Kapitel 03 /
Ausschnitt nach Vorgabe
10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

Die Geschichte hören
13:20 Min. HörzeitGelesen mit Nova · KI-generierte Stimme
Die Aufnahme konnte nicht geladen werden. MP3 direkt öffnen →
Berger ließ Mara erzählen, bevor sie den Bildschirm zu ihr drehte.
Sie saßen in einem Zimmer, dessen Fenster auf den Hof der Dienststelle ging. Ein Mann spülte dort mit einem Schlauch Schlamm von seinen Stiefeln. Mara hörte das Wasser durch die angelehnte Scheibe und verlor zweimal den Faden.
»Wir können zumachen«, sagte Berger.
»Nein. Dann höre ich nur noch mich.«
Die Beamtin ließ das Fenster offen. Mara erklärte die grüne Jacke, die Frage des damaligen Polizisten, ihr Nicken. Als sie fertig war, wartete Berger noch einen Augenblick. Sie wollte wissen, ob Mara sich an den Wortlaut der Frage erinnerte oder an das, was sie heute darüber dachte.
»An Blau erinnere ich mich. Und daran, dass ich froh war, nicht weiterreden zu müssen.«
»Weshalb?«
Mara sah zu den nassen Stiefeln hinaus. »Das weiß ich nicht mehr.«
Berger schrieb den Satz auf. Sie machte aus der Lücke keine Antwort.
Ivo wurde nebenan befragt. Sie hatten sich seit dem Haus nicht mehr über den Nachmittag von 1998 unterhalten. Berger hatte darum gebeten. Den Durchschlag, den Umschlag und die beiden alten Klebestreifen hatte inzwischen ein Kollege bei Eva abgeholt. Auf dem Schreibtisch blieb ein helles Rechteck im Staub.
Jetzt schob Berger den Bildschirm herüber. Ein Teil der alten Unterlagen war schon vor Jahren eingescannt worden; den übrigen Bestand hatte sie angefordert. Auf der sichtbaren Seite stand Maras Name neben ihrem damaligen Alter. Zehn. Darunter ein Absatz, nicht länger als die Beschreibung eines verlorenen Koffers.
Die Schwester bestätigt auf Nachfrage die blaue Oberbekleidung des Vermissten.
Mara las den Satz laut. Er klang vollständig. Alles, was sie heute hatte erklären müssen, war darin verschwunden.
»Da steht nicht, dass ich ihn am Nordufer gesehen habe.«
»Nein.«
»Aber so wurde es erzählt.«
Berger öffnete eine zweite Seite. In einer späteren Zusammenfassung waren Fahrradfund und bestätigte Jackenfarbe hintereinander aufgeführt. Ein Pfeil am Rand führte zur Skizze des nördlichen Ufers. Mara suchte nach einem Satz, der beides voneinander trennte. Sie fand keinen.
»Wir prüfen die damaligen Schlussfolgerungen«, sagte Berger. »Das hier beweist noch nicht, dass jemand Ihre Aussage absichtlich verändert hat.«
Mara nickte und bemerkte es sofort. »Verstanden«, sagte sie stattdessen.
Zum ersten Mal lächelte Berger kurz.
Als Mara ihren heutigen Bericht las, blieb sie an der Formulierung stehen, sie erinnere sich sicher an eine grüne Jacke. Sicher war ein großes Wort. Sie bat, es zu ändern. Sie erinnerte sich an Jonas in seiner grünen Jacke; ob sie ihn genau an jenem Nachmittag darin gesehen hatte, konnte sie nicht mehr sauber davon trennen.
Es kostete sie Überwindung, diesen kleineren Satz zu unterschreiben. Sie war hergekommen, um etwas richtigzustellen. Nun musste sie zuerst etwas weniger wissen.
Im Flur saß Ivo unter einem Plakat mit einem vermissten Hund. Seine Hand war verbunden. Er hatte sich einen Verband anlegen lassen, der unverhältnismäßig ordentlich aussah.
»Hat man dich auch nach jedem einzelnen Wort gefragt?«, sagte Mara.
»Nach den Dingen zwischen den Wörtern.«
Er rutschte auf der Bank zur Seite. Sie setzte sich, obwohl zwei Stühle frei waren.
»Das Rad habe ich gesehen«, sagte er. »An der Jacke habe ich Jonas erkannt, ohne ihn zu sehen. Mehr konnte ich ihr nicht sagen.«
Mara betrachtete die Druckknöpfe an seinem Ärmel. »Ich weiß nicht, ob ich nach der Wahrheit suche oder nach einer Version, mit der ich leben kann.«
»Heute hast du jedenfalls etwas unterschrieben, das dir nicht gefällt.«
Das war kein Trost, aber sie konnte es annehmen.
Berger kam mit Ivos Tablet aus dem Zimmer. Die alte Karte hatte er dort zusammen mit den aktuellen Plänen vorgelegt. Die Beamtin gab ihm das Gerät zurück und bat um die Angaben zu der Firma, die damals die Papierpläne übertragen hatte.
»Die Gemeinde hat die Bilder eingekauft«, sagte Ivo. »Nicht selbst gescannt. Ich kann die Rechnungen heraussuchen.«
»Bitte auch die Anlagen. Und bevor jemand etwas aufräumt: nichts wegwerfen.«
Mara dachte an die Zeitungskugeln in ihrem Paket. Sie waren jetzt ebenfalls etwas, das niemand wegwerfen sollte.
Im Bauhof suchte Ivo zuerst im Rechner, dann in einem Ordner, auf dessen Rücken nur das Jahr stand. Er zog die Rechnung heraus, hielt sie am Rand und legte sie unter die Schreibtischlampe. Die Firma hieß Mertens Reprografie. Unten war eine Adresse in Ried angegeben, drei Straßen unterhalb des Bahnhofs.
»Die gibt es noch?«
»Den Laden nicht mehr. Paul macht kleinere Aufträge von zu Hause. Seine Frau bindet Bücher.«
»Dann kennt er vielleicht die unbeschnittene Vorlage.«
Ivo rief an. Niemand nahm ab. Er schrieb Berger den Namen und fotografierte Rechnung und Anlagen. Auf einer davon standen die gelieferten Pläne, mit Format und Dateinamen. Neben dem Blatt zur Südbucht war ein kleiner handschriftlicher Vermerk: Ausschnitt nach Vorgabe.
Mara zeigte darauf. Ivo zog den alten Plan aus seiner Hülle. Der helle, ausradierte Fleck lag dicht an einer Falte. In der digitalen Fassung führte der äußere Bildrand knapp daran vorbei.
»Die Linie wurde schon auf dem Papier ausgedünnt«, sagte er. »Beim Zuschneiden ist der Rest verschwunden.«
»Konnte das aus Versehen passieren?«
»Natürlich. Man schneidet Ränder ab, damit die Blätter zusammenpassen. Aber ich möchte wissen, wer diesen Ausschnitt vorgegeben hat.«
Er schickte auch den Vermerk an Berger. Dann schrieb er, dass sie bei Mertens nach einer weiteren Arbeitskopie fragen wollten. Die Antwort kam, während er den Ordner zurückstellte: Unterlagen unverändert lassen. Fundort und Ansprechpartner mitteilen.
Das Haus der Mertens lag hinter einem früheren Ladenlokal. In dessen Scheibe war das Wort Kopien entfernt worden; bei schrägem Licht konnte man die Buchstaben noch sehen. Im Hof standen Holzbretter unter einer Plane. Zwischen zwei Fenstern hing Wäsche, ein weißes Hemd und mehrere dunkelblaue Handtücher.
Eine Frau öffnete, bevor Ivo klingeln konnte. Sie trug eine Schürze, auf der sich helle Leimspuren überlagerten.
»Wenn es um den Grenzplan geht, der ist seit Freitag fertig.«
»Heute geht es um eine alte Rechnung«, sagte Ivo.
»Natürlich.« Sie sah auf seinen Verband. »Mit neuen Rechnungen verletzt sich niemand so.«
Sie hieß Lene Mertens. In der Werkstatt roch es nach Papierstaub und warmem Klebstoff. Auf einer Presse lag ein zerlegter Atlas. Gewichte hielten die Blätter flach. Lene schob einen Stuhl mit dem Fuß von einem Stapel Kartons weg und bot Mara den Platz an.
»Mein Mann ist nicht da. Was brauchen Sie?«
Ivo zeigte ihr die Anlage. Sie las sie durch, ohne das Blatt aus seiner Hand zu nehmen.
»Das war noch im Laden. Bevor wir die große Maschine verkauft haben.«
»Sind die Arbeitsdateien erhalten?«
»Paul hat alles aufgehoben, was er nicht noch einmal machen wollte. Was nicht dasselbe ist wie alles, was ein anderer wiederfindet.«
Sie ging zu einem flachen Stahlschrank. Über dessen Griff hing ein gerahmtes Foto von einem Sommerfest. Lene stand darauf neben einem Mann mit einem Papierteller. Seine andere Hand lag auf ihrer Schulter. Am Ringfinger fehlte das vordere Stück.
Mara hörte Lene eine Schublade aufziehen. Der Mann auf dem Bild hatte die Augen gegen die Sonne zusammengekniffen. Ohne Wasser, ohne den dunklen Ärmel, sah sein Gesicht beinahe vertraut aus.
Sie stand auf.
»Ist das Ihr Mann?«
Lene drehte sich um. »Ja.«
Ivo sah erst Mara an, dann das Bild. Sein Mund öffnete sich ein wenig. Er kannte Paul, begriff Mara, aber am See hatte er den Stoff am Bootshaken gesehen, seine eigene Hand am Geländer, den Körper unter sich. Jeder hatte einen anderen Ausschnitt behalten.
»Was ist?«, fragte Lene.
Mara hätte gern einen Beamten im Raum gehabt. Jemanden mit einer eingeübten Reihenfolge für solche Sätze. Sie ging nicht näher an Lene heran.
»Heute ist ein Mann am See gefunden worden. Ich war dabei. Auf diesem Foto sieht Ihr Mann ihm ähnlich. Ich kann mich irren.«
Lene legte beide Hände auf die geöffnete Schublade.
»Paul ist heute früh raus.«
Ivo zog sein Telefon. »Ich rufe die Beamtin an, die dort war.«
»An den See?« Lene sah nur Mara an. »Ist er an den See gegangen?«
»Das wissen wir nicht.«
»Ich meine Paul.«
Niemand antwortete sofort. Das kleine Missverständnis war schlimmer als jede Frage, die Mara erwartet hatte.
Ivo ging vor die Tür. Lene setzte sich auf den Stuhl, den sie Mara angeboten hatte. Sie nahm ihr eigenes Telefon aus der Schürzentasche und rief ihren Mann an. Das Freizeichen war leise zu hören. Mara betrachtete den zerlegten Atlas. Auf einer seiner Seiten lag ein Meer, das an der Falz in zwei Hälften geteilt war.
Beim zweiten Anruf schaltete sich die Mailbox ein. Lene drückte auf Ende, noch bevor die Ansage fertig war.
»Ich habe gesagt, dass er Brot mitbringen soll.«
Mara setzte sich auf einen Karton. Sie sagte nicht, dass sie das verstehen könne. Vor einer Stunde hatte sie selbst noch gebraucht, dass jemand den Mann in eine Akte zurückverwandelte. Hier hing er mit einem Papierteller an der Wand.
Ivo kam herein. Berger schicke jemanden, sagte er. Lene werde nicht allein bleiben. Die Identität müsse ordentlich überprüft werden; weder Mara noch ein Sommerfoto könnten das ersetzen.
Lene nickte, dann stand sie wieder auf. »Die Rechnung.«
»Das kann warten«, sagte Ivo.
»Wenn ich mich hinsetze, höre ich auf.«
Sie zog die Schublade ganz heraus. Darin lagen flache Mappen, nach Aufträgen sortiert. Mara half ihr nicht. Es schien wichtig, dass Lene selbst entscheiden konnte, was sie jetzt mit ihren Händen tat.
Die passende Mappe enthielt einen alten Datenträger, einen Ausdruck der Bildübersicht und mehrere Umschläge. Lene legte alles auf einen freien Tisch. Ivo fotografierte die Lage, bevor sie weiterblätterte. Zwischen zwei Planausdrucken lag ein kleiner Kontaktbogen mit Fotografien vom Ufer.
Auf dem Umschlag stand nur der Name des Auftraggebers, die Gemeinde. Kein Aufnahmedatum. Ivo wies darauf hin, dass ein Foto lange vor dem Auftrag entstanden sein konnte, zu dem es später abgelegt worden war. Mara hörte den Satz mit Ungeduld. Dann begriff sie, dass er gerade das tat, worum sie Berger gebeten hatten: Beobachtung und Schluss voneinander trennen.
Lene holte eine Lupe aus der obersten Schublade. Der Griff war mit einem Streifen Stoff umwickelt. Sie legte sie vor Mara hin, sorgfältig parallel zur Tischkante. Für einen Augenblick sah es aus wie eine ganz gewöhnliche Beratung in einer Werkstatt. Nur Lenes Telefon, das sie mit der anderen Hand festhielt, passte nicht dazu.
»Zustand vor der Übergabe«, sagte Lene. »Paul hat solche Sachen gern mit aufgenommen. Sonst behauptete später jemand, die Flecken wären von ihm.«
Mara beugte sich über die kleinen Bilder. Ein Tisch. Aufgerollte Pläne. Eine Hand, die einen Rand festhielt. Dann drei Aufnahmen im Freien, vermutlich mit demselben Film gemacht. Auf einer stand das graue Messhäuschen am Wasser.
»Bitte das Blatt so lassen«, sagte sie.
Ivo machte eine Aufnahme mit dem Tablet und vergrößerte sie. Neben dem Geländer lehnte ein Fahrrad. Der vordere Schutzblechrand war schief nach oben gebogen. Jonas hatte ihn beim Sprung über eine Wurzel verbogen und nie richten lassen. Mara kannte die Stelle, weil sie sich einmal daran geschnitten hatte.
Es konnte ein ähnliches Rad sein. Sie sagte es laut, bevor die Gewissheit sich festsetzen konnte.
Auf dem nächsten Bild stand Paul Mertens neben dem Fahrrad. Lene legte den Finger an den Rand des Kontaktbogens, weit weg von seinem Gesicht.
»Damals hatte er noch den Bart.«
Eine zweite Person trat halb hinter Paul hervor. Helle Bluse, dunkler Rock. Mara vergrößerte den Ausschnitt nicht weiter. Sie brauchte es nicht. Ihre Mutter hielt den Lenker mit beiden Händen. Sie sah am Fotografen vorbei, in die Richtung, aus der auf dem ersten Bild die Treppe kam.
Draußen schlug eine Autotür. Ivo ging zum Hof, um die Beamten hereinzulassen.
Mara blieb vor dem Kontaktbogen stehen. Sie hatte die ganze Zeit nach einem Jungen am falschen Ufer gesucht. Auf diesem Bild war kein Junge. Nur ein Mann, der heute im Wasser gelegen hatte, ihre Mutter und ein Fahrrad, das sie für das ihres Bruders hielt.
Und die Treppe, die auf der fertigen Karte fehlte.