Kapitel 05 /
Der Junge auf dem Stein
10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

Die Geschichte hören
13:30 Min. HörzeitGelesen mit Nova · KI-generierte Stimme
Die Aufnahme konnte nicht geladen werden. MP3 direkt öffnen →
Am nächsten Morgen stand Mara im Zimmer ihres Bruders und wusste nicht, weshalb sie das Licht eingeschaltet hatte. Die Sonne lag auf dem Boden. Wo früher das Bett gestanden hatte, befanden sich zwei Wäscheständer, ineinandergeschoben wie die Rippen eines einzigen Tieres.
Eva hatte aus dem Zimmer keinen Schrein gemacht. Das war Mara jahrelang wie eine Härte vorgekommen. Nun öffnete sie den Schrank und fand Jonas zwischen Tischdecken: seine Schulsachen in einem Schuhkarton, ein Beutel Murmeln, das rote Etui für den Schülerausweis. Dinge, die wenig Platz beanspruchten. Für alles Größere hatte ihre Mutter offenbar eine andere Lösung gefunden.
Das Familienbuch lag im oberen Fach, in einer Hülle mit gebrochenem Druckknopf. Mara setzte sich damit auf den Boden. Sie fand die Einträge, die sie erwartet hatte. Ihre eigene Geburt. Jonas, 1983. Das wusste sie seit achtunddreißig Jahren, aber die gedruckte Zahl beruhigte sie für ein paar Atemzüge.
Als Berger anrief, hielt Mara das Buch noch auf den Knien.
»Kennen Sie einen Jonas Voss, geboren am vierzehnten Februar 1961?«
Mara sah zum Fenster. Hinter der Scheibe zog eine Fliege an derselben Stelle enge Kreise.
»Nein.«
»Das Geburtsdatum auf dem Blatt bei Herrn Mertens. Als es aufgefaltet war, ließ es sich lesen. Ich möchte wissen, ob der Name mit diesen Daten in Ihrer Familie vorkommt.«
Mara erklärte, was sie im Familienbuch gefunden hatte. Berger sagte, der örtliche Registerbestand enthalte tatsächlich einen Sterbeeintrag zu diesem anderen Jonas Voss. Die dazugehörigen Unterlagen würden noch geprüft. Das Blatt aus dem Wasser war dadurch nicht automatisch echt. Aber Name und Todesjahr waren auch nicht erst für Mara erfunden worden.
»Wie alt?«
»Fünfzehn. August 1976.«
Mara zog das Familienbuch näher an sich. Ihr Bruder war ebenfalls fünfzehn gewesen. Sie wollte etwas sagen, das diesen Zusammenhang kleiner machte. Es fiel ihr nichts ein.
»Es gibt einen Gedenkstein auf dem Friedhof hier in Ried«, sagte Berger. »Im Feld für Altried. Vielleicht hilft Ihnen der Ort beim Einordnen. Falls Sie Angehörige kennen, geben Sie mir bitte die Namen.«
»Ist dort sein Grab?«
»Das klären wir gerade.«
Nach dem Gespräch blieb Mara sitzen. Am Abend zuvor hatte sie sich vorgenommen, heute mit der Aufnahme weiterzuarbeiten. Den Raum hinter der Stimme eingrenzen, ohne aus jeder Reflexion einen Eingang zu machen. Jetzt trug jemand anderes den Namen ihres Bruders, ein Junge, der lange vor ihm gelebt hatte. Sie klappte das Buch zu und ließ die Fliege hinaus.
Ivo war schon im Bauhof. Er hatte einen Termin, den er nicht zum zweiten Mal verschieben konnte, und schrieb, dass Berger Unterlagen aus dem alten Bestand des Verbands angefordert habe. Mara antwortete, sie gehe zum Friedhof. Diesmal fügte sie keine Bitte hinzu, mitzukommen.
Auf dem Weg kaufte sie eine einzelne gelbe Rose. Erst an der Kasse wusste sie, dass die Blume für ihre Mutter war. Sie ärgerte sich darüber, wie leicht Liebe weiterarbeitete, auch wenn man ihr die Gründe entzog.
Am Friedhofstor stand Lene Mertens.
Mara blieb auf der anderen Straßenseite stehen. Lene hatte sie noch nicht gesehen. Sie hielt einen Schlüsselbund in der Hand und versuchte, einen kleinen Anhänger zwischen zwei Schlüsseln hervorzuziehen. Neben ihr lag eine Stofftasche auf der Bank. Als Mara näher kam, gab Lene es auf.
»Meine Schwester ist beim Bestatter«, sagte sie. »Ich sollte überlegen, ob ich Paul hier haben will oder bei seinen Eltern.«
»Wo sind die?«
»Ich weiß es nicht.«
Lene sah sie an, als hätte Mara die Frage absichtlich so leicht gestellt. Dann schüttelte sie den Kopf.
»Er hat gesagt, er kümmert sich darum. Vierundvierzig Jahre. Irgendwann fragt man nicht mehr nach einer Adresse, zu der man nie gefahren ist.«
Mara hätte weitergehen können. Sie hätte Lene ihren Grund für den Besuch verschweigen und später so tun können, als wäre die Begegnung zu kurz gewesen. Stattdessen erzählte sie von Bergers Anruf. Vom zweiten Jonas Voss. Vom Jahrgang.
Lene steckte den Schlüsselbund in die Manteltasche. »Paul war Jahrgang sechzig.«
»Es geht nicht um Paul. Ich wollte nachsehen, wer dieser Junge war.«
»Und ob der Name wirklich auf einem Stein steht.«
Mara nickte.
Lene hob die Stofftasche auf. »Dann gehen wir erst zu deiner Mutter.«
Der Weg führte zwischen jungen Bäumen hindurch. Auf mehreren Gräbern lagen flache Steine auf Papierkarten, damit der Wind die Grüße nicht mitnahm. Lene ging langsamer, als Mara erwartet hatte. Sie blieb vor keiner Reihe stehen. An Evas Grab wartete sie ein paar Schritte entfernt, während Mara die Rose in die schmale Vase steckte.
Der Kranz von der Gemeinde war eingesunken. Ein Stück Schleifenband hatte sich gelöst und lag mit der beschrifteten Seite im feuchten Kies. Mara hob es auf. Sie wischte den Schmutz nicht mit dem Finger ab, sondern mit einem Taschentuch aus ihrer Tasche, so wie ihre Mutter es getan hätte.
»Sie war freundlich zu ihm«, sagte Lene hinter ihr.
Mara drehte sich um.
»Zu Paul. Nicht nur, wenn sie etwas brauchte. Sie hat gefragt, wie es seiner Hand geht, auch Jahre nach dem Unfall.«
»Was für ein Unfall?«
»Die Schneidemaschine. Bevor wir den Laden aufgegeben haben.« Lene sah auf das Band. »Er hatte es eilig. Er hatte immer nur dann einen Unfall, wenn er es eilig hatte.«
Mara dachte an den Motor im Pumpenhaus und schob den Gedanken fort. Sie durfte nicht jeden Satz dieser Frau zu einer Erklärung für ihren toten Mann machen. Sie klemmte die Schleife wieder unter den Kranz.
Das Feld für Altried lag hinter einer niedrigen Mauer am älteren Teil des Friedhofs. Auf dem Weg dorthin überholte sie ein Mann mit einer Gießkanne. Er grüßte Lene, öffnete den Mund für etwas Weiteres und ging dann doch nur vorbei. Lene hob kurz die Hand.
»Er weiß es«, sagte sie.
Mara antwortete nicht.
»Morgen wissen sie hier alle mehr als ich.«
Hinter der Mauer standen verschieden hohe Steine auf einem langen Kiesstreifen. Einige hatten alte eiserne Kreuze, andere nur schmale Platten mit Namen. Es sah nicht aus wie eine Reihe von Gräbern. Die Abstände waren zu klein, die Steine wandten sich in leicht unterschiedliche Richtungen. Als hätte jemand eine Gruppe wartender Menschen aufgefordert, noch ein Stück zusammenzurücken.
Eine Tafel erklärte, dass hier Grabzeichen und Erinnerungssteine aus Altried zusammengeführt worden waren. Bestattungen waren teils umgebettet, teils an anderen Orten vorgenommen worden. Der Text endete mit einem Dank an die Beteiligten. Mara las ihn zweimal. Unter welchem Stein Erde lag und unter welchem nur eine Erinnerung, sagte er nicht.
Sie gingen die Reihe von links ab. Lene hielt die Henkel ihrer Tasche mit beiden Händen. Mara fand mehrere Voss, keiner mit einem Vornamen, der ihr etwas sagte. Ein Familienname war noch keine Familie. Sie hatte gestern lernen müssen, wie rasch man aus wenig Papier ein ganzes Ufer machte.
Der Stein für Jonas stand fast am Ende.
Er war niedriger als die anderen, heller, ohne Kreuz. JONAS VOSS. Darunter 1961 und 1976, verbunden durch einen kurzen Strich. Über dem Namen saß ein ovales Porzellanbild in einer eingelassenen Vertiefung. Staub hatte sich unter dem oberen Rand gesammelt. Ein Junge sah etwas seitlich an der Kamera vorbei.
Mara blieb aufrecht stehen. Sie hatte sich ein Gesicht erhofft, das ihr augenblicklich etwas erklären würde. Das tat dieses nicht. Der Junge trug einen zu großen Hemdkragen. Seine Haare waren ordentlich gekämmt, bis auf eine Strähne am Hinterkopf. Der Mund war geschlossen, aber an einem Winkel schien er gleich zu lächeln.
Jonas hatte auf Schulfotos immer den Kopf schief gehalten. Ihr Jonas. Sie musste ihn inzwischen innerlich unterscheiden.
»Fünfzehn«, sagte sie.
Lene stellte die Tasche ab.
Mara wartete auf eine Antwort. Als keine kam, wandte sie den Kopf. Lene hatte die Lippen leicht geöffnet. Eine Hand hielt sie vor dem Körper, so, als wäre ihr eben etwas daraus gefallen. Dann beugte sie sich näher an den Stein.
»Nicht anfassen«, sagte Mara unwillkürlich.
Lene sah zu ihr auf. »Ich wollte ihn sehen.«
Mara trat zurück. Die Schärfe ihres eigenen Satzes beschämte sie. Hier war keine weiße Linie. Keine Beamtin hatte sie gebeten, jemanden vom Geländer fernzuhalten. Es gab nur eine Frau, die auf ein altes Bild schaute.
Lene zog ein Taschentuch hervor und legte es wieder weg. Sie änderte ihren Standort, bis ihr Schatten nicht mehr auf das Porzellan fiel. Dann ging sie zur Bank gegenüber, setzte sich und öffnete die Stofftasche.
»Für die Traueranzeige«, sagte sie.
Sie nahm einen großen Umschlag heraus. Darin lagen lose Fotografien, einige neue Farbabzüge, andere mit gezacktem weißem Rand. Auf dem obersten hielt Paul einen Hund fest, der nicht in die Kamera sehen wollte. Lene schob es beiseite. Es folgten ein Gartentisch und ein Mann auf einer Leiter. Mara sah weg, damit sie nicht jede Erinnerung mitansehen musste.
»Das ist das früheste, das ich habe.«
Lene hielt ihr eine kleine Aufnahme hin. Ein junger Mann saß auf der Ladekante eines Lieferwagens, die Hände zwischen den Knien. Sein Hemd war an den Unterarmen hochgekrempelt. Er blickte nicht freundlich, eher abwartend. Hinter ihm lagen gerollte Teppiche oder Papierbahnen im Dunkel des Wagens.
»Paul. Im Sommer zweiundachtzig. Da haben wir uns kennengelernt.«
Mara nahm das Foto am weißen Rand. Dann betrachtete sie den Jungen auf dem Stein. Die Zeit zwischen beiden Bildern betrug nur wenige Jahre. Sie suchte nach etwas Einzelnem: einer Narbe, einem Zeichen am Ohr. Etwas, das ihr erlaubte, einen Satz zu sagen. Sie fand nur ein Gesicht, das älter geworden sein konnte.
Lene stand wieder auf. Sie nahm Mara das Foto ab, ging damit zum Stein und hielt es daneben. Nicht dicht davor, als müsste sie den Jungen ersetzen. Seitlich, auf gleicher Höhe.
»Die Bilder müssen nicht dieselbe Person zeigen«, sagte Mara.
»Ich weiß, was du sagen musst.«
»Ich muss gar nichts sagen.«
Lene wandte sich zu ihr. In ihrem Gesicht lag zum ersten Mal seit der Werkstatt etwas anderes als Erschöpfung.
»Dann lass mich.«
Mara schwieg. Der Mann mit der Gießkanne kam auf dem parallelen Weg zurück. Er verlangsamte seine Schritte, aber Lene beachtete ihn nicht. Sie betrachtete noch einmal beide Bilder, dann senkte sie den Arm.
»Er hatte Angst vor Fotografen. Nicht vor Kameras. Vor Leuten, die sagten: Schau mich an.« Sie strich über den Rand ihres Abzugs. »Bei mir war es anders. Irgendwann.«
Mara erinnerte sich an das Sommerfestfoto in der Werkstatt, an Pauls Hand auf Lenes Schulter. Einen Menschen auf einem Bild zu erkennen war etwas anderes, als sich erklären zu können, weshalb er dort war.
»Das ist Paul«, sagte Lene.
Sie sagte es leise. Mara hörte weder Frage noch Bitte darin. Sie wusste trotzdem, dass Bergers Leute mehr brauchen würden als zwei Gesichter und eine Frau, die ihren Mann liebte. Sie würde ihnen beides geben, ohne daraus selbst einen Beweis zu schreiben.
Lene drehte das Foto um und zeigte ihr die Rückseite. Sommer 1982, stand dort in blauer Tinte, und darunter zwei Namen. Lene und Paul. Das zweite Wort war kräftiger geschrieben als das erste, als hätte jemand mit dem Stift neu angesetzt.
»Seine Handschrift«, sagte sie. »Ich habe ihn gebeten, es draufzuschreiben. Damit ich später noch weiß, wer dieser unverschämte Mann auf meinem Wagen war.«
Sie lachte kurz. Dann wurde ihr Gesicht ganz still.
Mara holte ihr Telefon heraus, fotografierte den Stein und, mit Lenes Erlaubnis, den Abzug von beiden Seiten. Sie hätte gern den Arm um sie gelegt. Stattdessen fragte sie, ob sie Berger anrufen solle.
»Ich rufe an«, sagte Lene. »Du kommst mit.«
Während sie die Nummer suchte, blickte Mara noch einmal auf den kleinen Strich zwischen den Jahreszahlen. Niemand hatte ihn über Nacht in den Stein geritzt. Er war verwittert wie der Name, mit dunklen Körnern tief in den Vertiefungen.
Die Kopie im Wasser konnte eine Fälschung sein. Dieser Stein hatte schon hier gestanden, während Paul Mertens zur Arbeit gegangen war, Brot gekauft und seiner Frau etwas auf die Rückseite eines Fotos geschrieben hatte.
Lene hielt das Telefon ans Ohr. Mit der freien Hand steckte sie ihren Abzug zurück in den Umschlag. Den Jungen auf dem Stein ließ sie stehen.