XIIIDas dreizehnte Ufer
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Kapitel 02 /

Der Durchschlag

10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

Bleistiftzeichnung eines alten Schreibtischs mit herausgenommener Schublade, Umschlag und dünnen Papierblättern.
Manches wurde aufgehoben, ohne abgelegt zu werden.

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13:10 Min. Hörzeit

Gelesen mit Nova · KI-generierte Stimme

Der Sanitäter bat sie, sich umzudrehen. Mara tat es erst, als er die Bitte wiederholte.

Oben am Gittertor hatte jemand eine orangefarbene Tasche abgestellt. Ein Reißverschluss stand offen; darin lagen ordentlich nebeneinander Dinge, deren Namen sie nicht kannte. Hinter ihr wurden kurze Sätze gesprochen. Dann hörten die Fragen auf, und das Tuch, das einer der Männer ausbreitete, machte ein trockenes Geräusch.

Ivo stand neben ihr. An seiner rechten Hand lief Blut aus einer Schramme über den Daumen. Er betrachtete es, als gehörte die Hand jemandem, für den er zuständig war.

»Du blutest«, sagte Mara.

»Das Geländer.«

Sie gab ihm ein Papiertaschentuch. Erst beim zweiten Versuch gelang es ihm, es mit der unverletzten Hand auseinanderzufalten.

Berger kam die Treppe herauf. »Der Mann ist tot. Wir wissen noch nicht, wer er ist.«

Mara sah auf den durchsichtigen Beutel in ihrer Hand. Darin lag der Ausweishalter. Das Wort Sterbeurkunde war verschwunden, weil Berger ihn mit der Rückseite nach außen eingepackt hatte.

»Aber der Name.«

»Ist ein Name auf einem Blatt. Zunächst wissen wir nur, dass jemand dieses Blatt bei ihm haben wollte.«

Sie sprach ohne Nachdruck. Mara musste sich anstrengen, die Unterscheidung zu behalten. Vor zehn Minuten hatte ein Stück Papier ihrem Bruder ein zweites Todesjahr gegeben. Jetzt sollte es wieder Papier sein.

Die Beamtin bat um die Kassette, das Foto und den Schlüssel. Mara zog die Hülle aus dem Mantel und hielt sie einen Augenblick fest.

»Bitte nicht einfach in irgendein Gerät stecken. Das Gehäuse ist beschädigt.«

Berger schrieb es auf. Sie ließ sich auch erklären, wann die digitale Kopie entstanden war, und nahm Maras Angebot an, diese sowie die Aufnahme vom Geländer zu übergeben. Für die Originale bekam Mara eine Empfangsbestätigung. Der Schlüssel verschwand zuletzt in einem eigenen Beutel. Ohne sein Gewicht schien die Manteltasche falsch zu hängen.

Ein Mann im hellen Hemd kam durch das Tor. Er ging nicht sofort zu ihnen, sondern blieb bei Falk stehen, ließ ihn ausreden und fragte dann nach dem örtlichen Pegelanzeiger. Falk zeigte auf den grauen Schrank.

»Leon Brandt«, sagte Ivo leise. »Leitet den Verband.«

Brandt betrachtete Ivos blutiges Taschentuch. »Die Stufen bleiben gesperrt, bis wir den Unterbau geprüft haben.«

»Auf euren Karten gibt es die Stufen gar nicht«, sagte Ivo.

»Auf welcher Karte?«

Ivo zeigte ihm das Tablet. Brandt vergrößerte die Bucht mit zwei Fingern. Er brauchte länger, als Mara erwartet hatte. Dann gab er das Gerät zurück.

»Das klären wir. Stillgelegt heißt nicht abgebrochen.«

Es war die erste vernünftige Erklärung, die sie aus dem Verband hörte. Gerade deshalb wollte Mara ihr nicht sofort glauben.

Berger fragte nach der Absenkung. Brandt wandte sich an Falk. »Die Steuerung bleibt unangetastet. Kein Neustart. Erst die Protokolle sichern.«

Falk öffnete den Mund, schloss ihn wieder und ging zum Pumpenhaus.

»Hat jemand eine Wartung ausgelöst?«, fragte Ivo.

»Das kann ich Ihnen im Moment nicht sagen.« Brandt blickte zum Wasser. »Und wenn ich jetzt rate, steht meine Vermutung heute Abend als Erklärung in der Zeitung.«

Er bemerkte Maras Blick auf den Beweisbeutel. »Sie sind Evas Tochter.«

»Kannten Sie meine Mutter?«

»Aus der Gemeinde. Sie hat uns manchmal Unterlagen herausgesucht, die längst verloren schienen.«

»Auch nach ihrer Pensionierung?«

»Wenn sie wusste, wo etwas lag.«

Brandt sagte Berger seine Mobilnummer. Mara wartete darauf, dass er sich nach dem Namen des Toten erkundigte. Er tat es nicht. Das konnte Rücksicht sein. Sie merkte, wie bereitwillig ihr inzwischen jede ausbleibende Frage verdächtig vorkam.

Bevor sie zum Wagen gehen durften, rief Berger sie noch einmal zurück. Die Beamtin hielt den Beutel schräg ins Licht.

»Ist Ihnen am Blatt etwas aufgefallen? Außer dem Namen und der Jahreszahl?«

Mara sah hin. Im Rand zeichneten sich zwei dunkle kleine Winkel ab, dicht nebeneinander. Einer lag halb im Falz.

»Heftklammern.«

»Abgebildete Heftklammern«, sagte Berger. »Das Papier ist dort nicht durchstochen. Zumindest dieses Blatt ist eine Kopie. Von wann die Vorlage stammt und ob sie echt ist, müssen wir prüfen.«

Mara beugte sich näher, ohne den Beutel zu berühren. Neben den dunklen Winkeln lief ein grauer Schatten über den Rand, wie bei einem Blatt, das nicht ganz flach auf dem Glas gelegen hatte.

Eine Kopie ließ sich herstellen. Mit einem Datum, einem Namen, sogar mit den Spuren früherer Hände. Die Erkenntnis beruhigte sie nicht, aber zum ersten Mal konnte sie sich eine Tätigkeit vorstellen, die zu diesem Fund geführt hatte. Jemand hatte Papier auf ein Gerät gelegt. Jemand hatte gewartet, bis die Lampe darunter hindurchlief.

»Es könnte ein anderer Jonas Voss gewesen sein«, sagte sie.

»Auch das prüfen wir.«

Mara wollte sagen, dass in ihrer Familie niemand so geheißen hatte. Dann fiel ihr ein, wie wenig sie von den Menschen vor ihren Großeltern wusste.

Berger fragte nach dem Paket. Es lag noch in Maras Wagen, zusammen mit dem herausgenommenen Zeitungspapier. Sie verabredeten die Übergabe bei der Dienststelle. Danach dürfe Mara erreichbar bleiben und solle sich nicht selbst auf die Suche nach dem Aufnahmeort machen.

Auf dem Parkplatz hielt Ivo seine verletzte Hand unter den Wasserstrahl aus einer Trinkflasche. Das Taschentuch lag rot gefleckt auf der Motorhaube. Mara nahm die Flasche, damit er die Finger spreizen konnte.

»Was meintest du mit dem falschen Ufer?«

Er sah zu ihr auf. »Damals haben wir zuerst im Norden gesucht.«

»Ich weiß.«

»Ich habe Jonas' Fahrrad dort gefunden. Und auf der Brüstung lag eine blaue Jacke. Ich dachte, er hätte sie ausgezogen.«

Mara drehte die Flasche zu. »Seine Jacke war grün.«

»Das hast du damals nicht gesagt.«

Sie hörte wieder die Frage nach der Farbe. Nicht den genauen Wortlaut; nur die Geduld des Mannes, der sich zu ihr hinuntergebeugt hatte. Und ihre Erleichterung, als er selbst eine Antwort anbot.

»Ich habe genickt.«

Ivo wartete.

»Er hat Blau gesagt. Ich habe genickt.«

Eine Fliege setzte sich auf das feuchte Taschentuch. Ivo verscheuchte sie mit dem Ellenbogen.

»Ich habe Jonas an dem Nachmittag nicht gesehen«, sagte er. »Nur das Rad und die Jacke. Irgendwann hat jeder erzählt, ich hätte ihn dort gesehen. Nach einer Weile habe ich beim Erinnern selbst kaum noch einen Unterschied gemacht.«

Mara stellte die Flasche auf die Haube. Sie hätte ihn fragen können, weshalb er ihr das nie gesagt hatte. Aber sie hatte ihm ihr Nicken ebenfalls achtundzwanzig Jahre lang nicht erklärt.

»Wir sagen Berger beides.«

Er nickte. »Beides.«

Bei der Dienststelle nahm ein Beamter den Karton entgegen. Er legte auch die Zeitungskugeln einzeln zur Seite. Mara war dankbar, dass er nicht fragte, weshalb sie Abfall durch die halbe Republik gefahren hatte. Berger war noch am See; Mara hinterließ ihre Nummer und die Bitte um einen weiteren Gesprächstermin wegen der damaligen Suche.

Draußen kaufte Ivo zwei Käsebrötchen. Mara aß ihres auf der niedrigen Mauer neben dem Parkplatz. Ein Stück Gurke rutschte heraus und landete auf ihrem Knie. Sie betrachtete es so lange, bis Ivo ihr eine Serviette hinhielt.

»Dafür braucht man keinen Beweisbeutel«, sagte er.

Sie lachte einmal, unwillkürlich. Es tat im Hals weh. Dann aß sie weiter. Der Käse schmeckte nach beinahe nichts, das Brot nach Salz. Während sie kaute, wurde ihr klar, dass der Mann am See vielleicht heute Morgen ebenfalls gefrühstückt hatte. Jemand würde auf einen Anruf von ihm warten.

»Ich möchte ins Haus«, sagte sie.

Ivo legte sein Brötchen ab. »Auf dem Band heißt es, du sollst nicht hin.«

»Auf dem Band sagt mir ein Unbekannter, was ich tun soll. In dem Haus liegen die Familienunterlagen. Und vielleicht weiß ich danach, ob der Name wirklich nur meinem Bruder gehörte.«

Sie sah ihn an. »Ich gehe nicht allein.«

Ivo wischte sich die Krümel von der Hose. »Dann fahren wir.«

Mara schickte Berger eine kurze Nachricht mit der Adresse und ihrem Vorhaben. Sie schrieb dazu, dass sie nachher über die blaue Jacke sprechen müsse. Nach dem Absenden war die Straße vor ihr dieselbe, aber der Weg zurück zu ihrem Schweigen war versperrt.

Im Haus ihrer Mutter roch es nach kalter Heizung und Lavendel. Auf dem Schuhschrank stand noch die Schale mit den Schlüsseln. Mara legte ihren eigenen daneben, hörte das vertraute Klirren und musste sich am Türrahmen festhalten.

»Fenster?«, fragte Ivo.

Sie nickte. Er ging in die Küche und öffnete eines. Von draußen kamen das Schleifen eines Besens und ein Radio. Das Haus gehörte sofort wieder zu einer Straße.

Evas Schreibtisch stand im kleinen Zimmer zum Hang. Mara hatte ihn nach der Beerdigung geschlossen, ohne hineinzusehen. Auf der Platte lag das dunkle Haushaltsbuch, das ihre Mutter bis zuletzt geführt hatte. Lebensmittel, Strom, Blumenerde. Jede Ausgabe hatte einen Platz, selbst die kleinsten Beträge.

Das Familienbuch lag nicht in der oberen Schublade. Dort fand Mara Umschläge, zwei stumpfe Bleistifte und ein Bündel Kohlepapier zwischen dünnen Schutzblättern. Ihre Mutter hatte Durchschläge aufgehoben, lange nachdem niemand mehr danach gefragt hatte.

»Für den Fall, dass die andere Seite etwas verliert«, sagte Mara.

Ivo blickte von der Tür herüber.

»Das hat sie immer gesagt.«

Sie zog die Schublade weiter heraus. Kurz vor dem Anschlag klemmte sie. Mara rüttelte nicht. Unter der hinteren Kante hing etwas Helles in den Zwischenraum. Sie holte ihr Telefon, leuchtete hinein und sah einen losen Klebestreifen.

Ivo hielt den Schreibtisch fest, während sie die Schublade vorsichtig über den hölzernen Anschlag hob. Sie stellten sie schräg auf die Platte. An der Unterseite klebte ein flacher Umschlag. Einer von zwei Streifen hatte sich gelöst und war in der Führung hängen geblieben.

Mara machte ein Foto, bevor sie ihn berührte. Der Umschlag trug keine Anschrift. Seine Lasche war nur eingesteckt. An den Kanten hatte sich feiner Holzstaub gesammelt.

»Du musst ihn nicht jetzt aufmachen«, sagte Ivo.

»Doch.«

Im Umschlag lag ein blassvioletter Durchschlag. Der Druck war stellenweise so schwach, dass Mara das Blatt zum Fenster drehen musste. Oben stand die Ausgabe eines Zugangsschlüssels, darunter Messstelle 13. Als Empfängerin war Eva Voss eingetragen.

Mara las das Datum zweimal. Fünfzehnter Oktober 1998.

Drei Tage nach Jonas' Verschwinden.

Sie erinnerte sich an jene Tage als Folge geschlossener Türen. An die Küche voller Menschen, die leise sprachen. An ihre Mutter, die überall sein konnte, solange Mara sie nicht brauchte. In einer dieser Stunden war Eva beim Verband gewesen. Sie hatte einen Schlüssel abgeholt.

Unter der Empfangszeile stand: Zugang bis auf Widerruf. Ersatzschlüssel verbleibt beim Verband.

»Das erklärt nicht, wozu sie dort war«, sagte Ivo.

Mara legte das Blatt auf die freie Stelle neben dem Haushaltsbuch. Sie wollte es zurück in den Umschlag schieben. Erst darüber schlafen. Erst herausfinden, ob es ihrer Mutter schaden konnte. Der Wunsch war so vernünftig, dass sie ihn beinahe nicht erkannte.

Auf dem Foto hatte Eva geschrieben, sie solle die Treppe nicht hinuntergehen. Dieses Blatt sagte etwas anderes: Ihre Mutter hatte sich den Weg dorthin öffnen lassen, während alle nach Jonas suchten.

Mara fotografierte den Durchschlag, dann wählte sie Bergers Nummer. Beim dritten Klingeln ging die Beamtin heran.

»Ich habe etwas gefunden«, sagte Mara. »Es betrifft meine Mutter und den Messsteg. Ich schicke Ihnen ein Foto. Das Original bleibt hier liegen.«

Berger fragte, was auf dem Blatt stand. Mara erklärte es, ohne das Datum wegzulassen.

»Und Sie wollten etwas zu Ihrer Aussage von damals ergänzen.«

Durch das offene Küchenfenster hörte Mara den Besen über den Gehweg kratzen. Ivo blieb an der Tür stehen.

»Ja«, sagte sie. »Bitte holen Sie meine alte Aussage heraus. Ich möchte sie berichtigen.«