Kapitel 08 /
Der weiße Rand
11 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

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Mara wartete auf der Treppe, während Berger mit Ruth allein sprach. Durch die geschlossene Wohnungstür hörte sie keine Wörter, nur das gelegentliche Rücken eines Stuhls. Unten wurde ein Brief durch den Schlitz in der Haustür geschoben. Er segelte auf die Fußmatte und blieb mit der offenen Werbeseite nach oben liegen.
Alles kam irgendwo an.
Sie stand auf, hob den Brief auf und legte ihn auf den kleinen Tisch im Eingang. Dabei sah sie ihr Gesicht im dunklen Glas der ehemaligen Ladentür. Die Frau darin sah ihrer Mutter ähnlicher, als sie am Morgen ausgesehen hatte. Mara drehte sich weg.
Als Berger sie hereinbat, saß Ruth im Wohnzimmer. Die Küchentür blieb angelehnt. Mara beschrieb, was sie gelesen und was Ruth dazu gesagt hatte. Bei Anton Voss fragte Berger genauer nach. Mara kannte ein beschriftetes Foto und den Namen aus Familienerzählungen. Welche Arbeit ihr Großvater tatsächlich ausgeübt hatte, hätte sie vor einer Stunde nicht erklären können.
»Dann bleibt es dabei«, sagte Berger.
Mara rieb eine Krume vom Tisch, bemerkte es und hörte auf. »Ich habe meiner Mutter nie Fragen über ihn gestellt.«
»Welche hätten Sie stellen sollen?«
Darauf hatte sie keine Antwort. Sie hatte sich vorgestellt, Schuld müsse sich rückblickend durch irgendein Versäumnis ankündigen. Ein nicht geführtes Gespräch. Ein Foto, das man nicht umgedreht hatte. Es wäre leichter gewesen, als anzuerkennen, dass sie ihren Großvater auch nach hundert Fragen vielleicht nicht gekannt hätte.
Berger nahm den Karton mit. Ruth bekam eine Aufstellung der übergebenen Unterlagen. Sie las jeden Eintrag, bevor sie unterschrieb. Dann begleitete sie Mara bis zur Treppe.
»Du denkst, ich hätte nach dem Anruf alles sagen müssen.«
»Ja.«
Ruth zog die Strickjacke enger um sich. »Das denke ich auch.«
Es war das erste Mal, dass Mara an diesem Tag keine Erklärung bekam, die zugleich um Nachsicht bat. Sie wusste nicht, was sie damit anfangen sollte.
Lene rief an, als Mara das Haus verließ. Der Beamte sei da. Die Mappe ebenfalls. Sie wolle Mara etwas zeigen, bevor man es mitnehme.
»Hat er gesagt, dass ich kommen darf?«
»Er steht neben mir. Ich gebe ihn dir.«
Der junge Polizist erklärte, Lene habe ihn auf zwei unterschiedliche Ausdrucke aufmerksam gemacht. Mara kenne eines der Blätter aus Ruths Wohnung. Sie könne kommen und sagen, welches. Mehr brauche sie nicht zu tun.
In der Werkstatt waren die Rollläden zur Straße halb heruntergelassen. Lenes Schwester saß am kleinen Tisch und schrieb Namen auf Briefumschläge. Als Mara eintrat, schob sie den Stapel zusammen. Die Maschine hinter dem Planschrank war ausgeschaltet. Ihr Deckel stand offen, wie der Schnabel eines Vogels, der auf Futter wartete.
Auf der freien Arbeitsplatte lag die graue Klemmmappe. Der gelbe Streifen am Rücken war tatsächlich leer.
»Den hat er angebracht, damit er sie schneller findet«, sagte Lene. »Ich habe gestern gedacht, es sei wieder irgendein Grenzplan.«
Der Polizist hatte die Blätter ausgelegt, ohne sie aus seiner Reichweite zu schieben. Mara erkannte Ruths Liste. Dieselben Namen, dieselben langen Wiederholungsstriche. Daneben die Kopie des Übernahmebelegs. Anton Voss stand noch dort, wo sie ihn am Küchentisch gelesen hatte.
»Die beiden habe ich gesehen.«
»Und das?«
Das dritte Blatt zeigte ebenfalls die dreizehn Namen. Auch Nordheim und die Bestätigung unten waren vorhanden. Ruths Unterschrift stand klar im Feld. Wo Anton Voss gestanden hatte, war Weiß.
Mara beugte sich vor. Nicht nur der Name fehlte. Ein schmaler Streifen quer über den Bogen war leer, bis auf zwei kurze Reste einer gedruckten Linie an den Seiten. Die Fläche war so unscheinbar, dass sie wie ein schlecht ausgenutzter Teil des Formulars aussah.
»Das war auf Ruths Blatt nicht so.«
Der Beamte notierte ihre Antwort. Dann fotografierte er beide Fassungen nebeneinander und schickte die Aufnahme an Berger. Mara trat zurück. Sie brauchte keine besondere Lampe, um zu sehen, was jemand aus dem Dokument gemacht hatte: Aus einer Anordnung mit einer falschen Bestätigung war eine Bestätigung ohne Anordnenden geworden.
»Paul hat das gemacht?«
Lene griff unter die Arbeitsplatte, hielt aber inne und zeigte nur auf die flache Ablage. Der Polizist zog sie heraus. Darin lagen Papierstreifen, ein stumpfes Messer, ein Lineal und ein Blatt mit einem angehefteten schmalen Rechteck.
»Das lag vorgestern unter der Lampe«, sagte Lene. »Er hat es mir gezeigt.«
Das Rechteck war auf eine Kopie gelegt worden, nicht auf einen Durchschlag. Es deckte die Zeile mit der anordnenden Stelle ab. Ein Rand stand ein wenig hoch. Mara konnte sich die Tätigkeit vorstellen, ohne sie mitanzusehen: Papier zurechtschneiden, befestigen, den Deckel schließen. Danach war eine Auslassung genauso schwarz auf weiß wie der Rest.
»Er hat einen Versuch gemacht«, sagte Lene. »Ich habe gefragt, ob das so bleiben soll. Er sagte, genau so wolle es der Kunde.«
»Welcher Kunde?«
»Den Namen habe ich nicht gehört.«
Ihre Schwester legte den Stift weg. Lene sah kurz zu ihr hinüber und sprach weiter.
»Dann ging es um das Geld. Er sollte die ganze Auflage so machen. Fünfzig Stück. Ich habe gesagt, dass wir die Heizung nicht mit seinem Stolz bezahlen können.«
Mara wollte sie unterbrechen. Nicht aus Höflichkeit. Sie wollte Lene ersparen, einen Satz fertig zu sagen, den sie später nicht zurücknehmen konnte. Aber Lene hob die Hand.
»Nein. So habe ich es gesagt. Schreib es auf.«
Der Polizist wartete, bis sie wieder Luft bekam.
»Paul hat geantwortet, er werde keinen Menschen mehr auf einem Blatt allein zurücklassen. Ich dachte, er rede über einen Streit, den ich nicht kenne. Er sagte, die Kopien könne derjenige haben. Aber vollständig.«
Mara sah auf die weiße Fläche. Lene hatte sich wegen Geld gestritten. Paul wegen einer Zeile. Beide hatten offenbar geglaubt, der andere müsse verstehen, worum es ging.
In der Mappe lag auch ein kleiner Auftragszettel. Fünfzig Exemplare, geheftet. Darunter eine Lieferanschrift, aber kein Personenname: Nachlassstelle Altried, Postfach. Neben dem Betrag hatte Paul quer über die Zeile geschrieben: nur ungekürzt. Es war kein Brief, keine Botschaft für einen späteren Finder. Ein Auftrag, der nicht fertig geworden war.
»Ist das eine Behörde?«, fragte Mara.
Der Beamte fotografierte den Zettel. »Das prüfen wir.«
Lene schüttelte den Kopf. »Paul hat oft für Vereine kopiert. Für Sammlungen, Jubiläen. Nur weil da Stelle steht, muss niemand ein Amt haben.«
Berger rief zurück. Der Polizist hörte zu, las eine Blattnummer vor und bestätigte den Fundort. Dann wandte er sich an Mara. Die Aufnahme stimme mit dem Original überein, das Berger inzwischen vor sich habe. Auf diesem Original stehe Anton Voss in der Zeile. Die ausgeschiedene Fassung werde gesondert gesichert.
Es war wenig. Ein Name, der auf einem Blatt stand und auf einem anderen fehlte. Trotzdem musste Mara sich setzen.
Lene blieb neben der Arbeitsplatte. »Er hat früher Dinge gemacht, von denen ich nichts weiß. Aber diesmal hat er Nein gesagt.«
»Vielleicht hat ihn das gefährdet.«
»Vielleicht.« Lene sah sie an. »Mach daraus nicht gleich den Grund, warum er tot ist. Wenn du das sagst, höre ich nur noch, dass ich ihn hätte unterstützen müssen.«
Mara senkte den Blick. »Das weiß ich nicht. Du hast recht.«
Sie blieben sitzen, während der Beamte die Unterlagen einpackte. Niemand musste die Stille füllen. Als er ging, fragte Lene nach einem Beleg für die Mappe und die Vorlage. Ihre Schwester machte Platz zwischen den Umschlägen.
Mara half danach, den Tisch für drei Teller freizuräumen. Es gab Suppe aus einem großen Topf. Lene verteilte Brot, ohne zu fragen, ob jemand welches wollte. Erst als Mara die zweite Scheibe nahm, merkte sie, wie hungrig sie war.
»Ich habe ihn gestern noch gebeten, Brot mitzubringen«, sagte Lene.
Ihre Schwester legte ein weiteres Stück neben ihren Teller. Kein Trost hätte genauer sein können.
Am frühen Nachmittag fuhr Mara zu Evas Haus. Ivo hatte eine Nachricht geschickt: Er könne nach seinem Termin vorbeikommen. Sie antwortete, dass sie Zeit brauche, und fügte dann hinzu: Komm trotzdem. Ich muss erst etwas anhören.
Der Rechner stand noch auf dem Küchentisch. Mara schloss die Kopfhörer an und öffnete die digitale Kopie der Kassette. Sie nahm sich nicht die Stelle mit Jonas' Namen vor. Sie begann davor, beim Wasser, beim Schaben des Geräts über Stein.
Bis jetzt hatte sie jedes Geräusch daraufhin geprüft, ob es ihr einen Ort verriet. Nun hörte sie auf das, was zwischen den Sätzen geschah. Auf Übergänge. Auf die Möglichkeit eines weißen Streifens, den man nicht sehen konnte.
Die Stimme sagte: Fahr nicht zum Haus. Geh zu Ivo. Sag ihm, er soll die alte Karte nehmen, nicht die vom Verband.
Mara markierte das Ende der Pause danach. Ein leises, gleichmäßiges Geräusch im Hintergrund setzte dort anders ein. Sie hörte es mit geschlossenen Augen, dann ohne die Markierung anzusehen. Wieder. Der Raum schien für einen Augenblick kleiner zu werden.
Sie vergrößerte die Darstellung. Eine Stelle, die verdächtig aussah, war zunächst nur eine Stelle, die verdächtig aussah. Bandfehler, eine Bewegung am Mikrofon, eine unterbrochene Aufnahme: Es gab mehrere Möglichkeiten. Sie legte zwei kurze Abschnitte nebeneinander und schrieb auf, was sie tatsächlich hörte.
Nicht: zusammengeschnitten.
Sondern: Änderung des Hintergrunds vor der Zeitangabe. Vergleich am Original nötig.
Dann ließ sie die Aufnahme weiterlaufen. Morgen um zehn gibt der See einen Mann zurück.
Mara nahm die Hände von der Tastatur. Selbst wenn dieser Satz aus einer anderen Aufnahme stammte, blieb er gesprochen. Aber er musste nicht in demselben Gespräch gefallen sein wie ihr Name. Jemand konnte eine Einladung gebaut haben, ohne dafür jedes Wort zu erfinden.
Ivo klopfte an die offene Küchentür. Sie hatte nicht gehört, wie er gekommen war. In der Hand hielt er eine Stofftasche, aus der Lauch ragte.
»Ich wusste nicht, ob hier noch etwas zu essen ist.«
»Es gibt Suppe.«
»Dann passen wir auf, dass es nicht noch mehr wird.«
Er stellte die Tasche ab. Mara zog die Kopfhörer ganz aus dem Stecker. Sie erzählte von Ruth, den dreizehn Namen und Anton Voss. Beim Namen ihres Großvaters blieb Ivos Gesicht still. Er versuchte nicht, sich nachträglich an einen verdächtigen Erwachsenen zu erinnern.
»Und Paul sollte ihn aus der Kopie nehmen?«
»Das hat jemand bestellt. Lene sagt, Paul habe die Auflage abgelehnt. Eine Probe hat er gemacht.«
Ivo setzte sich. »Die verschwundene Kartenlinie und jetzt das.«
»Ich weiß. Aber wir dürfen nicht alles derselben Hand geben, nur weil uns das die Suche erleichtern würde.«
Sie zeigte ihm die Markierungen auf dem Rechner. Ivo wollte wissen, ob die Stimme dann nicht Jonas sein müsse. Mara schüttelte den Kopf.
»Das folgt daraus nicht. Ein Schnitt könnte zwei echte Sätze verbinden. Oder es ist gar keiner. Ich möchte, dass jemand das prüft, der meinen Bruder nicht hören will.«
Sie schickte Berger eine kurze Beschreibung und die Zeitstellen. Die unveränderte Kopie hatte die Polizei bereits. Keine bereinigte Fassung, aus der die Unsicherheit verschwunden wäre.
Während sie schrieb, zog Ivo einen Plan aus seiner Tasche. Er hatte wegen Bergers Anfrage im alten Bestand nachgesehen. Kein verborgenes Blatt: eine Übersicht von Leitungen und Anschlüssen, die bei späteren Umbauten übernommen worden waren.
Mara las die Überschrift. Altried, Räumungsabschnitt Süd.
»Du hast gesagt, das Transportbuch sei bei der Umzugsstelle geblieben.« Ivo deutete auf ein kleines Rechteck neben der eingezeichneten Straße. »Hier war deren provisorisches Büro. Oberhalb des damaligen Wassers. Der Anschluss ist eingetragen.«
»Du hast die Telefonnummer aus Ruths Heft nicht.«
»Nein. Deshalb will ich sie auch nicht erraten. Aber hier gibt es einen zweiten Anschluss.«
Eine dünne Linie führte vom Rechteck hangabwärts. Sie endete an einem kleineren Zeichen. Daneben stand Nachlauf, darunter U 13. Mara suchte nach einer Hausnummer, fand aber nur Höhenangaben.
»Unterhalb der Straße?«
»Deutlich. Auf diesem Plan ist der Endpunkt als Bestandsanlage übernommen. Das sagt nicht, was dort gearbeitet wurde.«
Mara fuhr mit dem Finger über den Tisch, neben dem Papier. Die Linie lief dorthin, wo die alte Karte ihres ersten Morgens hell und dünn gewesen war.
Ivo hatte die Anfrage nach dem zugehörigen Anlagenblatt schon abgeschickt. Er legte das Telefon neben den Plan, damit Mara die Nachricht sehen konnte.
»Morgen können wir ins Gemeindearchiv. Mit der Bestandsnummer, nicht mit einer Vermutung über eine Tür im Wasser.«
Mara sah auf den Rechner. Die fremde Stimme wartete an der Stelle, an der sie das Band angehalten hatte.
»Ja«, sagte sie. »Aber wir suchen nicht nach dem Haus, aus dem die Akten verschwunden sind.«
Sie schob den Plan ins Licht.
»Wir suchen nach dem Büro, das geblieben ist.«