Rückgabe einzelner Auskunftsvorgänge aus U13. Unter einer laufenden Nummer war ein Name ausgeschrieben.

Hanna Seidel.

Mara las das Datum. Dritter November 1976.

»Was bedeutet das?«

Berger deutete auf die Spaltenüberschrift. »Dass zu diesem Zeitpunkt eine Anfrage bearbeitet wurde. Nicht, dass Ihre Zeugin ihre Schwester damals hätte abholen können.«

Mara nickte nicht. Sie las die kleine Zeile darunter.

Keine Weiterleitung an Angehörige. Rücksprache Nachlauf.

Draußen schlug eine Autotür. Frau Belter hielt die Seite flach. Ivo schob Maras Wasserglas aus der Nähe des Papiers, und sie ließ ihn machen.

Fast zwei Monate nach der angeblichen Ankunft in Nordheim hatte jemand eine Anfrage zu Hanna bearbeitet. Jemand hatte entschieden, was Ruth davon erfahren durfte.

»Rufen Sie sie an?«, fragte Mara.

»Ja«, sagte Berger.

»Ich möchte dabei sein. Wenn Ruth das will.«

Berger nahm ihr Telefon. Mara blickte auf die vier gezeichneten Stahlschränke. Bis heute Morgen hatte sie ein verschwundenes Buch gesucht. Nun lag vor ihr der Weg einer Antwort, die nie bis zu Ruth gekommen war.

Hanna war nicht einfach aus den Akten gefallen.

Jemand hatte die Verbindung zu ihrer Schwester geschlossen.