XIIIDas dreizehnte Ufer
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Kapitel 22 /

Bis zu der Linie

10 Minuten Lesezeit · Das dreizehnte Ufer

Bleistiftzeichnung eines kleinen Küchentisches mit drei Tellern und einem herangerückten Besucherstuhl.
Für den dritten Platz musste der Tisch von der Wand.

Die Geschichte hören

12:53 Min. Hörzeit

Gelesen mit Nova · KI-generierte Stimme

»Leg nicht einfach auf«, sagte Jonas.

Mara hielt inne. Auf dem Bildschirm stand bereits Bergers Name.

»Dann sag mir, was du ihr noch nicht gesagt hast.«

Er atmete ein, als wolle er widersprechen. »Dass Paul eine Bedingung gestellt hat.«

Ruth rückte ihren Stuhl zurück. Mara ging in den Flur, ließ die Tür aber offen.

Nach dem Sand aus der Fuge habe Paul auf den trockenen Teil der Treppe gezeigt, sagte Jonas. Dort wollte er bleiben. Keine weitere Absenkung, bevor jemand den Zustand beurteilt hatte. Brandt habe erklärt, die Stelle werde beobachtet; der Sand sei bekannt und bedeute nicht, dass unter den Stufen etwas nachgebe. Für die Probe könne man den Pegel begrenzen.

»Und das reichte Paul?«

»Zuerst nicht.«

»Was heißt zuerst?«

Brandt habe einen weißen Strich an die Wange der Treppe gemacht. Weiter hinunter dürfe das Wasser nicht. Er selbst werde am Taster bleiben und den Auslass anschließend wieder schließen. Paul habe zugestimmt, zunächst von oben zuzusehen. Erst danach sei er auf die frei gewordenen Stufen gegangen.

»Du hast den Keil gemacht.«

»Für die Probe. Weil Brandt zwischendurch auf den Pegel schauen wollte. Ich sollte danebenbleiben.«

»Bist du geblieben?«

»Ja.«

Mara hörte draußen ein Auto langsam am Haus vorbeifahren. Im Flur bewegte sich das Licht über die Wand und verschwand wieder.

»Für den Auftritt hat Paul verlangt, dass keiner den Schalter allein lässt«, sagte Jonas. »Brandt hat es ihm zugesagt. Schriftlich.«

»Hast du das?«

»Auf dem Telefon.«

»Dann bring es zu Berger. Jetzt. Ich rufe sie an.«

Diesmal hielt er sie nicht auf.

Berger ließ Mara ausreden und fragte danach, welche Worte Jonas selbst benutzt hatte. Mara ging den Satz noch einmal durch. Nicht ungefähr. Nicht in der Form, in der er sich bereits in ihrem Kopf zu einem Vorwurf ordnete. Sie sagte, was sie gehört hatte, und auch, was sie gefragt hatte.

»Die Nachricht muss vollständig gesichert werden«, sagte Berger. »Kein einzelnes Bildschirmfoto. Ich kümmere mich darum.«

»Kann dort noch etwas passieren?«

»Deshalb geht die neue Angabe auch an die technische Einsatzleitung. Die Sperre bleibt bestehen. Bitte fahren Sie nicht hin.«

Mara blickte auf ihre Jacke am Haken. Bis zu diesem Satz hatte sie nicht bemerkt, dass sie schon den Autoschlüssel in der Hand hielt.

»Ich fahre nicht zum See.«

Als sie in die Küche zurückkam, hatte Ruth die Teller übereinandergestellt. Sie fragte nicht nach allen Einzelheiten. Mara erzählte ihr von der Linie und der Zusage, dann blieb sie neben dem Tisch stehen.

»Ich muss zu Lene.«

Ruth nickte.

»Willst du nach Hause?«

»Ja. Ich warte auf meine Unterlagen. Und ich möchte heute selbst ans Telefon gehen.«

Mara brachte sie hin. Vor Ruths Tür blieb der Motor noch einen Augenblick an. Ruth hielt ihre Tasche auf den Knien und betrachtete das Haus, als prüfe sie, ob sie dort etwas vergessen hatte, bevor sie überhaupt eingetreten war.

»Wenn du ihn triffst«, sagte sie, »musst du nicht für mich froh sein.«

»Was?«

»Deinen Bruder. Weil meine Schwester nicht vor der Tür steht. Das ist keine Rechnung, Mara.«

Mara stellte den Motor ab.

Ruth griff nach ihrer Hand. Ihre Finger waren kühl und trocken. Dann stieg sie aus, langsam wegen des Knies, und ging die wenigen Stufen hinauf. Sie drehte sich nicht noch einmal um. Mara wartete, bis die Tür geschlossen war.

Lene antwortete beim zweiten Klingeln. Mara sagte, dass sie kommen wolle und dass es um Paul gehe.

»Dann komm«, sagte Lene. »Aber bring nichts mit.«

Im Laden brannte noch Licht. Ein Schild an der Tür zeigte geschlossen, und hinter der Scheibe lag ein Buch mit einem dunkelroten Rücken unter Gewichten. Mara klopfte. Lene schloss auf und drehte den Schlüssel wieder um, als sie drinnen war.

Sie trug eine Schürze. An einem Daumen klebte ein schmaler Streifen Papier.

»Ich muss das fertig machen«, sagte sie. »Setz dich nicht auf den Hocker. Da ist Leim dran.«

Mara blieb stehen.

Lene strich mit einem flachen Werkzeug über den Rücken des Buches. Sie arbeitete von der Mitte zu den Rändern. Ihre Bewegungen waren ruhig, aber als das Papier sich an einer Stelle hob, fluchte sie. Mara hatte sie noch nie fluchen hören. Es tat ihr gut, bis ihr auffiel, wie selbstsüchtig auch diese Erleichterung war.

»Sag es«, sagte Lene.

Mara erzählte von der Probe, von Jonas und dem Keil. Sie sagte, dass Paul den Sand bemerkt und zunächst widersprochen hatte. Dass ihm eine Grenze versprochen worden war und jemand am Schalter. Sie verschwieg nicht, dass sie all das von ihrem Bruder wusste und die Polizei es erst prüfen musste.

Lene legte das Werkzeug weg.

»Du hast gestern gesagt, er sei beteiligt.«

»Ja.«

»Das klingt anders, wenn man erfährt, was er mit den Händen gemacht hat.«

Mara sah auf Lenes Daumen. Der Papierstreifen hatte sich gelöst und hing nur noch an einer Ecke.

»Ich weiß.«

»Nein«, sagte Lene. Nicht laut. »Du fängst gerade an, es zu wissen.«

Sie führte Mara nach hinten. In der Küche war der Tisch frei bis auf einen Becher und eine Schale mit Schlüsseln. Lene füllte Wasser in zwei Gläser. Mara setzte sich auf den Platz, den sie beim letzten Besuch gehabt hatte. Gegenüber blieb ein Stuhl unbesetzt.

»Warum hat Paul das überhaupt gewollt?«, fragte sie.

Lene lehnte am Spülbecken. »Seinen Namen zurück? Das kann ich verstehen. Dass er dafür eine Treppe brauchte, verstehe ich nicht.«

Mara dachte an die Urkunde, an das Band, an die Bilder, die Menschen sich merken sollten. Ein Mann musste aus dem Wasser heraufkommen, damit man ihm glaubte, dass er nicht darin gestorben war. Jemand hatte das für eine gute Geschichte gehalten. Paul hatte darin eine Aufgabe bekommen, die nur er erfüllen konnte.

»Er hätte dir sagen können, wer er war.«

»Ja.« Lene schob die Hände in die Taschen der Schürze. »Und dann hätte ich Fragen gestellt, die nicht mit einem Auftritt beantwortet gewesen wären.«

Mara nahm einen Schluck. Das Wasser schmeckte nach nichts. Sie war froh darüber.

»Ich habe ihn nicht nur verloren«, sagte Lene. »Ich muss jetzt Dinge über ihn wissen, die ich ihm gern selbst vorgeworfen hätte. Und ich merke, dass ich dauernd versuche, ihn davor zu schützen.«

»Ich mache das mit Mutter.«

Lene sah sie an.

Mara erzählte von den drei Blättern. Keine Flurstücksnummern, keine Vermutungen über einen Mörder. Nur, dass Eva Dokumente aufbewahrt hatte, die ihren Vater belasteten, und dass Paul sie 1998 für sie hatte holen sollen. Dass er stattdessen ihren verletzten Sohn gefunden hatte.

Lene zog den Papierrest von ihrem Daumen.

»Das passt zu ihm«, sagte sie.

»Was davon?«

»Beides.«

Mara ließ den Satz stehen. Sie wollte nicht wieder entscheiden, welcher Teil eines Menschen für die anderen gelten durfte.

Ihr Telefon vibrierte auf dem Tisch.

Berger fragte zunächst, ob Mara frei sprechen könne. Sie sagte, dass sie bei Lene sei. Berger wartete, bis Mara in den kleinen Gang vor der Küche gegangen war.

Die Nachrichten seien übernommen worden. Brandts Zusage liege im Gesprächsverlauf vor; Jonas habe sie damals an Paul weitergeleitet. Die Antwort aus Pauls Kontakt passe dazu. Berger las nur die Sätze vor, die Maras heutige Angaben betrafen.

»Ich bleibe am Taster. Bis zur Linie, keinen Zentimeter weiter.«

Danach Pauls Antwort, an Jonas: »Dann ja. Sonst oben.«

Mara drückte die Stirn gegen die kühle Wand. Der Mann hatte nicht blind hinuntergewollt. Er hatte eine Bedingung gestellt. Andere hatten sie angenommen. Das machte seinen Tod nicht einfacher, aber es nahm ihm etwas von der falschen Unausweichlichkeit, die die Kassette ihm gegeben hatte.

»Wer hat um neun Uhr sechsunddreißig geschaltet?«

Am anderen Ende hörte sie Papier. Dann sagte Berger: »Herr Brandt räumt die Bedienung inzwischen ein.«

Mara nahm die Stirn von der Wand.

»Und den Keil?«

»Auch dessen Verwendung. Seine Darstellung des weiteren Ablaufs wird überprüft. Mehr kann ich Ihnen dazu jetzt nicht sagen.«

»War er am Schalter, als Paul starb?«

»Das ist eine andere Frage. Wir kennen den genauen Todeszeitpunkt noch nicht so, dass ich Ihnen darauf eine verlässliche Antwort geben könnte.«

Mara dachte an den ersten Morgen. Brandt neben dem grauen Gehäuse. Seine Erklärung, dass der Taster einen Namen nicht erkennen könne. Er hatte ihnen eine Eigenschaft der Maschine genannt und seine eigene Handlung weggelassen.

Berger sagte, die Steuerung werde vorerst nicht mehr unter seiner alleinigen Verantwortung betrieben. Die technischen Entscheidungen liefen über die eingesetzten Fachleute; die unabhängige Bewertung des Schadens brauche Messungen und Unterlagen. Die neue Mängelanzeige sei weitergegeben. Niemand dürfe aus einer alten Notiz auf den heutigen Zustand schließen, aber ebenso wenig dürfe man sie ignorieren.

»Die Zusage ist also keine Freigabe gewesen«, sagte Mara.

»Bis jetzt liegt uns kein entsprechender unabhängiger Nachweis vor.«

»Darf ich Lene sagen, dass er geschaltet hat?«

Berger schwieg kurz. »Frau Mertens wird von uns informiert. Wenn sie sprechen möchte, geben Sie ihr bitte das Telefon.«

Mara ging zurück. Lene stand noch am Spülbecken. Sie sah Maras Gesicht an und nahm das Telefon, ohne zu fragen, ob etwas geschehen sei.

Mara setzte sich. Sie hörte nur Lenes Antworten. Ein Ja. Ein Nein. Dann die Frage, wann sie etwas Schriftliches bekomme. Als Lene nach einer Weile das Gerät auf den Tisch legte, war der Bildschirm dunkel.

»Er hat Brot holen wollen«, sagte sie.

Mara sah auf.

»An dem Morgen. Ich habe ihm gesagt, er soll welches mitbringen.«

»Du hast es mir erzählt.«

»Ich weiß. Es fällt mir nur immer wieder ein.«

Mara blieb sitzen. Es gab nichts an diesem Satz, das erklärt werden musste.

Nach einer Weile stellte Lene eine Pfanne auf den Herd. Sie nahm Kartoffeln aus einem Topf im Kühlschrank und begann, sie zu schneiden. Mara fragte, ob sie helfen könne.

»Zwiebeln. Da unten.«

Mara fand das Netz im Schrank. Sie legte zwei Zwiebeln auf ein Brett und nahm ein Messer. Die erste Schale löste sich in einem einzigen langen Stück. Bei der zweiten riss sie. Lene schob ihr eine Schüssel hin.

Das Telefon leuchtete erneut auf. Jonas. Diesmal eine Nachricht.

Er sei mit den Fragen für heute fertig. Er wolle wissen, ob er noch kommen dürfe. Keine Ausrede, kein Hinweis darauf, wie lange er gewartet hatte. Mara las die Zeilen zweimal und legte das Gerät mit dem Bildschirm nach oben hin.

»Mein Bruder«, sagte sie.

Lene sah kurz hin. »Was will er?«

»Mich sehen.«

Das Fett in der Pfanne begann zu knistern. Lene nahm die Kartoffelscheiben mit der flachen Klinge auf und schob sie hinein. Mara hielt den Atem an, als ließe sich die nächste Antwort dadurch beeinflussen.

»Ich möchte ihn auch sehen«, sagte Lene.

»Heute?«

»Ich möchte nicht erst von dir erfahren, was für ein Mensch er ist.«

Mara öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sie hatte Lene Wahrheit versprochen. Trotzdem war ihr erster Gedanke gewesen, Jonas noch einen Abend vor ihr zu bewahren.

Sie schrieb ihm, wo sie sei. Dann, dass Lene ihn sprechen wolle. Er solle nur kommen, wenn er bereit sei, selbst zu antworten.

Die Antwort kam, bevor sie das Messer wieder in die Hand nehmen konnte.

Ich komme.

Lene nahm einen dritten Teller aus dem Schrank. Sie stellte ihn weder an Pauls Platz noch neben Maras. Sie rückte den kleinen Tisch von der Wand ab und deckte an der Stirnseite.

»Den Stuhl musst du aus dem Laden holen«, sagte sie.

Mara wusch sich die Hände und ging nach vorn. Der Hocker mit dem frischen Leim blieb stehen. Sie nahm den schweren Besucherstuhl, trug ihn durch den schmalen Gang und passte auf, mit der Lehne nicht an die Wand zu stoßen. In der Küche machte Lene einen Schritt zur Seite.

Gemeinsam schufen sie einen Platz, an dem keiner von ihnen bequem sitzen würde.