XIIIDas dreizehnte Ufer
← Inhaltsverzeichnis

Vorwort /

Was das Wasser behält

7 Minuten Lesezeit · Eine fiktive Herausgebernotiz

Eine alte Tonbandkassette, ein nummerierter Schlüssel und ein Foto auf einem Holztisch, mit Bleistift gezeichnet.
Drei Dinge. Keine Absenderadresse.

Die Geschichte hören

09:11 Min. Hörzeit

Gelesen mit Nova · KI-generierte Stimme

Wenn Sie nach Ried kommen, wird man Ihnen den Weg zum See erklären. Am Kreisverkehr links, an der Apotheke vorbei, dann immer bergab. Man wird Ihnen sagen, wo Sie parken können und welcher Kiosk noch geöffnet hat. Vielleicht empfiehlt jemand den Saibling. Niemand wird Sie fragen, wen Sie suchen.

Das sollten Sie wissen, bevor Sie anfangen.

Ich habe lange überlegt, ob ich diese Geschichte mit meinem Bruder beginnen soll. Mit dem Nachmittag, an dem er verschwand, mit seinem Fahrrad am Geländer oder mit dem Polizeibeamten, der sich vor mich hockte und nach der Farbe seiner Jacke fragte. Ich war zehn. Ich wusste, dass seine Jacke grün war. Als der Beamte Blau sagte, nickte ich.

Es ist erstaunlich, wie viel auf einem einzigen Nicken errichtet werden kann.

Aber das hier beginnt nicht im Jahr 1998. Es beginnt mit einem Paket, das acht Tage nach dem Tod meiner Mutter ankam. Der Karton war zu groß für seinen Inhalt. Jemand hatte den freien Raum mit Zeitung ausgestopft, sorgfältig zu Kugeln gedreht. Ich erinnere mich daran, weil ich später jede dieser Seiten gebügelt habe. Mit einem Reisebügeleisen, auf der niedrigsten Stufe. In einer Küche, deren Besitzer ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte.

Man stellt sich die Suche nach der Wahrheit anders vor.

Im Karton lagen eine Kassette, ein Schlüssel und ein Foto. Kein Brief. Auf dem Messingschild des Schlüssels stand die Zahl 13. Das Foto zeigte eine Betontreppe, die in Wasser führte. Auf der Rückseite hatte meine Mutter geschrieben: Hier nicht hinuntergehen.

Ich kannte ihre Handschrift. Die offenen a, die zu weit nach rechts gerückten Punkte. Auf meinen Schulheften hatte sie meinen Namen immer so geschrieben, als müsste sie ihn in letzter Sekunde noch festhalten. Auf diesem Foto fehlte der Punkt hinter dem Satz. Das beunruhigte mich mehr als die Warnung.

Meine Mutter ließ nichts unvollendet.

Von Beruf bin ich Tonrestauratorin. Ich hole Stimmen aus dem Rauschen beschädigter Aufnahmen. Gerichtsprotokolle, private Nachlässe, Interviews, deren Sprecher längst tot sind. Die meisten Menschen glauben, meine Arbeit bestehe darin, Geräusche zu entfernen. Tatsächlich muss ich vor allem entscheiden, welche bleiben dürfen. Ein Stuhlbein auf Dielen. Ein Atemzug vor einer Antwort. Der Klick eines Feuerzeugs, an dem man erkennt, dass jemand anders im Raum ist.

Die Kassette war eine handelsübliche C60. Milchiges Gehäuse, eine gesprungene Ecke, auf dem Etikett zwei Zeilen in blauem Kugelschreiber. Die obere hatte jemand so kräftig durchgestrichen, dass das Papier aufgeraut war. Darunter stand: Für Mara. Allein anhören.

Auch diesen Rat habe ich befolgt. Es war der letzte, bei dem ich das ohne Widerspruch tat.

Zuerst hörte ich Wasser. Nicht das gleichmäßige Geräusch am Ufer, sondern einzelne Tropfen in einem geschlossenen Raum. Dann ein Schaben, nah am Mikrofon. Jemand rückte den Recorder über Stein. Im Hintergrund lief eine Maschine so tief, dass ich sie eher in der Tischplatte spürte als hörte.

Eine Männerstimme sagte meinen Namen.

Ich hielt das Band an.

In meinem Beruf bekommt man gelegentlich Aufnahmen von Menschen, die um jeden Preis eine bestimmte Stimme hören möchten. Ihre Mutter in einer beschädigten Sprachnachricht. Ihren Mann in einem Anruf ohne Antwort. Ein Kind zwischen den Windgeräuschen eines Urlaubsvideos. Ich erkläre dann, dass das Gehör Muster ergänzt. Dass Sehnsucht eine erstaunlich gute Fälscherin ist.

Ich saß sehr gerade vor dem Gerät und erklärte mir das ebenfalls.

Dann spulte ich zurück.

»Mara. Falls du das hörst, ist sie tot.«

Die Stimme war tiefer als die meines Bruders. Natürlich war sie das. Jonas war fünfzehn gewesen, als ich ihn zuletzt gesehen hatte. Es gab keine Aufnahme davon, wie er mit dreiundvierzig klingen würde. Trotzdem legte ich die Hand vor den Mund. Er zog die Luft noch immer an derselben Stelle ein, mitten in meinem Namen, als hätte er zu früh zu sprechen begonnen.

»Fahr nicht zum Haus. Geh zu Ivo. Sag ihm, er soll die alte Karte nehmen, nicht die vom Verband.«

Eine Pause. Im Hintergrund schlug Metall gegen Metall.

»Morgen um zehn gibt der See einen Mann zurück.«

An dieser Stelle setzt auf der Kassette ein Pfeifen ein. Es überlagert ein Wort, vielleicht zwei. Ich habe später elf Stunden daran gearbeitet. Ich konnte es nie ganz entfernen, ohne auch die Stimme zu beschädigen. Was danach kommt, ist deutlich.

»Du darfst ihn nicht deinen Bruder nennen.«

Ich weiß nicht, wie lange ich anschließend auf die sich drehenden Spulen gestarrt habe. Ich weiß, dass im Hof ein Lieferwagen rückwärtsfuhr. Dass mein Kaffee über die Tischkante tropfte, weil ich die Tasse umgestoßen hatte. Dass ich mich über den Kaffee ärgerte. Ein kleiner, heftiger Ärger, an den ich mich klammerte, weil er zu einem Leben gehörte, in dem mein Bruder seit achtundzwanzig Jahren tot war.

Auf dem Band klopfte jemand. Dreimal kurz. Eine Pause. Einmal.

Wir hatten als Kinder Zimmer mit einer gemeinsamen Wand. Wenn Jonas spät nach Hause kam, gab er mir dieses Zeichen. Ich sollte wissen, dass er da war. Ich sollte weiterschlafen. Unsere Mutter hielt es für das Geräusch der Heizung. Zumindest hatte ich das immer geglaubt.

Ich nahm die Kopfhörer ab und ging zum Fenster. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stellte eine Frau einen Blumentopf auf die Fensterbank. Sie drehte ihn ein Stück, trat zurück und drehte ihn wieder. Ich beneidete sie so unvermittelt, dass mir die Tränen kamen.

Dann rief ich die Nummer meiner Mutter an.

Ich hatte ihren Anschluss selbst kündigen lassen. Ich war bei ihrer Beerdigung gewesen. Ich hatte die Erde auf den Sarg fallen hören. Aber Wissen und Handeln sind zwei verschiedene Dinge, besonders an einem Nachmittag, an dem ein Toter einem erklärt, wie man einen anderen Toten erkennen soll.

Die Verbindung kam nicht zustande.

Erst beim dritten Abhören fiel mir auf, was an dem Pfeifen nicht stimmte.

Die alte Fähre auf dem Falkensee hatte ein heiseres Horn gehabt. Als Kinder konnten wir es bis zu unserem Haus hören. Vor zwei Jahren war sie durch eine elektrische ersetzt worden. Meine Mutter hatte mir einen Zeitungsartikel geschickt, ausgeschnitten und mit einem unzufriedenen Ausrufezeichen versehen. In der Onlinefassung war ein Video gewesen. Der Neubau gab vor dem Ablegen zwei helle Töne ab. Der zweite lag einen halben Ton tiefer.

Genau diese Töne waren auf der Kassette.

Ich öffnete das Video erneut und ließ beides nacheinander laufen. Dann noch einmal. Ich maß die Abstände. Ich legte die Frequenzen übereinander. Draußen wurde es dunkel. Irgendwann ging das Licht im Fenster mit dem Blumentopf an, und ich begriff, dass ich seit Stunden nicht mehr aufgestanden war.

Das Band konnte alt sein. Die Aufnahme war es nicht.

Ich fuhr noch in derselben Nacht los.

Bis hierhin ist es eine Geschichte, die sich leicht erzählen lässt. Ein Paket. Eine verschwundene Person. Eine Warnung. Man kann sich vorstellen, dass ich mutig war, oder unvernünftig, oder einfach eine Schwester, die ihren Bruder liebte. Alles davon ist bequem. Alles davon lässt etwas aus.

Ich habe diese Seiten geschrieben, weil in Ried bis heute Dinge ausgelassen werden. In den Führungen am See, in den Akten, in Gesprächen am Küchentisch. Nicht immer aus Bosheit. Manchmal aus Gewohnheit. Manchmal, weil jemand tatsächlich einen Menschen retten wollte. Es hat gedauert, bis ich verstand, dass die guten Gründe die schlimmsten Folgen haben können.

Sie werden Menschen kennenlernen, denen ich vertraut habe. Einige haben mich belogen. Einige haben mir die Wahrheit gesagt und dabei genau gewusst, welchen Schaden sie anrichten würde. Ich werde versuchen, beides auseinanderzuhalten. Ich werde es nicht immer schaffen.

Auf den amtlichen Karten hat der Falkensee zwölf Uferlinien. Sie markieren den Wasserstand in verschiedenen Jahren. Als Ivo mir zum ersten Mal die ältere Karte zeigte, strich er mit dem Finger über eine Stelle, an der das Papier dünn geworden war. Jemand hatte dort so lange radiert, bis gegen das Licht ein kleiner heller Fleck erschien.

Die dreizehnte Linie war nicht verschwunden. Man hatte nur aufgehört, sie einzuzeichnen.

Wenn Sie weiterblättern, beginnen wir an dem Morgen, an dem ich nach Ried zurückkam. Es war kurz vor sieben. Im Bahnhof roch es nach frischem Brot, und der Mann am Fahrkartenschalter erkannte mich, bevor ich ihn erkannte. Oben am Hang läutete eine Glocke.

Die andere, unten im See, hätte nicht läuten dürfen.

— Mara Voss