Kapitel 04 /
Was von Hand geschieht
10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

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13:46 Min. HörzeitGelesen mit Nova · KI-generierte Stimme
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Als Berger in die Werkstatt trat, zog Lene die Hand vom Kontaktbogen zurück. Auf dem Tisch blieb ein feuchter Abdruck ihres kleinen Fingers.
»Ist er es?«, fragte sie.
Berger stellte ihre Tasche ab. Sie antwortete nicht mit dem Satz, den Mara inzwischen zu fürchten begann, dass man noch nichts sagen könne. Sie sagte, welche Prüfung ausstand, und fragte Lene, ob jemand bei ihr bleiben solle. Lene nannte ihre Schwester. Dann ging sie mit der Beamtin in die Küche und zog die Tür zu.
Ivo blieb neben der Buchpresse stehen. Durch die Wand kam das Summen eines Kühlschranks. Auf dem Atlas fehlte ein Stück Mittelmeer; die herausgetrennte Seite lag unter einem Gewicht. Mara betrachtete den schmalen weißen Streifen zwischen zwei Blättern und begriff erst nach einer Weile, dass sie wartete, weil sie nichts anderes zu tun wusste.
Der junge Polizist fotografierte die Auftragsmappe an ihrem Platz. Er nahm auch die übrigen Umschläge mit. Mara sagte ihm, dass sie das Rad wiederzuerkennen glaubte. Er schrieb das letzte Wort mit auf.
Als Lene aus der Küche kam, trug sie Pauls Strickjacke. Die Ärmel waren ihr zu lang. Sie schob sie zurück und fragte Ivo nach seinem Verband.
»Am Geländer«, sagte er.
Lene nickte, als hätte sich damit etwas erledigt. Dann sah sie Mara an. »Ihr müsst jetzt gehen. Ich kann euch nicht auch noch ansehen.«
Draußen hatte jemand ein Fahrrad an den Zaun gelehnt. Mara machte einen Schritt darum herum, obwohl Platz genug war. Ivo folgte ihr nicht gleich. Hinter ihm schloss sich die Werkstatttür mit einem kleinen, gewöhnlichen Ruck.
Sie fuhren zu Evas Haus. Unterwegs fragte er, ob Mara etwas essen könne. Sie sagte nein, und er kaufte trotzdem Brot. In der Küche schnitt er zwei Scheiben ab, legte das Messer daneben und ging hinaus, um zu telefonieren. Mara setzte sich auf das alte Sofa. Sie wollte nur die Schuhe ausziehen. Als sie wieder aufwachte, stand die Sonne unter dem Fensterrahmen.
Eine Stunde war vergangen. Ihr Nacken tat weh. Auf dem Tisch lag eine Brotscheibe mit einer dünnen trockenen Kante, und für einen Augenblick war das Schlimmste an diesem Tag, dass niemand sie zugedeckt hatte. Dann sah sie Ivos Jacke auf ihren Knien.
Berger rief kurz nach fünf an.
»Es ist Paul Mertens. Seine Frau weiß es.«
Mara drückte das Telefon fester ans Ohr. Die Bestätigung veränderte den Mann auf den Stufen. Er hatte nun eine Küche, eine Strickjacke, ein Stück Land unter einer Buchpresse. Er konnte nicht länger die falsche Antwort auf die Frage nach Jonas bleiben.
Zur Todesursache sagte Berger nichts. Sie wollte die Aufnahme haben, die Mara am Geländer gemacht hatte, möglichst unverändert. Eine Technikerin des Verbands untersuchte die alten Anlagen oberhalb des Stegs. Mara fragte, ob sie den tiefen Klang schon erklären könne.
»Bisher habe ich drei verschiedene Erklärungen gehört«, sagte Berger. »Keine von ihr.«
Mara holte ihren Rechner aus dem Wagen. Sie übertrug die Originaldatei, schickte sie ab und legte eine Arbeitskopie an. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft wusste sie genau, was ihre Hände tun mussten. Keine Stimmen erfinden, nichts aus einem Geräusch herausholen wollen, das nicht darin war. Erst zuhören.
Sie setzte die Kopfhörer auf. Wasser, ein fernes Fahrzeug, das Reiben ihres Ärmels. Sie hatte das Telefon zu dicht ans Geländer gehalten. Der Körperschall übersteuerte den tiefen Schlag; ganz unten fraß eine gerade Kante die Schwingung ab. Daraus ließ sich kein sauberer Vergleich mit einer Glocke herstellen. Ein paar Sekunden davor war die Aufnahme brauchbar.
Ein dünner Ton stieg an, blieb stehen und sank wieder ab. Mara spielte die Stelle noch einmal. Dahinter lag ein zweites Geräusch, viel leiser: ein kurzes, trockenes Scheppern. Erst dann kam der Schlag, der am Morgen durch ihre Zähne gegangen war.
Ivo stellte ein Glas Wasser neben den Rechner. »Ist das die Pumpe?«
»Vielleicht ein Antrieb. Ich kann dir sagen, wann er zu hören ist. Nicht, welche Maschine es war.«
Sie zog eine Markierung an den Beginn, eine zweite ans Ende. Dazwischen ließ sie alle Pausen stehen. Ivo beugte sich über den Bildschirm, ohne ihn zu berühren. Früher hatte er immer mit dem Finger auf Stellen gezeigt. Auf empfindlichen Oberflächen waren halbe Monde zurückgeblieben.
»Kannst du den Schlag wegmachen?«
»In einer Kopie leiser. Aber dann sehen wir nicht mehr, was vorher da war.«
Sie merkte, dass sie nicht nur vom Ton gesprochen hatte. Ivo nahm das Glas noch einmal hoch und stellte es auf einen Untersetzer.
Berger hörte sich am Telefon an, was Mara gefunden hatte. Eine halbe Stunde später durften sie zur Südbucht kommen. Der obere Wartungsweg war geprüft und freigegeben; die Treppe blieb gesperrt. Mara sollte zeigen, wo ihr Telefon gewesen war. Sie nahm den Rechner mit, obwohl sie ihn dort vielleicht nicht brauchen würde.
Die Abendsonne traf den See so flach, dass das gegenüberliegende Ufer verschwand. Vom Tor aus sah Mara nur Helligkeit. Weiter unten verlief das Absperrband quer über den Zugang zur Treppe. Niemand stand auf den Stufen. Der leere Platz war schwerer anzusehen als der Körper am Morgen.
Brandt wartete vor dem Pumpenhaus. Neben ihm kniete eine Frau in Arbeitskleidung über einem geöffneten Metallkasten. Sie stellte sich als Anlagentechnikerin vor und hörte Maras Beschreibung zu Ende, bevor sie aufstand.
»Kommen Sie bitte hier entlang. Nicht ans Geländer.«
Vom Wartungsweg konnte man seitlich unter das Podest sehen. Die Technikerin leuchtete mit einer kräftigen Lampe durch eine schmale Öffnung. Ein Drahtseil lief über eine Rolle in einen gemauerten Schacht. Daneben hing ein länglicher eiserner Körper, kaum breiter als Maras Hand.
»Gegengewicht vom alten Schwimmerpegel«, sagte die Frau. »Der ist außer Betrieb. Schwimmer und Seil sind aber noch drin. Wenn der Wasserstand fällt, steigt das Gewicht.«
Sie bewegte den Lichtkegel. Über dem Gewicht saß eine quer verlaufende Stahlstrebe. An deren Unterseite fehlte ein kleines Stück Rost.
»Seit das hier locker ist, kann es anschlagen. Die Konstruktion trägt den Klang weiter. Das ist jedenfalls mein Befund. Zum Vorführen bewegen wir heute nichts.«
Mara sah die blanke Stelle an. Kein Glockenmund, kein Klöppel. Ein Stück Eisen, das gegen ein anderes stieß. Sie hätte erleichtert sein sollen. Stattdessen hörte sie wieder Weigands Stimme am Bahnhof: seit drei Tagen. Ein altes Bauteil hatte angefangen, sich bemerkbar zu machen, und im Ort erzählte man von einer Kirche.
»Kann es auch schlagen, wenn der Pegel nicht fällt?«
»Wenn der Schwimmer genügend bewegt wird, ja. Wie stark, müssten wir untersuchen.«
Mara nickte. Sie wollte aus dieser Antwort keine Uhr machen. Der Klang war erklärbar. Noch nicht jeder Zeitpunkt, zu dem jemand ihn gehört hatte.
Die Technikerin zeigte ihr danach den Antrieb im Pumpenhaus. Die Tür blieb offen; Berger stand dabei. Mara spielte die brauchbare Stelle ihrer Aufnahme über den kleinen Lautsprecher ab. Auf dem Rechner war der dünne Ton beinahe lächerlich. Kein See, keine Tiefe, nur das müde Singen einer Maschine.
»Der Stellmotor«, sagte die Frau. »So klingt er unter Last.«
Sie erklärte den Unterschied zwischen der Pumpe und dem motorisch betätigten Auslass. Mara verstand nicht jeden Zusammenhang. Sie ließ sich zeigen, welches Teil sich bewegt hatte und wo das Wasser abfloss. Die Technikerin nahm sich Zeit. Brandt sah währenddessen nicht auf sein Telefon.
»Sie sagten heute früh automatische Regelung«, sagte Ivo schließlich zu ihm.
»Falk hat Ihnen gesagt, was er zu dem Zeitpunkt angenommen hat.«
»Und jetzt?«
Brandt deutete auf einen Schalter neben der Tür. Drei Stellungen waren in die alte Platte graviert. Die mittlere hieß Aus. Rechts stand Ortsbetrieb.
»Die Steuerung hat den Wechsel registriert. Neun Uhr sechsunddreißig. Hier im Raum.«
Mara dachte an das trockene Klicken unter dem Podest. Sie war schon auf dem Gelände gewesen. Das Pumpenhaus lag hinter ihnen, wenige Schritte vom Weg entfernt. Wie oft hatte sie sich umgesehen? Einmal nach dem Wagen der Polizei. Sonst war alles, was sie wissen wollte, unten im Wasser gewesen.
»Wer hat umgeschaltet?«, fragte sie.
»Das protokolliert diese Anlage nicht. Einen Namen kann sie nicht erkennen.« Brandt sprach jetzt langsamer. »Falk sagt, er war es nicht. Er war am Tor, als Ihre Kollegen kamen.«
Berger hob die Hand. »Das prüfen wir. Bleiben wir bei der Funktion.«
Unter dem Wahlschalter saßen zwei Taster. Im Ortsbetrieb, erklärte die Technikerin, musste man den unteren gedrückt halten, um den Auslass weiter zu öffnen. Loslassen stoppte den Stellmotor. Die Stellung des Auslasses blieb danach erhalten. Wasser konnte also weiter abfließen, ohne dass der Motor weiterlief.
Mara ließ die Aufnahme bis zum Ende des dünnen Tons laufen. Dann hörte man Wasser, Berger, einen kurzen Ruf von Falk. Der Motor war längst still, als der Mann auftauchte.
Es hatte niemand die ganze Zeit am Schalter stehen müssen. Jemand hatte ihn nur weit genug öffnen müssen und dann warten können. Oder gehen.
»Damit konnte man den Pegel zu einer bestimmten Zeit senken«, sagte Mara.
»In Grenzen«, sagte die Technikerin. »Zufluss, Wind, Ausgangsstand. Eine Minute würde ich Ihnen nicht versprechen.«
Die Stimme auf dem Band hatte zehn gesagt. Mara selbst hatte daraus einen Sekundenzeiger gemacht.
Brandt trat einen Schritt zur Seite. Berger ließ den Schalter fotografieren. Erst dadurch konnte Mara den unteren Rand des Gehäuses sehen. In der Fuge unter dem Taster steckte etwas Helles, das nicht zum grau lackierten Metall gehörte.
»Ist das Holz?«
Die Technikerin beugte sich vor, ohne es anzufassen. Berger bat alle aus dem Raum.
Sie warteten am Weg, während ihr Kollege eine Lampe und eine Pinzette aus dem Wagen holte. Ivo zog den Verband an seiner Hand zurecht. Mara sah ihm dabei zu. Hinter dem Pumpenhaus hörte sie eine Amsel im Laub suchen. Zum ersten Mal an diesem Tag war sie froh über ein Geräusch, das sich nicht an sie richtete.
Das Stück, das der Polizist später in eine durchsichtige Hülle legte, war ein flacher, abgebrochener Keil. Eine Seite war mit dunklem Lack bestrichen. In der hellen Bruchfläche glänzten zwei frische Fasern.
Die Technikerin konnte nur sagen, dass sich der Taster mit etwas von dieser Form festklemmen ließ. Ob es geschehen war und wie lange, müsse geprüft werden. Brandt stand sehr still. Mara merkte, dass er eine Frage hatte, die er vor ihnen nicht stellen wollte. Berger sah es ebenfalls.
»Wir sprechen gleich«, sagte sie zu ihm.
Es war kein Beweis für einen unsichtbaren Mann im Pumpenhaus. Es war schlimmer: ein brauchbarer Anfang einer Erklärung. Jemand brauchte keinen Zugriff auf ein großes Computersystem. Ein Schlüssel, ein Holzrest, Kenntnisse der Anlage konnten genügen. Mara dachte an den Messingschlüssel, den sie über Nacht in ihrer Manteltasche durch halb Deutschland gefahren hatte.
Lene rief an, als sie wieder am Tor waren. Mara blieb stehen. Sie wusste nicht, ob eine Entschuldigung helfen oder nur Arbeit für die andere Frau bedeuten würde.
»Meine Schwester ist da«, sagte Lene. »Ich wollte euch nicht so hinauswerfen.«
»Du musst dich nicht entschuldigen.«
Lene atmete hörbar ein. »Paul hat mir vor ein paar Tagen erzählt, er müsse etwas in Ordnung bringen. Ich dachte an eine Rechnung. Wir hatten Streit deswegen. Wegen Geld, das er nicht nehmen wollte.«
Mara sah Ivo an und wandte sich dann ein Stück von ihm ab, damit Lene wenigstens am Telefon einen eigenen Raum hatte.
»Hast du das Berger gesagt?«
»Ja. Alles. Auch dass ich ihm nicht geglaubt habe.« Eine kleine Pause. »Wenn ihr herausfindet, dass er etwas getan hat, sagt es mir trotzdem. Ich will nicht die Letzte sein, die ihren eigenen Mann kennt.«
Mara versprach es. Danach standen sie noch eine Weile am verschlossenen Tor. Ivo fragte nicht nach dem Gespräch. Die helle Wasserfläche hatte sich inzwischen geteilt; gegenüber traten die ersten Fenster aus dem Licht.
Auf Maras Rechner lagen die Sekunden zwischen dem Motorgeräusch und dem Auftauchen des Toten. In Bergers Hülle lag ein Stück Holz. Die Dinge ließen sich zusammenbringen, ohne dass dafür ein Toter aus der Vergangenheit sprechen musste.
Die Aufnahme hatte sie pünktlich hierhergeführt. Sie hatte auf die Treppe gestarrt, während hinter ihr eine Maschine lief.
Mara sah zurück zum Pumpenhaus. Zum ersten Mal fragte sie sich nicht, ob die Stimme gewusst hatte, was geschehen würde. Sie fragte sich, wofür man sie als Zeugin gebraucht hatte.