XIIIDas dreizehnte Ufer
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Kapitel 07 /

Die angekommen sind

10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

Bleistiftzeichnung eines alten Kartons mit genähtem Deckel, einer Namensliste und einem aufgeschlagenen Notizheft auf einem Küchentisch.
Dreizehn Namen. Zwei verschiedene Antworten.

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14:14 Min. Hörzeit

Gelesen mit Nova · KI-generierte Stimme

Als Berger kam, hatte Lene die beiden Stühle wieder in die Werkstatt getragen. Ruth saß allein auf der Bank. Das Dreieck, in dem sie einander angesehen hatten, war verschwunden.

Die Beamtin blieb am Tor stehen und fragte, wer mit wem gesprochen habe. Mara erzählte es ihr. Dann zog sie sich bis zur Werkstatttür zurück, während Ruth ihre Aussage wiederholte. Einmal musste Berger nach dem genauen Wortlaut von Pauls Anruf fragen. Ruth schloss die Augen. Als sie antwortete, klang sie weniger sicher als zuvor.

»Dass Evas Tochter dabei sein müsse, hat er gesagt. Dass alle anderen Zeugen sein sollten, habe ich mir dazugedacht.«

Berger notierte die Unterscheidung. Mara fühlte einen kurzen Widerstand gegen diese Genauigkeit. Sie wollte endlich einen Satz behalten dürfen, ohne ihn wieder kleiner machen zu müssen.

Lene kam mit einem Glas Wasser heraus. Sie stellte es neben Ruth, ohne sie anzusehen.

»Ihre Aufzeichnungen«, sagte Berger. »Wo bewahren Sie die auf?«

»Bei mir. Im Wäscheschrank.«

»Wer weiß davon?«

»Paul wusste es. Eva wusste, dass ich sie noch hatte.«

Mara spürte, wie Lene neben ihr den Rücken straffte.

Ruth nahm das Glas. »Nein. Ich will damit nicht sagen, dass nur die beiden davon gewusst haben können. Ich habe manchmal darüber gesprochen. Vorsichtig genug, um hinterher behaupten zu können, ich hätte nichts gesagt.«

Sie trank, verschüttete etwas auf ihre Strickjacke und wischte es mit der Handfläche weg.

Berger wollte die Originale noch heute übernehmen. Ruth nickte sofort. Dann bat sie Mara, mitzukommen.

»Weshalb?«, fragte die Beamtin.

»Weil sie wissen soll, was ihre Familie damit zu tun hat. Und was ich selbst getan habe. Ich möchte es ihr sagen, solange die Blätter noch vor mir liegen.«

Berger sah Mara an. »Die Unterlagen gehören Frau Seidel. Sie kann sie Ihnen zeigen. Ihre Aussagen dazu nehme ich anschließend getrennt auf.«

Lene blieb in der Werkstatttür. Mara gab ihr den Schlüssel zurück, den sie am Morgen bekommen hatte. Er hinterließ eine kleine feuchte Stelle in Lenes Hand.

»Ich kann bleiben, bis deine Schwester da ist.«

»Sie kommt gleich. Geh mit.« Lene schloss die Finger um den Schlüssel. »Und wenn irgendwo Paul steht, denk daran, dass es auch sein Name war.«

Ruth wollte mit dem Fahrrad fahren. Berger stellte die Frage nach ihrem Knie so beiläufig, dass sie kaum eine Frage war. Schließlich schloss Ruth das Rad am Hoftor an und nahm die Tasche vom Gepäckträger. Mara ging zu Fuß hinter dem Polizeiwagen her. Ruths Haus lag nur zwei Straßen weiter.

Auf halbem Weg blieb Mara vor einem Geschäft stehen, das kleine Boote aus Treibholz verkaufte. Im Fenster lag ein Foto von Altried vor der Flutung. Frauen mit Einkaufstaschen gingen an einem Brunnen vorbei. Niemand auf diesem Bild schien zu wissen, dass die Straße einmal eine Ansicht werden würde, die man neben geschnitzten Fischen ausstellte.

Ruth wohnte über einer ehemaligen Bäckerei. Auf der Treppe roch es noch schwach nach Mehl, oder Mara hielt den Geruch dafür, weil am Eingang eine alte Preistafel hing. Ruth stieg seitlich, eine Stufe nach der anderen. Berger blieb hinter ihr, ohne die Hand auszustrecken.

»Wenn Sie mich schieben, werden wir beide schneller«, sagte Ruth. »Aber nicht in der richtigen Richtung.«

Oben brauchte sie beide Hände für den Schlüssel. Mara nahm ihr die Fahrradtasche ab. Darin klirrte eine Trinkflasche gegen etwas Metallisches. Keine Aktenmappe. Ruth stellte sie unter die Garderobe, als hätte sie Maras Gedanken bemerkt.

Der Wäscheschrank stand im Schlafzimmer. Ruth öffnete die rechte Tür. Über ordentlich gefalteten Bettbezügen lag ein flacher Karton, dessen Deckel an einer Ecke mit rotem Faden zusammengenäht war. Sie streckte den Arm aus, kam mit den Fingerspitzen darunter und hielt inne.

»Den hat meine Schwester repariert.«

Mara wartete.

»Hanna. Sie hat alles genäht. Auch Sachen, für die man Leim nehmen sollte.«

Berger bot an, den Karton herunterzunehmen. Ruth ließ sie. Auf dem Küchentisch räumte sie eine Schale mit grünen Tomaten weg, legte ein sauberes Tuch hin und bat darum, zuerst den Deckel ansehen zu dürfen. Sie strich mit dem Daumen neben der Naht entlang. Dann schob sie ihn beiseite.

Die Unterlagen waren nicht versteckt zwischen Briefen. Sie lagen obenauf: ein kariertes Heft, dünne Durchschläge, drei gefaltete Bogen. Ruth hatte einen Papierstreifen darumgelegt. Kein Siegel, nur eine Banderole, auf der ein Datum stand. Vor zwölf Tagen.

»Als Paul sie zurückgebracht hat«, sagte sie. »Damit ich nicht wieder durcheinanderbringe, was alt ist und was ich jetzt dazuschreibe.«

Berger fotografierte den Karton und die Reihenfolge. Ruth setzte sich. Mara blieb an der anderen Tischseite stehen, bis Ruth auf den freien Stuhl deutete.

Auf dem obersten Bogen stand eine Liste mit dreizehn Zeilen. Links Namen, daneben Geburtsdaten, ganz rechts ein Zielort. Nordheim, Wohnheim II. Das Wort darunter war mit einem langen Strich wiederholt worden, und darunter noch einmal.

Jonas Voss stand in der vierten Zeile. Vierzehnter Februar 1961.

Mara sah zuerst das Datum, dann den Namen. Es war eine Erleichterung, die sie sich nicht gestatten wollte: Dieser Jonas ließ sich zuordnen. Er war nicht immer wieder ihr Bruder.

»Das ist meine Abschrift«, sagte Ruth. »Aus dem Transportbuch. Ich brauchte sie, um die Anrufe abzugleichen.«

»Von wann?«, fragte Berger.

»Neunter September 1976. Für den Wagen am nächsten Morgen.«

Mara beugte sich vor. »Im August war er angeblich schon tot.«

»Ja.«

»Und trotzdem stand er auf dieser Liste.«

Ruth legte die Hände unter den Tisch. »Ich habe damals gefragt. Man sagte, der Eintrag müsse wegen einer Abrechnung mitgeführt werden. Der Platz werde nicht gebraucht.«

»Haben Sie den Wagen gesehen?«

»Bei der Abfahrt nicht. Das müssen Sie dazuschreiben.«

Berger tat es. Sie fragte nach dem Transportbuch. Ruth sagte, es sei bei den anderen Unterlagen der Umzugsstelle geblieben. Wer es später übernommen hatte, wusste sie nicht.

Mara las weiter. Emil Hartung, Ida Hartung, Walter Fink. Darunter Marta Lechner und ihr Sohn Benno. Bei Benno stand ein Geburtsjahr, das ihn damals acht Jahre alt machte. Die Wiederholungsstriche im rechten Feld sahen plötzlich nach einer Arbeit aus, die jemand möglichst rasch hatte beenden wollen.

»Hanna Seidel«, las Mara.

Ruth nickte.

Ihre Schwester war sechsundzwanzig gewesen. Sie hatte in der Küche der Baukantine gearbeitet und wollte nach der Räumung zu einer Bekannten ziehen. Sie hatte sogar schon eine Stelle in Aussicht gehabt. Ruth erzählte das, während sie den roten Faden am Kartondeckel betrachtete.

»Hat sie sich aus Nordheim gemeldet?«

»Nie.«

»Haben Sie nachgefragt?«

Ruth zog das karierte Heft näher, öffnete es aber noch nicht. »Jeden Tag. Später jede Woche. Dann nur noch, wenn ich es ausgehalten habe.«

Mara setzte sich ganz auf den Stuhl. Bis dahin hatte sie auf der Kante gesessen, bereit, aus jedem Satz eine Verbindung zu Jonas zu holen. Sie sah die Tomaten auf der Anrichte. Einige hatten gelbe Stellen. Ruth hatte offenbar vor, sie noch reifen zu lassen.

»Ich wusste nicht, dass Sie auch jemanden suchen.«

»Die meisten wissen es nicht mehr.«

Berger fragte, ob Hanna unter einem anderen Namen gelebt haben könne. Ruth antwortete, dass sie genau das seit Pauls Rückkehr für möglich hielt. Paul hatte ihr aber nicht sagen können, wohin Hanna gebracht worden war. Seine eigenen Papiere hatte er erst Wochen später erhalten. Er war kein Mitfahrer, der hinterher alle anderen hätte aufzählen können.

»Er war auf der Liste«, sagte Ruth. »Das heißt nicht, dass wir damals alle zusammen gewesen sind.«

Sie schlug das Heft auf. Zwischen zwei Seiten lag ein schmaler Streifen Löschpapier. Darunter standen kurze Gesprächsnotizen, Uhrzeiten, Rufnummern. An manchen Tagen war kaum Platz zwischen den Zeilen. Mara kannte solche Hefte aus Nachlässen: die unansehnlichen Dinge, die übrigblieben, weil niemand sie für wertvoll genug zum Verkaufen hielt.

Am elften September hatte Ruth eine Rückfrage aus Nordheim notiert. Dreizehn angekündigt. Niemand eingetroffen. Bitte Abfahrt bestätigen.

Darunter stand ein Name, Schuster, und eine Telefonnummer.

»Die Frau aus der Heimverwaltung«, sagte Ruth. »Ich habe sie später noch einmal erreicht. Sie hat mir dasselbe gesagt.«

Berger fotografierte die Seite. »Die Nummer und die Zuständigkeit lassen wir prüfen. Gibt es etwas Schriftliches von dort?«

Ruth zog einen der Durchschläge heraus. Die dünne Kante rollte sich auf. Mara hielt automatisch die Hand darüber, ohne das Papier zu berühren. Es lag wieder flach, als Ruth das Heft danebenlegte.

Der Bogen trug denselben Zielort und dieselben dreizehn Namen. Unten standen zwei Felder: Abgang bestätigt. Übernahme bestätigt. Beide waren ausgefüllt.

Neben dem zweiten Feld stand der zehnte September.

Mara betrachtete die Unterschrift. Sie konnte die einzelnen Buchstaben nicht lesen. Eine hastige Schleife, ein Abstrich, der durch die gedruckte Linie ging.

»Das widerspricht dem Anruf«, sagte sie.

»Ja.«

»Woher haben Sie den Durchschlag?«

»Ich sollte ihn weitergeben. Habe ihn behalten und gesagt, er sei nicht angekommen.«

Berger sah von ihrem Notizblock auf. Ruth erwiderte den Blick.

»Ich habe nicht erst heute angefangen zu lügen.«

Eine Weile hörte Mara nur den Kühlschrank. Dann Ruths Atem, der an jeder Ausatmung ein wenig hängen blieb. Sie erinnerte sich an die Bänder, auf denen Zeugen nach langen Pausen Ja sagten. Beim Schneiden durfte man diese Pausen nicht entfernen. Sonst hörte man nur die Antwort und nichts von ihrem Preis.

»Das könnte auch jemand ausgefüllt haben, bevor der Wagen losfuhr«, sagte Berger. »Wir müssen die Reihenfolge klären.«

»Es wurde am Nachmittag zurückgebracht. In einem Umschlag von der Umzugsstelle. Ich habe es am selben Tag ins Heft gelegt.«

Mara fragte nach Pauls Kopien. Ruth beschrieb eine graue Klemmmappe, die er dafür benutzt hatte. Auf dem Rücken klebte ein gelber Streifen, unbeschriftet. Lene konnte wissen, wo sie lag. Mara rief sie mit Ruths Einverständnis an.

»Nicht suchen gehen«, sagte Berger leise. »Erst beschreiben lassen.«

Lene erinnerte sich an die Mappe. Paul hatte sie nach dem letzten Besuch Ruths oben in den Planschrank gelegt, getrennt von den alten Gemeindeaufträgen. Berger übernahm das Telefon. Sie bat Lene, alles liegen zu lassen; ein Kollege komme zur Abholung. Mara hörte Lene noch fragen, ob er sich Zeit nehmen könne. Sie wolle ihm zeigen, was Paul zuletzt an der kleinen Maschine gemacht habe.

Als Berger auflegte, war etwas in Bewegung geraten, das nicht von Mara abhing. Das tat gut. Es machte sie auch entbehrlich, und darüber erschrak sie.

Ruth hatte inzwischen die restlichen Namen mit den Augen durchgegangen. Olga Rehm. Friedrich Sailer. Luise Dorn. Karl Winter. Agnes Bruckner. Viktor Auer. Zusammen mit Jonas, den Hartungs, Walter Fink, Marta und Benno Lechner und Hanna waren es dreizehn.

Keine fortlaufende Todesliste. Zwei Menschen mit gleichem Nachnamen, eine Mutter mit Kind, ein angeblich schon gestorbener Junge. Dreizehn angekündigte Plätze in einem Heim, das ihre Ankunft bestritten hatte.

»Wer hat die Leute ausgewählt?«, fragte Mara.

Ruth schob den Bogen ein Stück zu ihr. Im Feld für die anordnende Stelle stand ein Name in Druckbuchstaben: Anton Voss.

Mara kannte den Namen von der Rückseite eines Familienfotos. Ihr Großvater, Evas Vater. Auf dem Bild saß er vor einem gedeckten Tisch; ihre Mutter stand hinter seinem Stuhl. Mara hatte ihn nie kennengelernt.

Sie legte das Telefon mit der Anzeige nach unten.

»Das war der Vater meiner Mutter.«

Berger schrieb es auf. Ruth hatte den Blick nicht gesenkt.

»Er hat gesagt, ich soll bei Rückfragen an ihn verbinden. Er würde sich um alles kümmern. Hanna dürfe nichts passieren.«

»Warum gerade Hanna?«

»Weil ich ihn nach ihr gefragt habe. Immer wieder.«

Mara sah noch einmal auf die Unterschrift im Übernahmefeld. Sie passte nicht zu den Druckbuchstaben. Neben ihr lag Ruths Heft, offen beim elften September. Dieselbe lange Schleife erschien am Ende eines Wortes, dann noch einmal zwei Zeilen tiefer.

»Wer hat hier die Ankunft bestätigt?«

Ruth zog die Hände unter dem Tisch hervor. Sie legte einen Finger neben das Feld, genau an die Stelle, an der die Tinte den gedruckten Rahmen verließ.

»Ich.«

Berger legte ihren Stift hin.

»Am zehnten. Bevor Frau Schuster angerufen hat. Anton brachte den Bogen zurück und sagte, es sei alles erledigt. Für das andere Büro müsse ich nur noch unterschreiben.«

Mara wollte fragen, wie man etwas unterschreiben konnte, das man nicht gesehen hatte. Sie kam nicht über den Anfang des Satzes hinaus.

Ruth nahm es ihr nicht ab.

»Ich wusste nicht, wo Hanna war. Ich habe unterschrieben, dass sie angekommen ist.«

Dann schob sie den Karton zu Berger. Diesmal behielt sie auch den Deckel nicht zurück.