XIIIDas dreizehnte Ufer
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Kapitel 01 /

Die zweite Glocke

10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

Bleistiftzeichnung eines alten Messstegs am abgesunkenen Falkensee, mit einer Betontreppe, einem Messschrank und zwei Menschen am Geländer.
Was auf der Karte fehlt, liegt noch immer am Ufer.

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14:01 Min. Hörzeit

Gelesen mit Nova · KI-generierte Stimme

Kurz vor sieben schob der Mann hinter dem Fahrkartenschalter ein Brötchen unter eine Serviette und sagte ihren Namen.

Mara hatte ihn noch nicht erkannt. Erst als er aufstand, sah sie das nach außen gedrehte Knie. Herr Weigand. Er hatte früher die Fahrräder der Schulkinder mit Kreide nummeriert, damit nach Ausflügen jeder sein eigenes zurückbekam. Jonas hatte sich einmal beschwert, sein Rad sei durch die Kreide langsamer geworden. Weigand hatte ihm wortlos einen Lappen gereicht.

»Zur Beerdigung waren Sie nicht mit der Bahn da«, sagte er.

»Mietwagen.«

Er nickte, als trüge er ihre Antworten in einen Fahrplan ein. Hinter ihm stand eine Thermoskanne zwischen zwei Bildschirmen. Das Brot kam aus der Bäckerei nebenan, deren Tür einen Spalt offen war. Mara hatte seit der Autobahnraststätte nichts gegessen. Ihren eigenen Wagen hatte sie am Bahnhof abgestellt. Zum Haus ihrer Mutter führte die Straße von hier aus bergauf.

Sie stellte die Tasche ab. »Wissen Sie, wo Ivo Kern jetzt arbeitet?«

»Immer noch bei der Gemeinde. Vermessung. Hinterm Bauhof.«

Oben am Hang schlug die Kirchturmuhr. Sechs Schläge, dann der siebte. Mara wartete, bis der Nachhall zwischen den Bahnsteigdächern zerfiel.

Darunter kam ein weiterer Ton.

Er war tiefer und kürzer, ohne den harten Beginn einer Glocke, die frei schwang. Eher ein Anschlagen, gefolgt von einem Zittern im Metall. Mara drehte sich zur offenen Bahnhofstür. Zwischen den Häusern lag ein Streifen Wasser, stumpf wie Zinn.

»Was war das?«

Weigand schraubte seine Thermoskanne auf. »Das hören wir seit drei Tagen.«

»Die Glocke von Altried?«

»Die haben sie vor der Flutung abgenommen. Mein Vater hat beim Verladen geholfen.« Er betrachtete den Kaffee, den er eingoss. »Vielleicht arbeiten sie wieder an den Pumpen.«

Mara nahm die Tasche. An der Tür blieb sie stehen und holte ihr Telefon heraus. Ivos Nummer war noch gespeichert. Sie hatte sie seit vier Jahren nicht gewählt, auch nicht nach der Beerdigung, bei der er hinter der letzten Bank gestanden hatte. Nun hörte sie ein Freizeichen, dann ein dumpfes Poltern.

»Wenn das wegen des Grenzsteins ist, ich komme morgen«, sagte Ivo.

»Es ist nicht wegen eines Grenzsteins.«

Eine Tür fiel zu. »Mara?«

Sie sah auf die Straße zum Haus ihrer Mutter. In einem Fenster über der Bäckerei wurde ein Rollladen hochgezogen.

»Ich muss dir etwas vorspielen.«

Ivo wartete am Bauhoftor mit zwei Pappbechern. Der linke Ärmel seiner Jacke war an der Naht ausgefranst. Er hatte graue Haare an den Schläfen, die bei der Beerdigung im Schatten geblieben waren. Als er ihr den Kaffee gab, berührten sich ihre Finger. Keiner von beiden tat so, als wäre das eine Umarmung gewesen.

»Schwarz«, sagte er. »Falls das noch stimmt.«

Sie trank einen Schluck. Zu heiß. »Das stimmt noch.«

Er führte sie in einen niedrigen Anbau. Über einem Zeichentisch hing ein orangefarbenes Warnhemd. Unter dem Fenster standen gerollte Pläne in abgeschnittenen Abflussrohren. Ivo schob einen Stapel Lieferscheine zur Seite und legte einen sauberen Bogen Papier auf den Tisch, bevor Mara die Kassette darauf ablegte.

»Ein Original?«

»Das einzige, das ich habe. Auf dem Telefon ist eine Kopie.«

Sie gab ihm einen Kopfhörer. Den anderen behielt sie selbst. Draußen setzte ein Transporter zurück; sein Warnsignal lief für einen Augenblick neben dem Rauschen der Aufnahme her. Dann sprach die Männerstimme. Ivo rührte seinen Becher nicht mehr an.

Mara beobachtete ihn bei seinem Namen. Bei der alten Karte. Bei der Ankündigung für zehn Uhr. Als die vier Klopfzeichen kamen, zog er den Kopfhörer aus dem Ohr.

»Woher?«

»Gestern mit der Post. Ohne Absender.«

Er nahm die Kassette nicht hoch. Das gefiel ihr und machte ihr zugleich Angst. Ivo hatte als junger Mann alles angefasst, um zu verstehen, wie es funktionierte.

»Du glaubst, das ist Jonas.«

»Ich weiß, was ich glaube. Ich möchte wissen, was du hörst.«

Er setzte den Kopfhörer wieder ein. Sie spielte die Stelle vor dem Pfeifen noch einmal. Ivo presste die Lippen zusammen, und sie ärgerte sich über die Hoffnung, die eine so kleine Bewegung in ihr auslöste.

»Die Fähre«, sagte er schließlich.

»Ja. Die neue. Das habe ich gestern überprüft.«

»Dann ist es keine alte Aufnahme.«

»Nicht älter als die Fähre. Aber das sagt uns noch nicht, wer da spricht.« Sie zeigte ihm das Foto und den Schlüssel. »Welche alte Karte meint er?«

Ivo zog die unterste Schublade eines Planschranks auf. Sie klemmte. Er hob sie mit dem Knie an, und plötzlich erkannte Mara eine Bewegung wieder, die er schon mit neunzehn gemacht hatte. Damals hatten in den Schubladen seines Vaters Modellflugzeuge gelegen. Sie hatte vergessen, wie viel von einem Menschen in seinem Umgang mit widerspenstigen Dingen blieb.

Der Plan war aus dünnem, gelblichem Papier. An einer Falte hielt ihn ein Streifen Gewebeband zusammen. Ivo breitete ihn aus und strich mit dem Finger über einen hellen Fleck am südlichen Ufer. Gegen das Fenster schimmerte das Papier dort beinahe durchsichtig. Eine Bleistiftlinie führte hinein und setzte sich dahinter fort.

»Die Arbeitskarte meines Vaters. Er hat die alten Messstellen aufgenommen, bevor die Daten digitalisiert wurden.«

Auf seinem Bildschirm öffnete er einen zweiten Plan. Er drehte ihn zu Mara. Dieselbe Bucht, dieselbe Straße. An der Stelle mit dem dünnen Papier verlief jetzt eine glatte Linie. Kein Zugang. Keine Treppe.

»Ich habe das vor sechs Wochen gemeldet«, sagte er. »Die Antwort war, die alte Zeichnung sei ungenau.«

»Ist sie das?«

»An manchen Stellen. Aber eine Treppe verschwindet nicht durch genauere Messgeräte.«

Mara legte ihr Foto neben den Plan. Im oberen Bildrand waren zwei Geländerstreben zu sehen. Eine davon stand schräg. Ivo drehte das Foto, bis die Schatten in die andere Richtung fielen.

»Südbucht. Alter Messsteg. Der Weg gehört dem Verband.«

»Dann fahren wir hin.«

»Zuerst rufen wir die Polizei an.«

Sie wollte widersprechen. Das Wort Bruder war schon da, groß und hinderlich. Dann erinnerte sie sich daran, wie oft Menschen ihr beschädigte Aufnahmen gebracht hatten, nachdem sie das Original aus Angst vor einer falschen Deutung selbst bearbeitet hatten. Sie schob ihm ihr Telefon hin.

Die Beamtin am anderen Ende ließ sich die Ankündigung zweimal erklären. Mara nannte ihren Namen, die Uhrzeit und den Ort, den Ivo vermutete. Nein, sie könne nicht bestätigen, dass die Stimme ihrem Bruder gehöre. Nein, sie habe keine Person am Wasser gesehen. Die Beamtin bat sie, das Band aufzubewahren und den abgesperrten Bereich nicht zu betreten. Eine Streife werde zum Messsteg geschickt.

»Wir warten oberhalb«, sagte Ivo, als Mara aufgelegt hatte. Er fotografierte den alten Plan mit einem dienstlichen Tablet und faltete das Original zusammen. »Und wenn du beschließt, trotzdem hinunterzugehen, sagst du es vorher.«

»Damit du mich aufhalten kannst?«

»Damit ich nicht wieder am falschen Ufer suche.«

Die Worte blieben zwischen ihnen. Ivo steckte die Karte unter den Arm. Mara nahm die Kassette vom Papier, schob sie in ihre Hülle und dann in die innere Tasche ihres Mantels. Über die Suche von damals würden sie sprechen müssen. Jetzt hielt sie ihm die Tür auf.

An der Südbucht hatte sich der See von den Bäumen zurückgezogen. Zwischen Wurzeln und Wasser lag grauer Schlamm, von Rissen in handtellergroße Stücke geteilt. Jemand hatte einen rostigen Kochtopf auf einen Stein gestellt. Weiter draußen ragte der Turm von Altried höher aus dem Wasser, als Mara ihn je gesehen hatte. Unter einem seiner Fenster klebte ein dunkler Streifen aus Wasserpflanzen.

Sie waren um neun Uhr zwölf am Gittertor. Ivo rief die Nummer auf dem Schild an. Eine Frau in der Leitstelle prüfte seinen Dienstausweis per Video und schickte einen Mitarbeiter mit dem Schlüssel. Der Mann kam zu Fuß vom Pumpenhaus. Er hieß Falk, sagte er, und hatte heute schon drei Angler hinausbegleitet.

»Unten bleiben Sie hinter der weißen Markierung. Die Stufen können unterspült sein.«

Mara sah auf seine sauberen Schuhe. »Haben Sie die Glocke gehört?«

»Ich höre hier den ganzen Tag etwas.« Er sperrte auf. »Beton arbeitet. Metall arbeitet. Nur die Leute glauben, alles müsste still sein, wenn es alt genug ist.«

Der Messsteg war kaum mehr als ein Absatz in der Treppe. Darüber hing ein grauer Schrank am Geländer. Die weiße Grenze war frisch gestrichen. Dahinter führten noch sieben sichtbare Stufen ins Wasser. Mara blieb stehen, obwohl der erste Schritt hinunter leicht gewesen wäre. Sie spürte die Kälte des Schlüssels durch das Futter ihrer Manteltasche.

Ivo kniete vor einer eingelassenen Metallplatte. Jemand hatte ein rechteckiges Schild entfernt. Im helleren Beton darunter steckten zwei abgebrochene Schrauben. An der Unterkante war noch eine Ziffer zu erkennen, vom alten Schild nur halb verdeckt gewesen: eine Drei.

»Messstelle dreizehn«, sagte er.

Falk schüttelte den Kopf. »Die gibt es nicht mehr. Ist stillgelegt.«

»Seit wann?«

»Steht im System.«

Von der anderen Seeseite kamen die beiden hellen Töne der Fähre. Mara hörte den zweiten ausklingen. Diesmal erkannte sie etwas, das ihr beim Abhören in Leipzig gefehlt hatte: eine kurze Wiederholung zwischen den Ufern. Auf dem Band war sie ebenfalls zu hören, dicht hinter dem ersten Ton. Eine Reflexion. Ohne Messung bewies sie keinen Aufnahmeort. Aber plötzlich hatte das Geräusch eine Richtung.

Sie ging zwei Schritte nach links. Vom Wasser her kam ein trockenes Klacken. Falk sah auf seine Uhr und danach zum Pumpenhaus. Mara fragte, ob etwas eingeschaltet worden sei.

»Die Regelung läuft automatisch.«

Ivo richtete sich auf. »Heute gibt es keine planmäßige Absenkung.«

»Dann läuft sie eben nicht.« Falk zog sein Funkgerät aus der Tasche.

Um neun Uhr siebenundvierzig kamen zwei Polizeibeamte durch das Tor. Die ältere, Berger, stellte sich zwischen Mara und die weiße Linie. Ihr Kollege ging mit Falk zum Pumpenhaus. Berger ließ sich den Satz mit zehn Uhr vorspielen. Als er vorbei war, gab sie das Telefon zurück, ohne etwas über Stimmen von Toten zu sagen.

»Falls hier jemand einen schlechten Scherz vorbereitet, bleiben Sie trotzdem hinter mir.«

Mara nickte. Zum ersten Mal an diesem Morgen war sie froh, dass ihr jemand eine Anweisung gab, die nichts verbarg. Auf einer unteren Stufe sank der Wasserrand langsam unter eine helle Kieselader. Sie zeigte darauf. Ivo zog sein Telefon, fotografierte die Stelle und wartete eine Minute, bevor er ein zweites Bild machte.

Dann kam der tiefe Ton wieder.

Mara spürte ihn durch die Hand am Geländer. Der alte Turm draußen blieb reglos. Der Ton kam von unter ihren Füßen. Sie nahm die Hand weg und hielt das Telefon an die Strebe, um ihn aufzunehmen. Unter dem Absatz schabte etwas, als würde ein schwerer Tisch über Stein geschoben.

Falk lief aus dem Pumpenhaus. Hinter ihm der jüngere Beamte. Beide sahen zum Wasser. Ivo sagte etwas von einem falschen Pegelwert. Mara verstand nur die Hälfte, denn an der untersten sichtbaren Stufe war eine dunkle Fläche aufgetaucht.

Sie hielt sie zunächst für Holz. Dann drehte sie sich, und ein Ärmel löste sich daraus. Berger sprach ins Funkgerät, laut und präzise. Ivo warf sich auf den Treppenabsatz, hielt sich an einer Strebe fest und bekam den Stoff mit einem Bootshaken zu fassen, den Falk ihm reichte. Gemeinsam zogen sie den Körper bis an die Stufe. Berger ging hinunter, während ihr Kollege sie am Gürtel sicherte.

Mara sah die offene Hand des Mannes. Seine Fingernägel waren kurz. Am Ringfinger fehlte ein Stück. Sie zwang sich, auf das Gesicht zu sehen. Ein Fremder. Kein Junge, den achtundzwanzig Jahre in jemanden anderen verwandelt hatten. Einfach ein Mann, dem Wasser aus dem Mund lief, als Berger seinen Kopf vorsichtig anhob.

»Zurück«, sagte die Beamtin.

Mara trat zurück. Auf ihrem Display stand zehn Uhr eins. Die Aufnahme lief noch.

Der Mann trug einen durchsichtigen Ausweishalter an einer Schnur um den Hals. Kein Dienstausweis. Ein gefaltetes amtliches Formular, mit dem Druck nach außen. Berger löste den Halter, drehte ihn um und hielt plötzlich inne.

Mara konnte die große Überschrift lesen. Sterbeurkunde. Darunter, in dem kleinen Feld für den Namen des Verstorbenen, stand Jonas Voss.

»Das ist nicht mein Bruder«, sagte sie.

Berger sah auf das Blatt. »Laut dieser Urkunde ist er 1976 gestorben.«

Ivo griff nach Maras Arm, als hätte die Treppe sich bewegt.

Ihr Bruder war erst sieben Jahre später geboren worden.