Kapitel 06 /
Die Verabredung
10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

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Lene legte das Foto auf Bergers Tisch und schob es so weit vor, dass Mara es nicht mehr erreichen konnte.
»Ich erkenne meinen Mann«, sagte sie. »Sie müssen mir nicht glauben. Aber schreiben Sie nicht, ich hätte auf dem Friedhof etwas Merkwürdiges gesehen.«
Berger zog einen frischen Bogen aus der Ablage. »Was genau soll ich aufschreiben?«
»Dass ich Paul auf dem Porzellanbild erkannt habe. Ohne dass Mara es mir gesagt hat.«
Mara saß neben der Tür. Lene hatte darum gebeten, dass sie zunächst bei ihr bleiben durfte. Jetzt erzählte sie von der Bank, dem Umschlag, den beiden Gesichtern. Berger ließ sie ausreden. Dann bat sie Mara, für die getrennte Befragung im Flur zu warten.
Dort stand noch immer der Stuhl unter dem Plakat mit dem vermissten Hund. Mara setzte sich nicht. Sie betrachtete die abgeriebenen Stellen an den Armlehnen und versuchte, nicht zu hören, was durch die Tür drang. Lenes Stimme war zu leise. Gerade das machte es schwer.
Ihr Telefon vibrierte. Ivo fragte, ob sie etwas brauche. Sie schrieb: Noch nicht. Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: Danke. Die drei Punkte seiner Antwort erschienen und verschwanden wieder. Schließlich kam nur ein Punkt. Wenig später eine zweite Nachricht: Sollte ein Daumen sein.
Mara lachte laut genug, dass ein Beamter aus dem Nachbarzimmer sah.
Als sie selbst an der Reihe war, erzählte sie von ihrer Zurückhaltung beim Fotovergleich und von dem scharfen Satz am Stein. Berger fragte nach dem Ablauf, nicht danach, ob Mara sich für vorsichtig hielt. Am Ende gab sie ihr das Telefon zurück, von dem sie die Aufnahmen übernommen hatte.
»Die Friedhofsverwaltung hat inzwischen nachgesehen«, sagte sie. »Der Stein ist als Erinnerungszeichen aufgestellt worden. Unter ihm gibt es keine Bestattung.«
»Hat jemand nach einer gefragt?«
»In der Unterlage steht nur die Aufstellung. Wir suchen weiter zurück.«
Mara dachte an den schmalen Kiesstreifen. Einen Körper hatte sie sich dort selbst hinzugedacht. Wie einen Jungen in eine blaue Jacke.
Auf Bergers Tisch lag auch eine Vergrößerung des Kontaktbogens aus Pauls Werkstatt. Eva am Fahrrad, der Lenker zwischen ihren Händen. Mara fragte nach dem Datum.
»Noch nicht zuverlässig bestimmt. Der Umschlag gehört zum Auftrag, nicht zwingend zum Film.«
Berger drehte das Blatt um. »Ich vergesse es nicht, Frau Voss.«
Draußen wartete Lene mit ihrer Schwester. Die beiden standen so dicht beieinander, dass sich ihre Ärmel berührten. Trotzdem wirkte es nicht wie eine Umarmung. Lene hatte ihren Foto-Umschlag wieder. Berger hatte die Aufnahme kopiert und sie gebeten, das Original sorgfältig aufzubewahren.
»Ich muss in die Werkstatt«, sagte Lene. »Da liegt ein Atlas, der heute abgeholt wird.«
Ihre Schwester machte eine kleine Bewegung mit der Hand. Lene kam ihr zuvor.
»Den gebe ich nicht jemandem halbfertig mit, nur weil Paul tot ist.«
Die Schwester nickte. Sie musste noch einmal zum Bestatter. Mara bot an, bis zu ihrer Rückkehr zu bleiben. Lene sah sie einen Augenblick an, als prüfte sie, ob Hilfe heute überhaupt noch etwas Einfaches sein durfte. Dann gab sie ihr den Schlüssel für die Werkstatttür.
In der Küche stand Pauls Becher neben dem Spülbecken. Lene ging daran vorbei, ohne ihn wegzuräumen. Sie zog die Schürze an, knöpfte sie falsch und begann noch einmal von vorn.
Der Atlas lag zwischen Brettern in der Presse. Mara durfte das obere Brett halten, während Lene die Spindel löste. Das Buch hatte ein dunkelgrünes Leinenkleid bekommen. An einer Ecke hing ein feiner Faden. Lene schnitt ihn mit einer kleinen Schere ab.
»Hände waschen«, sagte sie, als Mara danach greifen wollte.
Es war angenehm, etwas falsch machen zu können, das sich mit Wasser beheben ließ.
Sie wickelten den Atlas in Papier. Lene schrieb den Preis auf einen Zettel, strich ihn durch und holte die Auftragskarte. Mara wartete. An der Wand war das Sommerfestfoto an seinen Platz zurückgekehrt. Paul hielt den Papierteller, die verkürzte Hand lag auf Lenes Schulter. Mara war gestern nur die fehlende Fingerspitze aufgefallen. Heute sah sie, wie selbstverständlich die Hand dort ruhte.
Die Kundin kam zu früh. Sie hatte ein Glas Marmelade dabei und begann sofort zu erklären, dass der Deckel vielleicht etwas streng gehe. Lene nahm das Glas. Beide Frauen redeten eine Weile über Schraubverschlüsse. Erst an der Tür legte die Kundin ihr die Hand auf den Unterarm.
Nachdem sie fort war, stellte Lene die Marmelade neben den Atlasplatz. »Ich kann nicht den ganzen Tag trösten, wer mich besuchen kommt.«
Mara zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor. »Du musst mich nicht trösten.«
»Das wirst du mir sagen, wenn es so weit ist.«
Aus dem Hof kam das Schleifen eines Fahrradständers über Stein.
Eine Frau stand am offenen Tor. Sie trug eine helle Strickjacke und hatte das weiße Haar so kurz geschnitten, dass ihre Ohren frei lagen. Am Gepäckträger ihres Rades hing eine abgewetzte Tasche. Die Frau hielt den Lenker fest, obwohl das Fahrrad schon auf seinem Ständer stand.
Lene blieb in der Werkstatttür stehen.
»Heute nicht, Ruth.«
»Ich komme nicht wegen eines Buches.«
Die Frau sah an ihr vorbei zu Mara. Ihr Blick blieb kurz an Maras Gesicht hängen, dann kehrte er zu Lene zurück.
»Es geht um Paul.«
»Darum geht es heute bei allen.«
Ruth ließ den Lenker los. »Ich weiß, wer der Junge auf dem Stein ist.«
Mara trat aus der Werkstatt. In Lenes Gesicht bewegte sich nichts.
»Woher weißt du, dass wir dort waren?«
»Das weiß ich nicht. Aber ich war heute Morgen dort. Nachdem ich von Paul gehört habe.«
»Und?«
»Der Stein gehört zu ihm.«
Lene machte die Tür hinter sich zu. Mara stand nun mit beiden Frauen im Hof. Über ihnen hing ein Handtuch an der Leine, steif getrocknet, ohne sich im leichten Wind zu bewegen.
»Du kennst ihn seit Jahren«, sagte Lene.
Ruth nickte.
»Wie viele?«
»Seit er klein war.«
Mara hörte ein Auto die Straße hinunterfahren. Sie wollte warten, bis das Geräusch vorbei war, als könne man den nächsten Satz dadurch besser behalten.
»Wie heißen Sie?«, fragte sie.
»Ruth Seidel.« Die Frau wandte sich ihr ganz zu. »Ich kannte deine Mutter.«
»Das habe ich befürchtet.«
Ruth nahm es hin. Sie fragte nicht, ob Mara die Tochter sei, und machte keine Bemerkung darüber, wem sie ähnlich sah. Stattdessen deutete sie auf die Bank an der Hauswand.
»Darf ich mich setzen? Das Knie.«
Lene schob einen leeren Blumentopf beiseite. Ruth setzte sich langsam. Mara holte zwei Stühle aus der Werkstatt. Lene blieb stehen.
»Du warst bei unserer Silberhochzeit«, sagte sie.
»Ja.«
»Du hast ihn Paul genannt.«
»Er hatte mich darum gebeten.«
Lene lachte nicht. Sie sah auf die Tasche am Fahrrad. »Was hat er dich noch gebeten?«
Ruth legte beide Hände flach auf ihre Knie. Die Nägel waren kurz, an einem Finger klebte ein schmaler Pflasterstreifen.
»Lass mich zuerst sagen, was ich weiß. Danach entscheidest du, ob ich noch hier sitzen darf.«
Lene nahm den zweiten Stuhl. Sie setzte ihn nicht neben Mara, sondern direkt vor die Bank.
Ruth war 1976 einundzwanzig gewesen. Sie hatte in der örtlichen Telefonvermittlung gearbeitet und später, während des Umzugs der Verwaltung, auch Nachrichten angenommen, wenn in den provisorischen Büros niemand erreichbar war. Jonas Voss kannte sie aus Altried. Er hatte als Junge Fahrräder repariert und sich dafür manchmal mit Dingen bezahlen lassen, die niemand mehr brauchte.
»Eine kaputte Uhr. Ein Taschenmesser ohne Klinge. Er konnte nichts liegen lassen, wenn er noch eine Schraube daraus holen konnte.«
Lene blickte zur Werkstatttür. Auf dem Fensterbrett standen drei kleine Dosen mit Schrauben, nach Größen sortiert. Mara sah, dass sie dieselben Dosen anschaute, und wünschte, sie hätten dort nicht gestanden.
»Im August hieß es, er sei tot«, sagte Ruth. »Ein Unfall auf dem Baugelände. Ich habe die Nachricht weitergegeben. Mehr konnte ich damals nicht bezeugen. Ich habe keinen Körper gesehen.«
»Aber später hast du ihn gesehen.« Mara hörte, wie schnell sie die Frage stellte.
»Im November. Am Bahnhof in einer anderen Stadt. Er hatte einen neuen Mantel und Papiere auf den Namen Paul Mertens.«
»Sie haben sich zufällig getroffen?«
»Nein. Ich habe ihn zum Zug gebracht.«
Lene stand auf. Sie ging drei Schritte bis zum Wasserhahn, drehte ihn auf und wieder zu. Als sie zurückkam, blieb sie hinter ihrem Stuhl stehen.
»Wer war er für dich?«
»Ein Junge, der Angst hatte.«
»Er war mein Mann.«
Ruth senkte den Kopf. Sie begann keine Erklärung über die Länge eines Lebens oder darüber, was ein Name daran änderte. Mara war ihr für dieses Schweigen dankbar und ärgerte sich im selben Augenblick über die Dankbarkeit.
»Das sagen Sie Berger«, sagte sie.
»Ja. Dafür bin ich gekommen. Ich wollte es Lene zuerst selbst sagen.«
Mara zog ihr Telefon hervor. Lene nickte ihr zu. Berger ging nach dem vierten Klingeln heran. Mara nannte Ruths Namen und sagte, dass eine Frau hier sitze, die den älteren Jonas nach seinem eingetragenen Tod persönlich begleitet habe. Berger bat sie, Ruth am Telefon sprechen zu lassen.
Das Gespräch war kurz. Ruth gab ihren vollen Namen und ihre Anschrift an. Sie sagte zweimal ja und einmal, dass sie bleiben werde. Dann reichte sie das Telefon zurück.
»Sie kommt«, sagte Mara.
Ruth atmete aus. Es klang nicht erleichtert.
Lene setzte sich wieder. »Warum jetzt? Warum nicht vor zehn Jahren? Oder vor vierzig?«
»Weil ich mir eingeredet habe, dass er selbst bestimmen darf, wann er es dir sagt.«
»Hat er selbst bestimmt, dass er tot war?«
Ruth sah sie an. »Mit fünfzehn hat er nicht viel bestimmt.«
»Und danach?«
Darauf antwortete Ruth nicht sofort. Mara hörte in der Pause zum ersten Mal etwas, das nicht aus Erinnerung bestand. Eine Abmachung, die bis gestern gegolten hatte.
»Danach hat er mit dem Namen gelebt«, sagte Ruth schließlich. »Und andere haben damit gearbeitet, dass er ihn nicht verlieren wollte.«
Lene schloss kurz die Augen. »Das Geld.«
Ruth blickte auf.
»Er sollte etwas tun und wollte das Geld dafür nicht. War das von dir?«
»Nein. Ich habe ihn um Kopien gebeten. Von alten Aufzeichnungen. Wer damals fortgebracht wurde und welche Ziele man für diese Leute eingetragen hat.«
»Wo sind die?«, fragte Mara.
»Die Aufzeichnungen sind wieder bei mir. Paul hat einen Satz Kopien behalten. Ich sage Frau Berger, wo alles liegt.«
Mara dachte an die gerollten Pläne in der Werkstatt, an einen ausgeschnittenen Kartenrand. Kopieren bedeutete nicht immer bewahren. Man konnte auch vervielfältigen, was andere glauben sollten.
»Ich möchte auch verstehen, wozu meine Mutter ihren Schlüssel gebraucht hat«, sagte sie.
»Dann fragst du nach mehr als Paul.«
»Ich weiß.«
Ruth strich mit dem Daumen über das Pflaster. »Paul wusste, dass du kommen würdest.«
Mara spürte den Stuhl unter sich. Bis zu diesem Satz hatte sie geglaubt, sich wenigstens darauf vorbereitet zu haben, überrascht zu werden.
»Hat er mir das Paket geschickt?«
»Von einem Paket hat er nicht gesprochen. Er sagte, Evas Tochter werde benachrichtigt. Sie müsse dabei sein.«
»Wann hat er das gesagt?«
»Vorgestern Abend. Er hat mich angerufen.«
Lene beugte sich vor. »Was war gestern verabredet?«
Ruth sah zur Einfahrt, als erwarte sie dort bereits Berger. Dann blieb ihr Blick an Lenes Gesicht hängen.
»Ich sollte auf seinen Anruf warten. Danach wollte er zu mir kommen, mit euch. Wir wollten die Aufzeichnungen zusammen durchgehen.«
»Er hat nicht angerufen«, sagte Lene.
»Nein. Ich dachte, er hätte es sich wieder anders überlegt. Er hat oft damit angefangen und dann doch Angst bekommen. Heute Morgen habe ich erfahren, dass sie ihn gefunden haben.«
Mara holte Luft. »Er hat gewusst, dass wir am Messsteg stehen würden?«
Ruth nickte. »Um zehn.«
Im Haus klingelte das Werkstatttelefon. Lene bewegte sich nicht. Es hörte auf, begann erneut und verstummte wieder.
»Was sollte er dort tun?«, fragte Mara.
Ruth nahm die Hände von den Knien. Zum ersten Mal sah sie tatsächlich so alt aus, wie sie war.
»Die Treppe heraufkommen. Mit der Urkunde. Er wollte vor Zeugen sagen, wie er früher geheißen hat.«
Lene griff nach der Stuhllehne.
»Er wollte lebend zu euch kommen«, sagte Ruth.